Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 14 (2.4.1920)
- Date
- 1920-04-02
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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84. Jahrgang. Nr. 14 Berlin, 2. ftpril 1920 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements»j)reis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 Ul. — Postscheckkonto 324. Begründet von Rabbiner Dt. Ludwig Pbilippfon Verlag: Rudolf Mosse. Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Tlnftfrff* &um Passahfeste. Von Albert K a tz. — Die Woche. — y wii♦ Die Israelitische Kranken- und Pfründnerhaus-Stiftung zu Würzburg. Von Fanny C 0 h n - N e ß l e r. — Der Prozeß eines Papstes init einem Juden. Von Professor S. K raub (Wien). — Die Tragik im Leben eines jüdischen Dichters. Von I. Herzberg (Bromberg). (Schluß.) — Feuilleton: Esther. Von C l e rn e n t i n e K r ä m e r. — Durch Finsternis zum Licht. Von S. K atz (Gelsenkirchen). — Literarische M i t t e i l u n g e n. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung, des Judentums"): Berlin, Königsberg i. Pr., Elbing, Posen, Kolberg, Hamburg. Braunschweig, Dresden, München, Frankfurt a. M., Zürich, Basel. — Von Nah und Fern. Lum Kallshkeste. Von Albert K a tz. arum siche! Tage kommen, spricht 'der Ewige, da wird nicht mehr gesagt werden: So wahr der Ewige lebt, der die Kinder Israel herausgesührt aus dem Lande Mizrajim, sondern: So wahr der Ewige lebt, der die Kinder Israel herausgeführt aus dem Lande des Nordens und aus allen Ländern, wohin er sie verstoßen hatte, and ich führe sie heim ans ihren Boden, den ich ihren Vätern gegeben (Jeremia 16, 14. 15). An diese Worte anknüpfend, bemerkt ein alter Weiser: Israel auf seiner Wanderung durch die Geschichte gleicht einem Manne, der, einsam durch wüstes Land dahinziehend, aus einen räuberischen Wolf stieß, aber wie durch ein Wunder von der ihm drohenden Gefahr gerettet wurde. Er Pries Gott für die ihm zuteil gewordene Gnade und erzählte fortan Freunden und Bekannten das Begegnis mit dem Wolf und das große Wunder seiner Errettung. Als er aber wieder einmal durch die Wüste wandernd einem hungrigen Löwen begegnete und auch diesmal mit dem bloßen Schrecken davonkam, da verblaßte allmählich die Erinnerung an die überstandene erste Gefahr, und er erzählte von nun an bei jeder Gelegenheit nur noch von seiner Errettung aus der weit größeren Gefahr. Darauf — fährt die Midraschstelle fort — bezieht sich auch das Wort: Gedenket nicht des Früheren, und auf das Vergangene richtet nicht euren Sinn! Siehe! Ich bereite Neues, jetzt sprießt es hervor (Jefaia 43, 18—19). „Gedenket nicht des Früheren"^ darunter ist die Knechtschaft in Aegypten zu verstehen; „auf das Vergangene richtet nicht euren Sinn": man denke nicht immer an die in der langen und bangen Exilzeit durchkosteten Leiden und Verfolgungen; „ich bereite Neues,, jetzt sprießt es hervor", das ist der. der Messiaszeit, der Erstehung des Gottesreiches auf Erden und der damit verbundenen Erlösung der Menschheit aus Druck und Knechtung vorangehende Kampf mit Gog und Magocp). Damit ist vielleicht der Kampf mit jenen Gewalthabern der Nationen gemeint, die, von der *OP!K R^ltDD/ von den Mächten der Finsternis geleitet und in ihrem Größenwahn bestärkt, die deutlichsten Zeichen der Zeit nicht beachten, das Walten eines gerechten Gottes in der Völkergeschichte nicht wahrnehmen und alle in dessen *) Jalkut Schimoni zu Jeremia 16. Namen an sie ergehenden Forderungen, die Fesseln der Geknechteten zu zersprengen und die Bahn des Rechts und der Menschlichkeit zu beschreiten, verstockt und trotzig, wie einst Pharao, mit den Hochmütigen Worten zurückweisen: Wer und was ist denn Gott, daß wir auf seine Stimme hören, vor seinem Befehl uns beugen? Ob unsere Vermutung zutreffend ist, ob der vor unseren Augen sich abspielende sogenannte soziale Kampf der Massen, der als ein Kampf aller gegen alle immer weitere Kreise zieht und alles Bestehende niederzureißen droht, das Präludium oder schon der eigentliche, von den Propheten als der Kampf gegen Gog und Magog bezeichnete ist, der der Welt und der Gesellschaft ein anderes Gepräge geben soll? Das weiß nur derjenige, der allein seinen Weltregierungsplan entworfen und nach dessen Vorausbestimmung die Menschheitsgeschichte ihren ungehinderten Verlaus nimmt. Sieben Dinge sind den Menschen verborgen, darunter der Tag des Trostes und der Zeitpunkt, an dem das JTro*")!! das „vierte Reich", das das Faustrecht und die Waffengewalt verherrlichende Reich Edoms, zusammen stürzth. Doch redet hier unser Schrifttum in einer Zeichensprache, dir wir nicht zu entziffern vermögen. Unsere Aufmerksamkeit fesseln heute hauptsächlich die eingangs angeführten Prophetenworte, die uns nicht nur an die Leiden und Drangsale erinnern, die Israel seit der ersten Knechtschaft in Aegypten unter den Pharaonen aller Zeiten erfahren, sondern die uns auch das Ende der Leiden und Drangsale und Tage des Trostes verkünden: Tage, an denen Israel ans allen Ländern der Diaspora in das Land der Väter zurückkehren wird. Es steht einem jeden frei, über die Verheißungen der Proheten zu denken und sie aufzufassen, wie er will; für den bibelgläubigen Juden enthalten sie keine Phrasen, für ihn bilden sie den Ausfluß des göttlichen Geistes, der sich ihm täglich und stündlich in den Geschehnissen des Lebens offenbart. Das jüdische Volk in seiner überwiegenden Mehrheit findet in ihnen den Widerhall seiner Herzensstimme, den Ausdruck der Gefühle und Empfindungen, die es seit der srüh'esten Zeit beseelen und ihm Kraft und Ausdauer verleihen, feine Eigenart zu wahren und die ihm von der Geschichte angewiesene Stellung innerhalb der großen Völkerfamilie allen Anfeindungen zum Trotz zu behaupten. Wenn man, mit Recht, die Erhaltung des jüdischen Volkes seit dem Verlust seiner politischen Selbständigkeit als eines der größten Rätsel der Weltgeschichte betrachtet, so liegt sicherlich in den prophetischen Verheißungen, die die nationale Seite des jüdischen Volkes berühren, des Rätsels klare Lösung. Israel wäre, wie so viele andere Völker, vielleicht schon längst untergegangen, wenn es auf seinem beschwerlichen Zuge durch die Welt nicht von den von seinen Propheten mit so glühenden Worten ihm eingeimpften nationalen Erinnerungen und Hoffnungen begleitet gewesen wäre. 2) Genesis rabba, >K. 65.