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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-04-02 · Heft 14 (2.4.1920) · p. Seite 146

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 14 (2.4.1920)
Date
1920-04-02
Page
Seite 146 (sequence 2)
Language
German
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Wer die Propheten immer lvieder und wieder als Verkünder des jüdischen Universalismus «darstellt, aber ihre Propaganda für den jüdischen Nationalismus verschweigt, der hat ebenso une derjenige, der umgekehrt verfährt, entweder die Heilige Schrift nur zur Hälfte gelesen oder er macht sich, bewußt oder unbewußt, einer unverzeihlichen Unterschlagung schuldig. Man spricht auf der einen wie auf der anderen Seite so viel von den Propheten Israels ami) man denkt dabei so wenig an die Psyche des Volkes, aus dessen Mitte sie hervorgingen und dem ihre Gedanken und Reden, ihre Ermahnungen und Tröstungen gelten. „Wenn ein Volk untergegangen," - schreibt H e r m a n n Cohen — „seinen Staat verloren hat und nunmehr einem neuen Staat eingefügt worden ist, so besteht der Konflikt zwischen der Anhänglichkeit an den verlorenen Staat und an das fortbestehende Volkstum und dem Gehorsam und dem Anschluß an das neue, das allein autoritäre Staatswesen. Nach welcher Seite zeigt dabei der Wegweiser der Treue? Wenn ein Mensch oder eine Gruppe, die sich regelmäßig ansammelt, auswandert, einem anderen Staate sich anschtießt, wie teilt sich alsdann die Treue gegen das ursprüngliche und gegen das, wie man sagt, adoptierte Vaterland? Vielleicht wird an der zweiten Frage die Beantwortung der ersten leichter. Im zweiten Falle wird es außer Zweifel bleiben, daß die Treue auf das eigentliche, ursprüngliche Vaterland zu beziehen ist; der neue Staat, in den man eingetreten, fordert den Gehorsam und die Zugehörigkeit, welche durch eine andere Tugend bezeichnet werden; sie wird uns alsbald beschäftigen. Treue hingegen entspringt der Liebe, und unausrottbar und unverwelkbar muß die Treue auf alle Geschlechter hinaus zu dem Staate und zu dem Volke in den Herzen der Menschen blühen, die aus ihnen entsprossen sind."'') Das hatten Israels Propheten, die, wie eine Mutter in das Gemüt ihres der Beruhigung und des Trostes bedürftigen Kindes, in das Seelenleben ihres so hartgeprüften Volkes sich vertieften und es zu trösten und aufzurichten suchten, schon vor Jahrtausenden merklich empfunden. Sie mahnen das der Heimatscholle grausam entrissene und in die Fremde ziehende Volk zum Gehorsam und zur Anhänglichkeit an das „adoptierte Vaterland", aber nicht minder eindringlich auch zur Treue und Liebe für das ursprüngliche Geburtsland, mit dessen geheiligtem Boden feine historischen Erinnerungen unauflöslich verwoben sind. Sie waren, wenn man so sagen darf, weitschauende Realpolitiker. Der von ihnen propagierte jüdische Nationalismus ist darum auch vorwiegend völkisch-ethischer oder religiöser Natur; vielleicht besteht ihre Politik hauptsächlich darin, daß sie, indem sie das völkisch-religiöse Moment in den Vordergrund rücken, auch diejenigen, die den politischen Nationalismus des Judentums verwerfen, in seinen Kreis ziehen und ihnen so die Möglichkeit bieten, dem jüdischen Stamm in unwandelbarer Treue anzugehören. Tatsächlich schließt der von so vielen mißverstandene jüdische Nationalismus nicht bloß diejenigen, die ihm abtrünnig geworden, aus der jüdischen Volksgemeinschaft nicht aus, indem er den Grundsatz aufstellt: ^,*1 «enir 'Q'v'8 auch der von ihm sich abgewandte Israelit bleibt Israelit, sondern er nimmt in seinen Verband auch die fremder Nationalität auf, wenn sie sich zum ersten und unabänderlichen Punkt seiner Verfassung, zum unverfälschten Monotheismus, bekennen. Darum konnte und durfte Samuel Holdheim, der scharfsinnige, auch von seinerx Gegnern als hervorragender Talmudist anerkannte erste Prediger der Berliner Jüdischen Reformgemeinde — die, nebenbei bemerkt, am 2. April 1920 auf ein 75jähriges Bestehen zurückblickt — mit so begeisterten und herrlichen Worten von einer „jüdischen Nation" und einem „jüdischen Volke" sprechen, obgleich er die nationalpolitische Seite des Judentums bekämpfte, für sich und seine Gesinnungsgenossen eine reinliche Scheidung zwischen Nationalem und Religiösem vornahm und — sie vollzogen zu haben, glaubte. In der im Jahre 1806 von Napoleon Bonaparte einberufenen jüdischen Notabelnversammlung führte in der zweiten Sitzung (29. Juli) der Deputierte Berr Isaak Berr aus: „Mehr als siebzehn Jahrhunderte sind seit jener ewig denkwürdigen Epoche verflossen, wo durch fremde und siegreiche Legionen das jüdische Volk unterjocht ward, sein zinsbarer Zustand sich in einen sklavischen verwandelte und der Sturm des Unglücks es nach den vier Enden des bewohnten Erdballs zerstreute. Immer unglücklich und verfolgt, immer treu dem Glauben der Väter, nicht Martern, nicht den Tod scheuend, bietet es noch heute das Ehrfurcht einflößende, der menschlichen Vernunft unbegreifbare Schauspiel einer unbeweglichen Säule dar, die der einreißenden Flut der Jahrhunderte widerstanden hat. Und wenn der Ursprung dieses Volkes in der Wiege des menschlichen Geschlechtes zu suchen ist, so scheint es, daß seine Trl'unmer erst mit dem letzten menschlichen Wesen untergehen sollen." 'Er schloß mit den Worten: „Als Franzosen und als Juden wollen wir uns dem Ergüße unseres Herzens überlassen. Laßt uns schwören, beides zu bleiben: Franzosen, indem wir mit Eifer das von uns geliebte Vaterland verteidigen, und Juden, indem wir den religiösen Gesetzen und dein Glauben unserer Väter treu bleiben."^) Ja, man darf eben von einem jüdischen Nationalismus allein so wenig wie von einer jüdischen Religion, losgelöst von allen nationalen Erinnerungen und Hoffnungen, sprechen. Auf diese ist einmal die jüdische Religion ausgebaut, und religiöse Momente wiederum sind es, die den jüdischen Nationalismus zügeln, vor Chauvinismus bewahren. An die Worte des Hohenliedes: „Ich beschwöre euch, ihr Töchter Jerusalems, wecket nicht und reget nicht die Liebe, bis es ihr gefällt", schließen unsere Weisen die sinnige Bemerkung: Gott habe Israel beschworen: sich gegen die Völker der Welt nicht zu empören, die durch sie erlittenen Verfolgungen und Unterdrückungen nicht mit Untreue zu vergelten, sondern in Treue ihnen anzilhängen und geduldig auszuharren, bis die Stunde der Erlösung schlagen wirdZ. Daran mahnt uns das Passahfest, das wir zum Andenken an den Auszug aus Aegypten begehen, und daran mahnen uns ganz besonders der Propheten Verheißungen, die auf ein Tni6 NOQ, auf eine künftige Erlösung, Hinweisen, mit der eine neue Aera nicht nur in der Geschichte Israels, sondern auch in der der gesamten Menschheit beginnen soll. Sind wir diesem Zeitpunkt näher gerückt? Dürfen wir schon mit dern Dichter des Hohenliedes sprechen: Der Winter ist vorüber, Blumen schaut man am Boden, die Zeit des Sanges ist gekommen? Manche Zeichen der Zeit allerdings sprechen dafür. Man braucht ja noch kein absoluter Anhänger des Zionismus und seiner Aspirationen zu sein, um in dem Versprechen der alliierten Mächte, Palästina als neuen Judenstaat zu errichten — ein Ideal, das übrigens auch, Napoleon Bonaparte vorschwebte —, eine KnSnnK, den Beginn der Erlösung wenigstens eines geringen Teiles der Weltjüdenheit zu erblicken, für den unter den gegenwärtigen überaus traurigen Verhältnissen, ans der Heimat gedrängt und nirgends Unterkunft findend, nur noch Palästina als die einzige Zufluchtsstätte in Betracht kommt. „Es existiert jetzt" — führte erst kürzlich der bekannte, aus Deutsch- 4) Grätz, „Geschichte der Juden", Bd. 11, S. 260. ß) Mhubot lila. 3) „Ethik des reinen Willens", S. 557.

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