Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 33 (1.10.1920)
- Date
- 1920-10-01
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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jüdische Zeitung dringt in unsere Verlassenheit. Und in dieser Stimmung der Bußtage ereilte plötzlich unsere Gemeinde, die ohnehin in einer verhängnisvollen Auslosung begriffen ist, ein Schlug, wie er sie nicht schwerer treffen konnte. Ihr erster Vorsteher, Karl K r e t s ch m e r , wurde ihr ganz unerwartet entrissen. Der Tod dieses Mannes bedeutet für die Gemeinde, zumal unter den jetzigen Verhältnissen, einen Verlust, der unersetzlich ist. Es gab keinen Zweig der Gemeindeverwaltung, den er nicht beherrschte. Ueberall machte sich sein abgeklärtes Urteil, sein Sachverständnis zum Vorteil der Gemeinde geltend. Und sein Wirken in der Gemeinde war getragen von echt jüdischem Wissen, von wahrhaft jüdischem Empfinden, von Liebe zum Judentum. Nach dem Wahrspruch unserer alten Weisen-waren, wie Rabbiner Tr. G a l l e s an seiner im Tempel ausgebahrten Leiche ausführte, Lehre, Dienst und Menschenliebe die Eckpfeiler seines Lebensgebäudes. Und Menschenliebe und Liebe zum Judentum waren es mich,' die ihn bei seiner Tätigkeit in den verschiedenen Institutionen der Gemeinde, z. B. im Kuratorium der Wollheimschen Stiftung (Wollheimsches Kranken- und Liechenhaus), leiteten. Auf ihn konnte man das Wort aus „Hamlet" anwenden: „Er war ein Mann, nehmt alles nur in allein, ihr werdet nimmer seinesgleichen sehen!" Auch in der Stadtverordnetenversammlung, die jetzt keinen Juden mehr in ihrer Mitte aufweist, hat er viele Jahre in vorbildlicher Weise gewirkt und den Einrichtungen der Stadt, z. B. der Sparkasse, durch seinen weisen A'at große Dienste geleistet. In der altehrwürdigen Lisfaer Jüdischen Gemeinde aber, die jetzt so schwere Tage durchlebt, wird der Name Kart Kretschmer gesegnet bleiben für alle Zeiten. r. Neustadt (O.-S.), 24. September. Der Seniorches der bekannten Leinensirma S. Fränkel, Kommerzienrat Emanuel Fränkel, ist hn 78. Lebensjahre gestorben. Der Verstorbene war der jüngste Sohn des Geheimen Kommissionsrats Samuel Fränkel, des Begründers der verüb nuten Leinensabrik. Er erh ielt eine gründliche kaufmännische und technische Ausbildung, die er in Bielefeld, England und Irland vervollkonunnete. Im Jahre 1869 trat er als Teilhaber in die als offene Handelsgesellschaft bestehende Firma ein. Lange Jahre wirkte der Verblichene als unbesoldeter Stadtrat in der Verwaltung des städtischere Gemeinwesens mit und zahlreich und bedeutend sind die Zuwendungen und Stiftungen, die Stadt und Kreis, Wohltätigkeitseinrichtungen und Vereine ihm zu danken haben. Anläßlich seines 70. Geburtstages wurde er daher zum Ehrenbürger von Neustadt ernannt. Auch vorn Staate wurden seine Verdienste um das Gemeinwohl durch mehrfache Auszeichnungen anerkannt. Als Vorsitzender der Synagogengemeinde und Ehrenvorsitzender des Wohltätigkeitsvereins seit 1910 an deren Spitze stehend, verliert seine Glaubensgemeinschaft in dem Heimgegangenen einen Mann von hervorragenden Verwaltungskenntiiissen und regsten Interessen für deren Angelegenheiten, einen ansrichtigen Berater und nie versagenden Wohltäter, ein treues, gottergebenes Gemeindemitglied, dessen Andenken für alle Zeiten nnanslöschlich in Segen fortleben wird. r. Breslau, 24. September. Anläßlich der Fahrzeit des vor einem Jahre he imge gange neu Gemeinderabbiners Professor Tr. Guttm a n n widmete diesem am Sonnabend, den 18. d. M., beim Hauptgottesdienste in der Neuen Shnagoge an der Stätte seiner segensreichen Wirksamkeit dessen Nachfolger, Rabbiner Dr. Vogel st ein, warmherzige Worte ehrenden Gedenkens. Sonntag, den 19. d. M., vormittags9 Uhr, fand an der Ruhestätte desVerewigten auf dem Friedhofe in der Lohestraße eine kurze ernste Feier statt. Mittags 1114 Uhr veranstaltete die Freie Jüdische Volksschule eine Gedenkfeier im großen Saale der Lessing-Loge, den ein erlesener Kreis bis auf den letzten Platz gefüllt hatte. Tie Feier wurde durch Gesänge des Chors der Neuen Synagoge unter Leitung des Kapellmeisters P u l v e r ma che r eingeleitet und geschlossen. Tr. H e i n e m a n n , Dozent am Jüdischtheologischen Seminar, hielt die Gedächtnisrede. Er entrollte in großen Zügen ein lichtvolles Lebensbild von Jakob Guttmann als Menschen, äls kraftvolle, starke, edle Persönlichkeit, als Seelsorger, namentlich als hochbedeutsamer Kanzelredner, als Fürsten im Reiche der Wissenschaft, namentlich der jüdischen, der er, der Tradition seines Hauses zufolge, gedient von Jugend an bis zu seinem Ende „von ganzem Herzen und von ganzer Seele". Jakob Guttmann genoß auch hohes Ansehen weit über die Grenzen seiner Glaubensgemeinschaft hinaus in den Gelehrtenkreisen durch seine fruchtbringende literarische Wirksamkeit aus religionsphilosophischem Gebiete. Zum Schlüsse rühmte Redner die reiche Tätigkeit des edlen Verklärten als Begründer, Meister und Führer der Breslauer Freien Jüdischen Volkshochschule, ein Werk, das heranreifen und emporblühen zu sehen ihm leider nicht mehr vergönnt sein sollte. Die weihevolle Feier hinterließ einen liefen Eindruck bei allen Anwesenden. r. Breslau, 24. September. Zu einer tief ergreifenden weihevollen Trauerkundgebung gestaltete sich am Rüsttage des Neujahrsfestes die feierliche Beisetzung des so jäh aus dem Leben geschiedenen Dr. jur. et rer. pol. Arthur Wolfgang Coh n. Eine ungewöhnlich zahlreiche erlesene Trauerversammlung füllte die Friedhofshalle in der Lohestraße bis auf den letzten Platz und« lauschte andächtig den warmherzigen Worten, mit denen Rabbiner Dr. Saenge r, der dem Verewigten freundschaftlich nahe gestanden hatte, dessen hohes Streben nach dem Vorbild und Beispiel seines ihm vor fünf Jahren im Tode vorausgegangenen Vaters, der Tradition seines Hauses gemäß, seine Verehrung und Liebe für die Mutter, seine Fürsorge um die Schwestern, seine Begeisterung für das Judentum und das Vaterland, sein Wirken auf dem Studiengebiete, das er sich erwählt, wie im Dienste des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens schilderte. Orgelklang begann und schloß die ernste Feier. Am Grabe widmete ein Freund dem allzufrüh Verklärten Worte des Gedenkens. In dem Nachrufe, den die Ortsgruppe Breslau des Zentralvereins dem Heimgegangenen widmete, heißt es u. a.: „Besonders erfolgreich hat der Verewigte sich als Führer der Jugend in dem uns aufgeziwungenen Kampfe gegen die Angriffe und Verleumdungen wider unsere Glaubensgemeinschaft bewährt. Sein Andenken wird bei uns nie erlöschen." Professor Dr. Adolf Weber (Frankfurt a. M.) widmete seinem Lieblingsschüler folgende ehrenvolle Worte: „Sein grundehrlicher Charakter, seine stete Hilfsbereitschaft, seine mannhafte und doch unaufdringliche Ueberzeugungstreue machten Arthur Wolfgang Cohn zu einem wahrhaft edlen Menschen, dem alle, die ihn kennenlernten, ein treues Andenken bewahren werden." Dr. Arthur Wolfgang Cohn wird von allen, die ihn gekannt haben, nicht vergessen werden. M. Hamburg, 24. September. Die letzte Sitzung des Repräsentantenkolleg in ins der Deutsch-Israelitischen Gemeinde fand unter Vorsitz des Herrn Dr. Ten t ler statt. Der Gemeindevorftand teilt mit, daß er den Beschlüssen der Repräsentantenbetreffend den Entwurf einer vorläufigen Verfassung des Reichsverbandes der jüdischen Gemeinden Deutschlands beitrete. Zur Prüfung der Abrechnung der Depositenkasse milder Stiftungen der Gemeinde wird eine dreigliedrige Kommission gewählt. Der Antrag des Vorstandes, den Betrag für die Talmud--Thora-Realschule von 25 000 Mark aus jährlich 40 000 Mark zu. erhöhen, ruft eine lebhafte Debatte hervor. EA wird unter anderem! gewünscht, daß neben dem Realschnlshstem noch ein Mittel- und Volksschulsystem für Minderbegabte Kinder ein geführt werde, und zwar durch Parallelabschlußklassen. Es wird weiter gelvünscht, daß nicht, wie geplant, dem neuzuwählenden Direktor auch das Aint des zweiten Rabbiners im Shnagogenverband übertragen werde, denn cs fei unmöglich, neben der Tätigkeit, die das Amt des Direktors einer so großen Schule erfordere, auch noch das Aint eines! Rabbiners zu versehen. Durch die Verbindung dieser beiden Aemter würde die Schule leiden. -Herr Gemeindevorsteher Jakob Al e xa n d e r erklärt, 'daß sich auch -der Gemeindevorstand entschieden gegen eine Verbindung der beiden Aemter ausgesprochen hat. Der Antrag des Gemeindevorstandes wird angenommen. Wegen Reorganisation der Schule soll in einer späteren Sitzung verhandelt werden. Der Antrag, des Gemeindevorstandes, die Friedhofsgärtnerei in Ohlsdorf einem nichtjüdischen Gärtner zu verpachten, ruft lebhaften Widerspruch hervor; der Antrag wird einer Prüfungskommission überwiesen. Es lag dann noch ein dringlicher Antrag des Gemeindevorstandes vor, das Israelitische Mädchenwaisenhaus (Paulinenstift), das bisher eine selbständige Stiftung war, in die Gemeinde zu übernehmen. Der Antrag wird ohne Debatte angenommen. M. Hamburg, 24. September. Anläßlich des 25jährigen Bestehens der Neuen Dammtorsynag»oge fand eine Feier statt, zu« der auch Senat und Bürgerschaft Vertreter entsandt hatten. Die früher an dieser Synagoge amtierenden Rabbiner Dr. G r u n w a l d (Wien) und Dr. L o e w e n t h a l (Berlin) waren gleichfalls zur Feier nach Hamburg gekommen. Außer dem Gemeindevorstand, Repräsentanten usw. waren auch die Gemeinden Altona und Wandsbek durch ihre Vorsteher vertreten. Nachdem der Vorsitzende, Herr Martin Fränkel, die Ehrengäste begrüßt hatte, gab er ein Bild der Entwick-