Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 38 (10.12.1920)
- Date
- 1920-12-10
- Page
- Seite 440 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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440 Nationen bemühten sich, die hochgehenden Wogen zu glätten, indem sie ihre Anhänger ermahnten, sich wegen eines Steines nicht aufzuregen und keine Gewalttaten zu begehen. Allein, sie hatten diesmal nicht die Massen in der Hand. Die Gasse gehorchte anderen Führern, zumal auch Vorteile winkten. Die Parole der Vergeltung fand eben mehr Anklang als -vernünftige Erwägungen und ihr Widerhall war in deutschen Redaktionen, Theatern usw. vernehmbar. Auch daS jüdische Rathaus mutzte sich den Besuch der aufgeregten Menge gefallen lassen, -wo allerdings lediglich Matrikelbücher und andere Schriften und Dokumente von unschätzbarem Wert der Vernichtung preisgegeben wurden. Doch mutz anerkannt werden, daß die Regierung sich alle Mühe gab, die Menge zu beruhigen. Freilich schien -die Staatsgewalt suspendiert. Wir eriehen also, daß die Denkmäler aus Erz und Stein, welche gestern den großen Männern aus Dankbarkeit errichtet wurden, heute wieder ihre Zerstörung erfahren. Aber auch die Heroen der Gegenwart, welchen unsere Generation Straßen, Plätze, Bahnhöfe usw. widmet, werden vielleicht schon morgen ebenso geschmäht und inden Staub gerissen. Das ist der Lauf der Welt! D o b r i s ch b. Prag, November 1920. Dr. I. Eisender g. Dr. Max Grunwald. Ein Lestgruß zu seinem 25 jährigen Amtsjubiläum. Von Rabbiner Prof. Dr. Hofmann (Reichenberg), s ist die Ehrenschuld einer jeden Gesamtheit, der Träger und Fortbildner ihres Geisteslebens, besonders wenn sie an einen bedeutsamen Abschnitt ihres Lebens gelangen und auf der Kammhöhe ihres Schaffens stehen, rühmend zu gedenken. Eine gerechte Würdigung ihres Wesens und Wirkens drängt zum Dank. Tie Dankesschuld führt zur Anerkennung. Das wohlverdiente Lob ist wiederum der Boden, auf dem die Wunderblume der Liebe gedeiht. Ein Jubeltag gibt jetzt der Oeffentlichkeit besonderen Anlaß, einem Forscher und Redner für seine achtunggebietende Lebensarbeit zu danken. Einer der bedeutendsten Rabbiner der Jetztzeit, Dr. Max G r u n w a l d in Wien,, feierte nämlich vor kurzem sein fünfundzwanzigjähriges Amtsjubiläum. Geboren am 10. Oktober 1871 in Hindenburg (Zabrze), bezeichnen Gleiwitz, Breslau, Hamburg und Wien die vier Hauptstationen seiner -bisherigen Lebensfahrt. Nachdem der Jubilar das Gymnasium in der erwähnten oberschlesischen Kohlenstadt, die Universität und das Rabbinerseminar in der Oderstadt absolviert hatte, wirkte er acht Jahre in Hamburg an der Dammtorsynagoge, die er einweihte. Dann wurde er zum Rabbiner der Kultusgemeinde in Wien gewählt. Er hatte erst seinen Amtssitz im Bezirk Fünfhaus der ehemaligen österreichischen Residenz. Seit sieben Jahren hat er in der Leopoldstadt die Kanzel inn-e . auf der Jellinek, Güdemann, Schmiedl seine Vorgänger waren. Wenn man die selbst durch die letzten zwei unleidlichen Wiener Winter ungebrochene Frische, Arbeitskraft und Schaffensfreude Grunwalds in Betracht zieht, so staunt man wahrlich, daß er auch schon in die Reihe der Jubilare getreten ist. Uebersch-aut man anderseits die Fülle feiner Leistungen, muß man sich Wundern, daß er erst beim silbernen Amtsjubiläum hält. Denn seine Wirksamkeit ist eine recht vielseitige. Zuvörderst ist die Pflege der jüdischen Wissenschaft Grunwalds „große Leidenschaft". Seine ersten Wissenschaft-- lichen Arbeiten galten Spinoza. Dieser war, wie ein geistvoller Kritiker bemerkte, kein jüdischer Denker, aber ein denkender Jude.. Das Nietzsche-Wort: „Doch unter der Liebe fraß ein heimlich glimmender Rachebrand - am Judengott fraß Judenhaß . . . Einsiedler! Hab ich dich erkannt?!" findet auch in unseren Reihen immer mehr Anklang. Noch höre ich im Geiste unseren unvergeßlichen Hermann Cohen, der auch in einer Abhandlung Spinozas Verhalten dem Judentum gegenüber bloßlegte, am Vortragstisch gegen seine Herzenshärtigkeit donnern. Obschon sich jeder denkende Jude sowohl im Interesse einer philosophischen Durchbildung als auch zur Klärung und Festigung seiner jüdischen Lebensanschauung Mit dem Vater der neuen Weltweisheit auseinandersetzen muß, erfüllt es uns dennoch mit Stolz, daß dieser Geistesrecke aus jüdischem Boden gewachsenist. „Das Verhältnis M a l e b r a n ch e 8 z u S p i n 0 z a", so lautet der Titel der Doktordissertation Grunwalds. Im Jahre 1897 erschien seine vielgelesene. Preisgekrönte Schrift „Spinoza in Deutschland". Dieses Werk, in dem der Autor dem Einfluß Spinozas auf deutsche Dichter und Denker im Wandel der Weltanschauungen nachspürt, hat auch die Anerkennung von Eduard v. Hartmann, Haecket und Spielhagen gefunden. Das Hauptarbeitsfeld Grunwalds ist die Geschichte. Als rückwärts gewandter Prophet deutet er die Runen der Vergangenheit, entdeckt aber stets auch ein Stück Neuland. In den zwei Werken „P 0 r t u g i -e s e n g r ä b e r a u f d e u t s ch e r Erde" und „Hamburgs deutsche Juden" hat Grunwald zum ersten Male das anschauliche Moment, die Illustration, berücksichtigt/sowie nachdrücklich die wirtschaftliche Seite betont. Auch gelang es ihm, manches Material zu retten, das in Gefahr war, verloren zu gehen, so Grabinschriften und im Privatbesitz befindliche Dokumente. Auch der Amulettenstreit wird zum ersten Male nach einem Aktenmaterial dargestellt, welches man län'gst verloren glaubte. Für die Kenntnis des inneren Lebens der Juden haben diese Bücher einen hohen Wert und liefern auch schätzbare Beiträge zur Kunstgeschichte. Da unsere Geschichte vielfach Familiengeschichte ist und die Fäden von Hamburg auch weithin reichen, werden künftige Forschungen auf diese beiden Bücher zurückgreifen müssen. Auch in seinen weiteren Schriften: „Samuel Oppenheimer und fein Kreis" (gleichfalls preisgekrönt von der Rappaport-Stiftun-g) und „Die Wiener Juden von 162 4 bis 1 740", in der großen vom Wiener Altertumsverein herausgegebsnen Geschichte der Stadt Wien, hat sich Grunwald um Aufspürung und Erhaltung historischer Denkmäler bemüht. Das Oppenheimer-Buch, das ein interessantes Kapitel aus der Finanzgeschichte Oesterreichs darstellt, ist eine Ehrenrettung des großen Finanzmannes und Stadlans, der als Gründer der Wiener Gemeinde nach der letzten Vertreibung der Juden von der schönen, blauen Donau gelten darf. Während der jüdische Hoffaktor von seinen Zeitgenossen, von Ludwig von Baden, vom „edlen Ritter" Prinz Eugen rückhaltlos anerkannt wurde, von dem sogar der Kaiser selbst einmal sagte: „Ohne ihn müsse die Armee zugrunde gehen, ohne ihn könne sie nichts leisten", schneidet er bei der Nachwelt ungünstig ab. Meusi belegt ihn in seinem Buche „Die Geschichte der österreichischen Finanzen im 17. Jahrhundert" mrt allerlei Injurien, und auch der soeben verstorbene Sigmund Mayer erhebt in seinem Geschichtswerk „Die Wiener Juden" gegen ihn den Vorwurf der Würdelosigkeit.- Grunwald unternimmt nun an der Hand der Quellen eine Verteidigung dieses Mannes. Sein Buch wird übrigens von Mayer viel zitiert und warm gewürdigt. Das von unserem Jubilar herausgegebene Buch „D i e Feldzüge Napoleons" bringt interessante Aufzeichnungen jüdischer Teilnehmer und Augenzeugen. In all diesen geschichtlichen Arbeiten war sein Augenmerk vorzüglich auf -das k u l t u r h i st 0 r i s ch e Moment gerichtet. Grunwald ist aber auch der Pfadfinder auf dem weitverzweigten Gebiete der jüdischen Volkskunde. Schon in seiner noch als Student