Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 42 (15.10.1919)
- Date
- 1919-10-15
- Page
- Seite 476 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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476 Während unserer Unterredung unterstrich Herr Diamand zu wiederholten Malen seine Zugehörigkeit zum Judentume. Er erinnerte mich an seine Reden im Parlamente, die stets das Wohl der Judenheit zur Aufgabe hatten. Daß -dies der Fall ist, kann ich selber bekunden, denn ich kenne die Tätigkeit des Herrn Diamand aus der Zeit meines Aufenthaltes in Lemberg, wo er sich allgemeiner Beliebtheit und einer Popularität, die kaum ein zweiter nachzuweisen vermag, erfreut. Trotz des großen Vertrauens, das er bei der polnischen Regierung genießt, ift es ihm dennoch nicht gelungen, die Lage der Juden erträglicher zu gestalten. Er ist aber der Meinung, daß -eine wesentliche Besserung bevorstände. Es sind Maßregeln gegen Ausschreitungen getroffen worden die schon jetzt ihre Wirkung erkennen lassen. Auf meinen Hinweis, daß mir aus wohlinformierter Lemberger Quelle die Mitteilung zuging, daß den Juden das Studium an der Lemberger Universität und Hochschule verboten worden wäre, entgegnete aber Diamand, daß er diese Verfügung für ausgeschlossen halte. Ich aber bleibe dabei und hebe hervor, daß4)ieses Verbot mit aller Wahrscheinlichkeit erfolgt ist. Das uns Juden nahestehende und hart geprüfte Ostaälizien soll nunmehr doch an Polen kommen. Man darf in der heutigen Zeit „aller Möglichkeiten" keine Prophezeiungen aussprechen. 'Wer mag Voraussagen, ob es dem ostgalizischen Juden besser oder schlechter unter der polnischen oder ukrainischen Herrschaft ergehen würde. Ein jüdisches Sprichwort sagt: „Wie man den Kranken legt, ist ihm schlecht." Einen Wunsch möchte ich hier noch zum Ausdruck bringen, er gelte als Neujahrswunsch. — Mögen diejenigen Glaubensgenossen, die zu einflußreichen Stellungen -gelangen, nicht vergessen, daß sie Juden find und ihrer notleidenden Brüder zu gedenken haben. In diesem Sinne hoffe ich, daß Herr Dr. Diamand, der ein hervorragendes, verantwortungsvolles Amt zur Zufriedenheit seiner Behörden bekleidet, seinem Judentum stets mit Rat und Tat zur Seite stehen werde. Kulturelle und religiöse Kämpfe') (Schluß.) 3n dieser Zeit tiefer religiöser Niedergeschlagenheit erhoben zwei Theologen, Abraham Geiger (1810-4874) und Samson Raphael Hirsch s 1808 1888), den , Ruf nach Reform, nicht nach einzelnen, kleinen Reformen, sondern nach. einer grundlegenden Umgestaltung. „Das Schwere wie das Leichte, das Ganze wie das Einzelne soll Sinn und Bedeutung haben, soll den Geist erheben, das Herz erwärmen, damit es auf die ganze Lebensäußerung Einfluß hat." Beide stellten sich auf den Boden der Gegenwart, erkannten in ihr eine neue Zeit, beide faßten das Judentum als Menschheitsreligion, führten den Kampf gegen das sinnlos geübte, darum erstarrte Zeremonialgesetz und forderten eine Neuschasfilng der Religion durch Hervorkehrung ihrer prophetischen Gedanken, durch Belebung der von ihr geforderten Innigkeit und Wärme. Geiger betonte die geschichtliche Entwicklung und die Relativität der Erscheinungen, forderte ein historisch-kritisches Studium des Werdeganges des Judentums und den Ausgleich des Lebens mit der so gewonnenen Lehre, betrachtete die Zerstreuung der Judenheit als Mittel zur Erfüllung ihres messianischen Berufs und die Emanzipation als einen Fortschritt auf diesem Wege. Hirsch wiederum betonte gegenüber dem 0 Aus der „Geschichte der Juden seit dem Untergang des jüdischen Staates" von Prof. Dr. Elbogen, die demnächst in der Teubnerschen Sammlung „Aus Natur und Geisteswelt" (Bd. 748) erscheint, bringen , nur mit Genehmigung des Verlags den dritten Abschnitt aus dem | lebten Uachtel. Tie Redaktion. I Zeitgeist das geoffenbarte Judentum, sah in der Zerstreuung eine von Gott eingesetzte Schule der Läuterung, im „Israel- Menschen" den Träger der Ausgabe, durch Erfüllung der in der „Thauro", d. h. dem gesamten Komplex biblischer und rab-. binischer Gesetze, vorgeschriebenen Pflichten den Zusammenhang mit Gott wiederzugewinnen. Offenbarung und Rationalismus, Gesetzestreue und Vergeistigung, das waren zwei Plattformen, um die sich Parteien bilden und gruppieren konnten. Weder das eine noch das andere Programm kam zur Ausführung; die grundlegende Forderung nach Reform trat bald hinter die einzelnen Reformen zurück, die eine Seite erschöpfte sich in der Bekämpfung, die andere in der Verherrlichung der Formen; die anfängliche Weitherzigkeit gegenüber abweichenden Meinungen schlug in fanatische Abgeschlossenheit um. In jenen Jahren, in denen die christlichen Kirchen Deutschlands starke Gärungen und allerlei Neubildungen erlebten, spielte man auch im Judentum mit dem Gedanken eines Schismas. Auf christlicher Seite wurde die Emanzipation von einer Umwandlung der Lehre und Beseitigung der Zeremonien abhängig gemacht; andere aktuelle Fragen wie die über die religiöse Freiheit des einzelnen, der Gemeinde, des Rabbiners spitzten die Gegensätze noch mehr zu. Mitten in diese Krisenstimmung warf S. S t e r n (1812—1867) die Forderung einer „deutsch-jüdischen Kirche", die, unter Beseitigung jeder Absonderung, der Religion im Gesamtleben Geltung zu verschaffen, daher diejenigen religiösen Vorschriften aufzuheben hätte, die im Widerspruch mit den gegenwärtigen Aufgaben des Lebens oder ohne sittliche Bedeutung für dasselbe wären. Auf denselben Standpunkt stellte sich Samuel Holdheim (1810—1860), der vom Boden der rabbinischen Dialektik aus den Rabbinismus bekämpfte und sich zur „mosaischen Religion" bekannte; alle Einrichtungen, die zum mosaischen Staate gehörten, verwarf er, nur den „religiösen Gedanken von der Heiligkeit des bürgerlichen Staates als göttlicher Einrichtung" wollte er gelten lassen, daher auch dem Staatsgesetz religiös 'bindende Kraft zuerkennen. Die deutsch- oder preußisch-jüdische Kirche kam nicht zustande, weil der Staat nicht einmal bürgerliche, geschweige denn kirchliche Gleichberechtigung zugestand, das neue Programm wurde nur von der „Jüdischen Resormgemeinde" in Berlin angenommen und in ihren gottesdienstlichen Einrichtungen durchgeführt. Sonst konnte in Europa dieser Radikalismus nicht Wurzel fassen, aber in Amerika fand das Prinzip weitgehende Zustimmung. Für das Judentum wurde die Gärung um so gefährlicher, als es keine wissenschaftliche oder geistige Körperschaft besaß, die derartige Fragen einer unparteiischen Prüfung unterziehen konnte. Von Ludwig Philippson (1811—1889) angeregte Versammlungen von Rabbinern aller Richtungen (1844—-1846) sollten eine einheitliche Lösung der strittigen Probleme versuchen, -aber sie führten nur wenige, meist jüngere Theologen zusammen, Männer von kühnem Wagemut, von ungestümer Kampfstimmung, -aber ohne Augenmaß für die Realitäten des Lebens. Statt durch Besprechung von Grundsätzen die Lage zu klären, verlegten sie sich sofort auf die Beratung von Einzelheiten; ihr Schwanken zwischen Radikalismus und Opportunität verstimmte alle Richtungen. Die öffentlichen Verhandlungen der Rabbinerversammlungen hoben das Ansehen der jüdischen Religion nach außen, hatten aber für die innere Entwicklung keine unmittelbaren Folgen. Lange hielt der religiöse Idealismus der Sturm- und Drangperiode nicht vor, nach 1848 zogen Politik und Berufsleben die besten Kräfte an sich. Die Weltanschauung der Juden bildete sich fast unabhängig von religiösen Einflüssen, ein nicht immer klares religiöses Gefühl lebte in starker Kraft fort. Ohne