Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 31 (3.9.1920)
- Date
- 1920-09-03
- Page
- Seite 354 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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treten, um sie gegen Verkennung und Zurücksetzung in Schutz zu nehmen. Meine Gemeinde und ich werden dem Verewigten unauslöschliche dankbare Erinnerung bewahren." * Antisemitische Gesetzgebung in Ungarn. In der ungarischen Nationalversammlung hat Abgeordneter Ladislaus Budavary zur Lösung der Judensrage einen Antrag eingebracht, worin es heißt: „Ausschließung aller Juden von der^ Staatsbürgerschaft; Konfiskation der Vermögen aller seit 1914 ein-' gewanderten Juden, sowie aller derjenigen^ die aus Kriegslieferungen oder aus der Kriegskonjunktur entstanden seien; Verbot jüdischer Schulen; Ausschließung der Juden von der Leitung von Unternehmungen, insbesondere von Banken und Zeitungen, sowie von allen öffentlichen Stellungen wie Richteramt, Notariat und Professur; den Inden werden alle politischen Rechte entzogen; Juden dürfen keine christlichen Bediensteten zu persönlichen Dienstleistungen, anstellen und dürfen selber nicht ausländische Unternehmungen in Ungarn vertreten,; sie dürfen Bodenbesitz weder kaufen noch! pachten und ihre Grundstücke sind noch im Lause des Jahres 1920 vom Staate abzulösen. Wie die „Franks. Ztg." meldet, wurde dieser Antrag, nachdem der Minister Stefan Szabo erklärt hatte, er sei in vielen Punkten mit dein Antrag nicht einverstanden!, halte jedoch dafür, daß man \l)n auf die Tagesordnung setzen solle, mit Stimmenmehrheit zur. Behandlung angenommen; dagegen stinnnten nur etwa Zwanzig Abgeordnete, darunter Graf Apponyi und Gras Andrassh. Nachbeul seit dem Sieg der weißen Terroristen die Juden in Ungarn als vogelfrei gegolten haben, besagt eigentlich das „Budavary-Gesetz" nicht--! weiter als die Legalisierung bereits begangener Greuel und Gewalttaten gegen die Juden. * Auf der Welthilfskonserenz zu Karlsbad erstattete Advokat Schloßberg einen interessanten Bericht über die Lage der jüdischen Bevölkerung in Sowjetrußland, aus dem nach der „Wiener Morgenzeitung" folgendes mitgeteilt sei: Als der Krieg aushörte, kam die Revolution. Wir erlangten wohl vorerst die Gleichberechtigung, aber die Freude währte nicht lange. Tie Folgen und die Ergebnisse der Revolution hatten ihre Wirkung, daß gerade die städtische Bevölkerung ihre ökonomische Selbständigkeit gänzlich verloren hat. Es gibt keinen freien Handel und kein freies Gewerbe. Alles ist verstaatlicht. Da die jüdische Bevölkerung nicht im Bauernstände vertreten ist, da überhaupt kein Rohmaterial, da ist, kein Handel und kein Handwerk, so läßt sich wohl vorstellen, wie. der Zustand der jüdischen Bevölkerung ist. Doch es war nicht genug an Kriegsopfern und an Revolutionsopsern. Die Judenmassakers, von denen die Ukrainer heim gesucht wurden, schlugen ihre Wellen bis nach Großrußland. Auch hier wurden viele Städte von den herumziehenden Banden überfallen, die Juden geschlachtet, viele vertrieben. Wieder gab es Flüchtlinge, und noch jetzt sind nicht weniger als 10 000 jüdische Flüchtlinge in Smolensk, Witebsk,. Hömel, die nicht die Möglichkeit haben, nach Hause zu kommen. Wir waren von der Ukraine abgeschnitten 'und nur manchmal kamen Nachrichten, in welchen wir von den furchtbaren Pogromen der Armee Petljuras hörten. So gab es denn eine neue Kategorie von hilfsbedürftigen Pogromopfern. i Man kann kaum feste Angaben machen über die Zahl der Hilfsbedürftigen in Sowjetrußland. Denn der Begriff Sowjetrußland ist kein fester und immer mehr dehnt sich das Gebiet der Sowjetrepublik nach Westen aus. Nur allgemein kann man die jetzige Not schildern. Ohne soziale Hilfe muß das russische Judentum ökonomisch zugrundegehen. Nur die Hoffnung auf Wiedergeburt erhält es am Leben. Denn der Zustand ist trotz allen Jammers nicht hoffnungslos. Es kann vieles geschehen. Bor allem müssen die Kinder gerettet werden. Wir haben in Rußland keine nationale Schule, es gibt nur Staatsschulen, Religionsunterricht ist verboten. Die ganze Bevölkerung verhungert. Wenn ich die Zahl der in den Städten von Rußland lebenden Juden mit 3,5 Millionen angebe, so habe ich damit auch die Zahl der Hungernden angegeben. Es gibt keinen einzigen, der nicht hungert. Freilich hungern die anderen auch. In' dieser Beziehung herrscht vollkommene Gleichberechtigung. Aber das erleichtert die Lage nicht. Ganz besonders leidet die Jugend Und die Kinder. Ihnen müssen wir bor allemhelfen. Die Entwicklung, welche «die große Not in wirtschaftlicher " Hinsicht hervorgerufen hat, zeigt schon den Weg zur Hilfe. Biele Elemente haben sich der Landwirtschaft zugewendet und suchen sich auf diese Weise zu ernähren. Diese Möglichkeit der Hilfe besteht also. Denn wenn auch der Boden nationalisiert ist, die freie Arbeit ist nicht verboten. Der Handel ist wohl ausgeschlossen, aber die Bearbeitung des Bodens ist nicht ausgeschlossen. Man muß daher den Juden die Möglichkeit geben, die nötigen Werkzeuge zu beschaffen, -damit sie sich mit der Landwirtschaft beschäftigen können. Das ist jetzt das Bestreben der Organisation zur Förderung von Handwerk und Landwirtschaft, deren Präsident der Vortragende ist. So hat die Notlage vielleicht zum Wohle der Juden eine ganz neue Möglichkeit der Hilfe ausgebildet: die Unterstützung der landwirtschaftlichen Betätigung. Eine weitere große Aufgabe ist, den Handwerkern die Möglichkeit zu geben, ihr Handwerk zu betreiben. Die Möglichkeiten dazu mehren sich. Nach einigen letzten Dekreten der Sowjetregierung wird die Hausindustrie 'begünstigt; hier kann schon vieles geleistet werden. Aber die Juden haben auch keine Möglichkeit, sie in Rußland zu beschaffen. Sie müssen importiert werden. Es gibt auch kein Material für das Handwerk; das alles muß durch jüdische Organisation geschaffen werden. Eine weitere Notwendigkeit ist die Kreditbeschaffung. * Am 13. August wur'de die WelthilsUonferenz nach einer feierlichen Ansprache Sokolo w s und einer Reihe Ansprachen anderer Delegierten, wie Dr. Ehrenpreis, Professor Dr. S i m o n f c n , Rottender g, S ch l o ß b c r g, Salz m a n n (Kanada), Staatssekretär R a ch m ilewicz (Kowno), M ozki n, geschlossen. Es wurde, wie bereitsmitgeteilt, eine aus 29 Mitgliedern bestehende jüdische Welkhilfszentrale mit dem Sitz in London und eine neungliedrige Exekutive gewühlt. Vor dem Schlüsse der Konferenz wurde ein H i l f s a u f r u f an alle an der Konferenz beteiligten Staaten sowie an die gesamte Judenheit erlassen. Es wurde auch beschlossen, einen Trostaufruf an die Judenschaft der Ukraine zu richten. Die südafrikanische Judenheit hat der Jüdischen Welthilfskonfevenz telegraphisch mitgetei'lt, daß in Südafrika 140 000 Pfund (zirka 80 Millionen Kronen) für Kriegsopfer gesammelt wurden. Ferner haben sich die südafrikanischen Juden bereit erklärt, eine größere Zahl von Kindern zu übernehmen und für Palästina vorzubereiten. Auch Kanada hat sich bereit erklärt, tausend jüdische Kriegswaisen zu übernehmen. * , Die Welthilfskonferenz in Karlsbad sandte an die Witwe des ermordeten Professors Frie'dländer nach New Aork sol-' gendes Telegramm: „Die in Karlsbad versammelte Hilfskonserenz hat mit tiefster Erschütterung des tragischen Hinscheidens Ihres verdienten Gatten, des Professors Israel Fr i ed lä n d er, und seines Begleiters Dr. Cantor gedacht, deren. Martyrium für ihre Brüder in der Geschichte der Hilfstätigkeit unvergeßlich bleiben wird. Nehmen Sie die Versicherung unseres 'schmerzlichsten Beileids entgegen, des Beileids im Namen derer, denen Ihr Gatte in solch hingebungsvoller Weise sein Leben zum Opfer gebracht hat." Gez. Leon Motzkin, Professor Simonsen und Morris. Rotten-b erg. J p. Z. * Die Palästirrafrage im englischen Obertzanse. Bei den Debatten über den Friedensvertrag mit -der Türkei im Oberhause berührte Lord Wester Wamis auch die Palästinasrage und sagte unter anderem: Wir machen in Palästina den Versuch, bas Land einer Gemeinschaft zu übergeben, die, sei es durch ökonomische,; sei es durch psychologische Gesetze, wie auch durch geschichtliche Bei-; spiele bewiesen hat, daß sie nicht in Freundschaft mit ihren Nachbarn ‘ leben könne. Außenminister Lord Curzon erklärte in seiner Antwort: - Lord Wamis ist sehr unzufrieden, daß England das Mandat über