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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-04-02 · Heft 14 (2.4.1920) · p. Seite 147

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 14 (2.4.1920)
Date
1920-04-02
Page
Seite 147 (sequence 3)
Language
German
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147 lcmd stammende amerikanische -Philanthrop Jacob Schiff auf einem Bankett in New Bork aus -7- „keine zionistische Frage mehr, nur noch eine Palästinafrage. Wir Juden, ganz -gleich, welcher religiösen Richtung wir an-gehör-en, müssen diese Frage lösen, und die ganze Welt wird aufatmen." Das ist auch unsere Ansicht und die so vieler fortschrittlich gesinnten Juden und Nichtjuden, die den Gang der Geschichte, die Wege dieser Lehrmeisterin der Menschheit mit offenen Augen verfolgen, unter dem Banne des Wortes stehen: „Ich bereite Neues, jetzt sprießt es -hervor." Freilich noch ist das ersehnte Ziel in nebelhafte Ferne gerückt, das hervorsprießende Neue auch dem schärfsten Auge kaum sichtbar. Noch vernehmen wir die -alte Klage: Ich blicke auf die Erde und siehe, sie ist öde und wüste, zum Himmel, und sein- Licht ist nicht da (Jer-emia 4, 23). Allein dies darf niemanden entmutigen, darf insbesondere die Unglücklichen unseres Volkes, die in der gleichen Lage wie einst die Kinder Israels in Aegypten sich befinden, in ihrer vielleicht einzigen Errettungshoffnung nicht wankend machen, sie aber auch nach keiner Richtung hin zu einem übereilten Schritt verleiten:. Der Weltenschöpfung, bemerken Israels alte Lehrer, ging ein Tohuwabohu voran, dem das -allgestaltende Gotteswort: „Es werde" ein Ende bereitete, und die Welt entstand. Ebenso wird das Tohuwabohu, das später einmal in der Welt herrschen und -die Menschheit fast zur Verzweiflung führen wird, weichen vor einem neuen „Es werde" des ewigen Gottes, der auf uns unbegreifliche Wege nicht allein Israel, sondern die gesamte Menschheit aus Druck und Knechtschaft zur Freiheit und durch Finsternis zum Licht führt"). Sir Woche. B e r ft n , 29. Marz. um Kapitel „D rückeberg c r et der Jude n", das in der antisemitischen Hetzpropaganda immer und immer wieder in der ungerechtesten Weise ausgeschlachtet wird, veröffentlicht das in Landsberg a. d. W. erscheinende „Volksblatt" eine Zuschrift -aus Schwerin a. d. W., der wir folgende interessante Mitteilungen entnehmen: „Die Juden, mrr die Juden sind schuld am Untergang des Deutschen Reiches. Sie haben sich in den Bureaus herumgedrückt, haben gewuchert, geschoben, haben die Revolution gemacht, usw. usw. Wer dies alles nicht glaubt oder weiß, der mußte am Montagabend zur Versammlung der Deutschnationalen Vo'lkspartei gehen; dort wurde ihm die Weisheit mit allen Mitteln der Rassenverhetzung beigebracht. Wie sieht es hier in Schwerin in Wirklichkeit -aus? Wir fragen: Hat auf dem Landratsamt oder Magistrat während des Krieges ein Jude gesessen? Oder waren es die Mitbegründer der Vaterlandspartei, die sich dort so feige verkrochen haben? Es hat sogar deutschnationale Maulhelden gegeben, die sich bis zum landrätlichen Laufburschen erniedrigten, um dem Vaterland zu nützen, sich dann aus Dankbarkeit in der Kreisfettstelle eine Herzverfettung zugezogen haben, alles aus Liebe zum Vaterlande. Man sollte glauben, daß man in dieser Versammlung wenigstens einen gelinden -Vorwurf über die Prittischer Engrosschieber zu hören bekommen würde. Ja, Jude, das ist ganz was anderes. Das verstehst du nicht. Wenn deutschnationale .... Vieh an Polen verschieben, und gleich waggonweise, so geschieht das aus Liebe zum Vaterlande, und aus keinem anderen Grunde. Würden sonst Kreisallgewaltige die schützende Hand über solche Herren halten? Wir haben den Eindruck, daß dies ganze Geschrei der deutschnationalen Herren von Schwerin und ihre Judenhetze nur den Zweck hat, die Bevölkerung abzulenken von den Schandtaten ihrer o) Jalkut Schimoni zu Jeremia, K. 4. | Parteimitglieder nach der altbeliebten Art: „Haltet den Dieb!"! Die Juden unserer Stadt haben ihre volle Pflicht getan.! Während auf dem Landratsamt und beim Magistrat zähl-! reiche K.-v.-Leute sich vor dem Schützengraben drückten, waren! sämtliche K.-V.-Juden unserer Stadt im Felde; man nahm! nicht Rücksicht aus die Witwe, welche ihr großes Geschäft allein fortführen mußte, und nahm ihr beide Söhne fort. Nichts! als gemeine Hetzerei gegen eine Bevölkerungsklasse ist das i ganze Vorgehen der 'deutschnationalen Partei . . . Arbeiter,! Bürger unserer Stadt! Laßt euch nicht durch solche Sorte verhetzen. Gedenkt, was gerade die Juden für trnsere Stadt getan haben! Wir könnten Zahlen nennen, die doch manchen in Erstaunen setzen würden über die Wohltätigkeit unserer i jüdischen Mitbürger gegenüber den Armen; doch ist es nicht jüdische Art, damit zu prahlen. Also nochmals, Einwohner Schwerins, weist solche Verhetzung energisch zurück! Wenn ' jemand verdient, gehängt oder verbrannt zu werden, so sind; in Schwerin ganz andere dazu reif tlnd haben es doppelt und dreifach verdient." Es ist dringend notwendig, daß nran nach dem beherzigenswerten Muster von Schwerin a. d. W. überall dort, wo ungerechte Beschuldigungen gegen die Juden wegen Drückebergerei usw. vorgebracht werden, den Anklagen auf den Grund geht ttnb die wirklich Schuldigen rücksichtslos an den Pranger stellt. Dann werden die Herren Antisemiten sicher nicht mehr den Mund so voll nehmen, wie sie es jetzt tun. * Wie die Antisemiten lügen i zeigt das folgende vom „Neckar-Echo" in Heilbronn verz ösfentlichte Beispiel. Das Blatt hatte am 20. v. M. unter! der Aufschrift: „Warum so einseitig?" folgende Notiz ver-! öffentlicht. | „Im antisemitischen „Hammer" wird erzählt: Im Frühjahr 1917 1 befand sich bei der Train-Ers.-Abt. 13 in Ludwigsburg ein Jude, i namens Franz Kaufmann, natürlich als Schreiber auf dem Dieust-! zimmer. Sooft betressender Jude mm ins Feld kommen sollte, : wettete er mit seinem Wachtmeister mit 1000 Mark, daß er diesmal gewiß hinauskomme. Um die Wette zu gewinnen, wußte der Wachtmeister verschiedene Male „das Unheil abzuwenden". — Frage: War : denn der so vorteilhaft „wettende" Wachtmeister auch ein Jude?" 1 Das „Neckar-Echo" hatte die Frage angehängt, um die! demagogische Einseitigkeit und Heuchelei der Antisemiten zu zeigen. Denn wenn der Fall tatsächlich als wahr zugetrofsen hätte, so wäre ja der nichtjüdische Wachtmeister der größte von den beiden vermeintlichen Spitzbuben gewesen. In Wirklichkeit aber ist die ganze Geschichte von der antisemitischen Zeitschrift „Hammer" von A bis Z erlogen, wie die folgende, dem Blatte von Rechtsanwalt Mainzer in Stuttgart zugegangene Darstellung zeigt: „Namens des Herrn Franz Kaufmann sowie namens des Herrn Wachtmeisters Martin Neumann habe ich zu erklären, daß Herr Franz Kaufmann vom 21. Febrnar 1917 bis 31. März 1917 bei der 7. Eskadron Train-Ers.-Abt. 13 in Lubwigsburg eingerückt und während dieser ganzen Zeit zum Ausladen von Granaten im Artilleriedepot kommandiert, also nicht als Schreiber auf dem Dienstzimmer war. Am 21. März 1917, genau einen Monat nach seinem Einrücken, kam Herr Kaufmann ins Feld und kehrte erst Ende November 1918 zurück. Eine Wette mit seinem Wachtmeister Neumann oder mit anderen Vorgesetzten ist überhaupt niemals abgeschlossen worden. Auch sonstige Versuche, sich vom Feld zu drücken, hat Herr Kaufmann niemals gemacht. Mit seinem Wachtmeister hat er während der ganzen Zeit in Ludwigsburg überhaupt nicht gesprochen. Die Erzählung des „Hammer" ist vollkommen unwahr und wird strafgerichtlich verfolgt werden. Die Richtigkeit der Angaben' des Herrn Kaufmann habe ich aus seinem Militärpaß entnommen. Außerdem sind diese Angaben von Herrn Wachtmeister Neumann als vollkommen richtig bestätigt. Herr Wachtmeister Neumann ist evangelischer Konfession."

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