Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-09-03 · Heft 31 (3.9.1920) · p. Seite 353

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 31 (3.9.1920)
Date
1920-09-03
Page
Seite 353 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3229443-3229473--75930-3288472
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

dortige Rabbiner &r. Max Freudenthal herausgegeben und dadurch ein schönetz und llnvergängliches Werk geschaffen zur Erinnerung an die große, ernste und schwere Zeit des Krieges und zum Gedächtnis der im Kriege gefallenen Gemeindeangehörigen. Wohl niemand wäre so geeignet, ein solches Buch herauszugeben, als der um seine Gemeinde hochverdiente Rabbiner, der den ins Feld ziehenden Soldaten vor dem Ausmarsch den Segen erteilte und der, wie es hier der Fall war, durch eine lebhafte Korrespondenz mit ehemaligen Schülern und mit Freunden ein lebendiges. Bild des Krieges- und der Stimmung der Kriegsteilnehmer erhielt. Im ersten Teil des Buches wird der Lebensgang der -gefallenen- Helden mit kurzen Strichen geschildert. Das Bild von 176 Toten zieht an unserem Auge vorüber, teils zarte Knaben, die kaum der Schulbank entwachsen sind, teils durch das Leben gereifte Männer. Der zweite Teil des auch äußerlich schön und würdig, ausgestatteten Buches bringt zahlreiche Briefe von gefallenen Helden. Wenn schon die Biographien ernst und schwermütig stimmen, soist dies noch in ehr bei der Lektüre der Briefe der Fall. Herrliche Gesinnung für die Größe und Zukunft des deutschen Vaterlandes, Mut, Entschlossenheit und Tatkraft gehen aus diesen Aufzeichnungen hervor. Dann wieder Stimmungsbilder von wunderbarer Tiefe und von edler Sprache, wie sie angesichts des dräuenden Todes oft nur eingegeben sind. Dazwischen finden wir auch Poetische Ergüsse des hochbegabten und so jung gefallenen sind. zur. Robert Ziegel. Auch die tief empfundene Predigt, die Dr. Freudenthal bei der Gedächtnisfeier zu Ehren der Gefallenen in der Synagoge gehalten hah„ ist indem Buche Wiedergogeben. Das schöne und eigenartige Buch wird zur Erinnerungan die teuren Toten einen Ehrenplatz in jedem Hause der Nürnberger Gemeinde einnehmen. Der Herausgeber stellt dem Buche das treffliche Geleitwort voran: „Den Tapferen zur Ehre, den Verleumdern zur Lehre ziehe es hinaus und künde, wie auch aus der deutschen Juden Mitte so viele heldenhaft und treu ihr Loben eingesetzt — nach des Dichters Wort: um dich, Deutscher, um dich und um unserer Heimat Land!" * Alls Elbing wird uns geschrieben: Es werden in letzter Zeit die größten Anstrengungen gemacht, den Antisemitismus auch nach Elbing zu verpflanzen. So wurden einige Zeit die Häuser unserer Stadt mit antisemitischen Zetteln beklebt. Herr Rechtsanwalt L e w i n s o h n geißelte in der letzten Sta-dtverovdnetensitzung dieses Treiben. Seine Entrüstung wurde von der gesamten Versammlung geteilt. Das ärgerte die Herren Antisemiten und ries den hiesigen Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund auf den Plan. Sein Vorsitzender fühlte sich bemüßigt, folgende Erklärung in der „Elbinger Zeitung" .abzugeben: „Zur „Judenhetze." Ehe in Elbing jemand daran dachte, judengegnerische Flugschriften zll verteilen, find in den hiesigen höheren Schulen schön gummierte Zettel — zum Ankleben! — in Massen verteilt worden, deren Inhalt alle die aufs gröblichste verletzte, die sich dagegen wehren, daß von. gewissenlosen Nichtchristen alles, was dem Deutschen heilig «und teuer ist, in den Schmutz gezogen wird. Pr-oben dieser Zettel stehen zur Verfügung. In Abwdhr dieser Angriffe haben sich junge Leute judengegnerische Zettel kommen lassen. Nach unseren Feststellungen gehören — mit einer Ausnahme — alle der Deutschen Volkspartei und der Deutschen ldenwkra tischen Partei an; auch ein sozialistischer Arbeiter ist aktiv beteiligt! Daraus geht unzweifelhaft hervor, daß die Entrüstung über das unverantwortliche ' Vorgehen israelitischer Hetzer sich nicht allein auf die vöan Stadtverordneten Lewinsohn bezeichneten Kreist beschränkt hat. Herr Rechtsanwalt Lewinsohn -möge sich daher an seine eigenen Volksgenossen wenden und sie zur höchst nötigen Zurückhaltung ausfordern. Der Deutschvölkische 'Schutz- und Trutzbund, Ortsgruppe Elbing. I. A. B a e g e r." Der Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund hat jedoch eine Antwort erhalten, über die er sich nun ausschweigt. Sie lautete: „Zur Aufklärung. Auf das „Zur Judelchetze" überschriebme Eingesandt des Herrn Zollausseher A. Baeger in Nr. 180 der „Elbinger Zeitung" kann ich erst heute eingehen, weil' ich mir zunächst eine genaue Kenntnis der Vorgänge, auf denen Herr Baeger seine schwere Anschuldigung ausbmti> verschaffen mußte. Es hat sich - -nun ergeben, daß die Darstellung des Herrn Baeger vollkommen unrichtig ist. Auch von den Leitungen der höheren hiesigen Schulen ist sestgestellt worden, daß nicht der geringste Anhaltspunkt für die Behauptung Baegers besteht, „in den hiesigen höheren Schulen seien -gummierte Zettel zum Ankleben in Massen verteilt worden, deren Inhalt alle die auiss -gröblichste verletzte, die sich dagegen wehren, daß von gewissenlosen Nichtchristen alles, was dem Deutschen heilig, und teuer ist, in den Schmutz gezogen werde". Ich war bei Herrn Baeger und bat ihn, die jüdischen Schüler zu nennen, die sich eines solchen Vergehens schuldig gemacht hätten. Darauf gab er mir zurück, er habe derartiges den jüdischen Schülern der hiesigen höheren Lehranstalten nicht vorgeworfeu., er habe sich vielmehr in der Leideform ansgedrückt und nur -erklärt, daß Zettel verbreitet 'worden seien; von n>em, habe er nicht gesagt. Eine sonderbare Auffassung, fragt sich nur, was er -dann mit seinem Eingesandt -bezweckt. Die 'bewußten Zettel, die er «mir zur Ver-füglmg stellte, haben folgende Aufschriften: Judenhaß aus Eigennutz ist Schurkerei, aus Ueberzeugäng ist Dummheit. Judenhaß ist der Sozialismus der Dummen. Das größte Nebel ist der Judenhaß." Eine Bestlfimpfung alles dessen, was den Deiltschen heilig ist, enthalten die Zettel also nicht. Aber selbst diese Zettel sind nicht von jüdischen Schülern, rneines Wissens auch nicht von christlichen Schülern in die höheren Schulen hineingetragen und dort in Massen verbreitet worden, sondern sie befeinden sich im Besitze eines christlichen Schülers der höheren Lehranstalten, der sie von einen: in der Deuitschnationalen Voltspartei bekannten Herrn erhalten haben will. Ob sie diesem zugeschickt oder von ihm bezogen worden sind, um den Kamps regen den Antisemitismus an-szunehmen, darüber habe ich kein Urteil. Herrn Baegers Verhalten ist mir nur unter der Voraussetzung verständlich, daß er diejenigen entlasten will, die die Häuser mit antisemitischen Zetteln beklebt haben und die er kennen muß, was aus seiner Aeußernng im Eingesandt hervorgeht: „Nach unfern Fest-, stellungen gehören mit einer Ausnahme alle der Deutschen Volks.- partei und der Deutschen demokratischen Partei an, auch ein sozial!-" stischer Arbeiter ist aktiv beteiligt." Seine Mahnung an die Mitbürger jüdischen Glaubens, sich einer größeren Zurückhaltung zu befleißigen, beantworte ich mit dem Gleichnis vom Splitter im Auge des Mitmenschen und dem Balken im eigenen Auge. Rabbiner Dr. Auerbach." Es sei noch bemerkt, daß Herr Oberbürgermeister Dr. Merten das Versprechen gab, die Uebeltäter strafrechtlich zu verfolgen. Wir wollen hoffen, daß es den fast durchweg von außerhalb stammenden Antisemiten hier nicht gelingen wird, das mustergültige Einvernehmen zwischen christlicher und jüdischer Bevölkerung zu stören. * Aus Aachen wird uns geschrieben: Der Tod des Stiftspropstes D r. Kaufmann, der sich seiner wahrhaften Gerechtigkeit und echten Religiosität wegen auch in andersgläubigen Kreisen großer Beliebtheit erfreute, wird auch von der jüdischen Bevölkerung unstrer Stadt allgemein bedauert. Zum Sprachrohr dieser Empfindungen hat sich Rabbiner Dr. I a u l u s gemacht, der an das hiesige Kollegiatkapitel folgendes Schreiben richtete: „Das hochwürdige Kollegiatkapitel bitte ich, den Ausdruck meines tiefsten Beileids zum Ableben des hochwürdigen Herrn Stistspropstes Dr. Franz X. Kaufmann entgegenzunehmen. Gewiß ist es in erster Reihe die katholische Welt, die seinen Verlust aufs schmerzlichste empfindet. Aber auch die jüdische Glaubeusgenossenschast bedauert ernst und ehrlich seinen Heimgang. Denn er, der in vorbildlicher Weise seinem Glauben treu-war, erwies sich zugleich darin als echter und rechter Priester Gottes, daß er, fern von jeder Intoleranz und Engherzigkeit, auch bei anderen Religionsgemeinschaften undinsbesondere bei der jüdischen die Glaubenstreue würdigte und achtete und, gleich dem unvergeßlichen Windthor st, in seiner öffentlichen Wirksamkeit als Landtagsabgeordneter stets bereit war, für sie einzu-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.