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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-12-10 · Heft 38 (10.12.1920) · p. Seite 441

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 38 (10.12.1920)
Date
1920-12-10
Page
Seite 441 (sequence 9)
Language
German
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441: Von der evangelisch-theologischen Fakultät Breslau öffentlich belobigten Preisarbeit „Die Eigennamen des Alten Testamentes" erschloß sich ihm die Bedeutung des Volksglaubens. Die von ihm begründeten und seit mehr denn zwei Jahrzehnten herausgegebenen „Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde", zu deren fleißigsten Mitarbeitern der Herausgeber selbst gehört, ist die einzige Fachzeitschrift für jüdische Folklore. Diese ist natürlich für die Kenntnis und Beurteilung der ^Eigenart Israels von großer Wichtigkeit. Gern widmete sich Grunwald gewissen Grenzgebieten der jüdischen Geschichte, deren Beleuchtung den jüdischen Namen in neuem Glanze zeigt, z. B. „Juden als Reeder und Seefahrer", „Juden als Erfinder und Entdecker". Auch gab er im Verein mit anderen die „Hygiene der Juden" heraus. Von seinen übrigen apologetischen Schriften sind am bemerkenswertesten die „M o n i st i sch e nM ä r ch e n". Dieses Buch kann auch als Lektüre für die reifere Jugend empfohlen werden, der es an ähnlichen Wegweisern in den Wirrsalen der Weltanschauungen der Gegenwart noch vielfach gebricht. Die Wiffenschaft ist Grunwald kein weltfremdes Element, sondern eine Macht, die berufen ist, das Leben zu befruchten. Seine Vorträge, deren er in - Wien in jedem Winter, mitunter über zehn, hielt, verbreiteten viel Wiffen. In diesen Vorträgen behandelte er in systematischer Anordnung die ' entlegensten Gebiete. Zum Fleiß« Grunwalds, den Ludwig Geiger in diesen Blättern häufig betonte, gesellt sich auch Begabung, und so ist er durch Belesenheit und Gedächtnis eine lebende Enzyklopädie. Zum Teil wurden seine Vorträge auch vor nichtjüdifchen Zuhörern gehalten, z. B. in der Wiener „Urania" über den „Talmud", „Jüdische Ethik", „Jüdisches Volksleben" usw. Besser als mit papiernen Resolutionen, die nach außen hin doch ziemlich unwirksam bleiben, bekämpft man den Antisemitismus, diese moralische Grippe, wenn man in unserer eigenen Mitte und außerhalb unseres Lagers die Kenntnis des Judentums verbreitet. Seine Rhetorik kennzeichnet edles Pathos, unterstützt von einem klangvollen, schönen Organ. Grunwald hat als Prediger eine eigene Note, ist kein Nachbeter. Bei alledem lehnt er sich an die Predigtweise seines unmittelbaren Vorgängers Schmiedl an, dessen Meisterschaft in der Verbindung der alten Homiletik des Maggid mit geistvoller moderner Kanzelrede bekannt ist. Es war nicht die flammende Rhetorik eines Jellinek, sondern eine auf das Gemüt berechnete, eindringliche Beredsamkeit. Er besaß die Kunst, die Dinge gegenständlich, klar und greifbar, darum eben ergreifend darzustellen. Wie in Wien sich der Orient mit dem Westen berührt, so sind in Grunwalds Predigten moderne Gedanken stets mit einem Dr. Max Rabbiner der Israelitischen allerdings ungezwungenen „Wörtl" verknüpft. Seine Ausführungen — unerschrocken geißelt er die Schäden im Hause Israel! — bringt er gern auf eine kurze Formel, die sich leicht dem Gedächtnis einprägt. Eingedenk des SeherworteS: Kechu immachem debarim, entläßt er nie feine Zuhörer leer. Stets behandelt er ein aktuelles Thema. Aktualität, aber nie Parteipolitik. Und immer die Betonung des jüdischen Lebens im Hause, des Segens der lebendigen Ueberlieserungbei aller Sorge für die Zukunft die Achtung vor der Vergangenheit. Hunderte und aber Hunderte von Flüchtlingen aus dem Osten lauschten ergriffen und angeregt seinen Worten. Als praktischer Theologe suchte er auch durch das geschriebene Wort das religiöse Empfinden zu wecken und zu stärken. Sein Andachtsbuch „Beruria", in zwei Ausgaben, die eine für Frauen, die andere für junge Mädchen, ist durchweht vom Hauche der Poesie und hat zur Wiederbelebung des religiösen Sinnes der dem Judentum halb entfremdeten Frauenwelt beigetragen. Das Andachtsbuch „Empor die Herzen" hat Grunwald im Aufträge des Roten Kreuzes im Verein mit einem katholischen Hochschullehrer herausgegeben. Die Zeiten sind vorüber, wo Rabbiner sich bloß innerhalb der „vier Ellen der Halacha" zu bewegen brauchten. Grunwald gehört zu denen, die die Studierstube verlassen und sich auch organisatorisch und sozial betätigten. Die jüdische Abteilung der Inte rnationalen hygienischen Ausstellung zu Dresden war ein Zeugnis seines glänzenden organisatorischen Talentes. Die Wissenschaft des Judentums aus seiner Gettostellung zu befreien, in das allgemeine Geistesleben einzureihen und ihr dort einen würdigen Platz zu sichern, dieser alte Wunsch sollte wenigstens in einem Ausschnitt und für einige kurze Zeit verwirklicht werden. „Zum ersten Male seit ieinem Bestehen sollte sich der jüdische Stamm in den Hallen einer internationalen Ausstellung auf deutschem Boden in Reih und Glied neben anderen Völkern präsentieren und seine auf einem der bedeutendsten Lebensgebiete geschaffenen eigenartigen Kulturwerte den Nationen vorzeigen." Der Versuch ist vollauf gelungen; selbst bei sonst Fernstehenden wurde ein Verständnis für die hygienischen Errungenschaften des Judentums und ein Empfinden für das jüdischreligiöse Gemütsleben erweckt. Es war ein „Kiddusch Haschem". Aber welch eine Summe von Arbeit und Aufregung für Grunwald durch die Schaffung der jüdischen Abteilung erwuchs, können nur Eingeweihte beurteilen. Mehr als Ehrendiplom und Plakette, die ihm von der Allsstellungsleitung gewidmet wurden, belohnte ihn das Bewußtsein, ein Werk gefördert zu haben, das dem Judentum zur Ehre gereicht. Und wie viele großzügige Aktionen hat er eingeleitet, getreu seinem Gelöbnis in der Antrittspredigt: „Nicht Leiden lindern. Grunwald Kultusgememde irr Wien

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