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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-10-15 · Heft 42 (15.10.1919) · p. Seite 477

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 42 (15.10.1919)
Date
1919-10-15
Page
Seite 477 (sequence 9)
Language
German
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behördlichen Zwang und ohne synodale Entscheidungen setzten sich viele über die Beobachtung des Sabbats und des Zeremonialgesetz hinweg, ohne daraus immer die theoretischen Konsequenzen zu ziehen. In den Gemeinden erwachten die konservativen Regungen, überwog der Einslutz der positiven Elemente. Ihr Führer wurde Zacharias Frankel (1801—1875), der das Gesetz der historischen Entwicklung anerkannte, aber dem Gewordenen, dem Gemeinsamen, dem Gefühlsmoment größeren Wert beimaß. Als Leiter des „Jüdischtheologischen Seminars" in Breslau, zu dessen Lehrern auch Heinrich Grätz (1817—1891), der Verfasser der „Geschichte der Juden", gehörte, bildete er eine Schule, die den Standpunkt der historischen Reform zur Gelrung brachte. Selbst diese gemäßigte Richtung hatte einen ständigen. Kampf gegen die „Traditionell-Gesetzestr.euen" zu führen, die sich nach 1870 unter Isr ael Hildesheimer (1820—1899) organisierten, der modernen Bildung ihre Berechtigung zuerkannten, aber das jüdische Religionsgesetz unverändert erhalten wissen wollten. Damals war das religiöse Empfinden aus dem Tiefstand angelangt, der Materialismus forderte seine Hekatomben, und wie jeder Modetorheit brachten die Juden auch dieser zahlreiche Opfer. Eine solche Tiefe und Intensität wie in Deutschland halten die religiösen Kämpfe in keinem anderen Lande, obwohl der Zwiespalt zwischen Leben und Lehre sich überall einstellte. In den westlichen Ländern setzten sich die Jacobsohnichen Reformen durch. England erlebte am Anfang des 19. Jahrhunderts eine Massentaufe der Portugiesischen Geschlechter, aber zu einer ernsten religiösen Bewegung kam es nicht. Es blieb bei einer durch den Staat befestigten Organisation cutf dem Boden des Herkommens, obwohl die einzelnen diesen Standpunkt längst verlassen hatten, ebenso herrschte in Frankreich unter dem Schutze der Konsistorialverfassung Kirchhofsruhe. Anders in Amerika, dem großen Koloniallande, dessen Gemeinden sich durch Zuwanderung neu bildeten und völlige Freiheit besaßen, ihre religiösen Einrichtungen nach Belieben zu gestalten. Schon früh regten sich in den Bereinigten Staaten Neigungen zu radikalen Reformen, nicht nur im Gottesdienst, sondern auch in der Glaubenslehre, aber erst nach der Verstärkung der freigesinnten Elemente durch den Zuzug aus Deutschland wurde die Resormbewegung zu einer Macht. Die Grundgedanken dieser Reform beruhen auf dem hohen Selbstgefühl, welches der ungeahnte Aufschwung der Vereinigten Staaten allen ihren Bewohnern einflößte. Daher erklärte I. M. Wise (1819—1900), daß das amerikanische Judentum eine neue Epoche der jüdischen Geschichte einleitete, und forderte Anpassung der Religion an das amerikanische Leben und Denken. Hunderte von Gemeinden bekannten sich gl diesen Grundsätzen, die starke russische Einwanderung der letzten Jahrzehnte hat die unumstrittene Herrschaft der Reform und der „okzidentalen Orientierung" zurückgedrängt. Langsamer, aber unter desto leidenschaftlicheren Kämpfen vollzog sich der kulturelle Fortschritt in Osteuropa. Hier konnte die Orthodoxie sich auf die noch in tiefster Unbildung steckenden Massen stützen, hatte der Chassidismus fanatische Unduldsamkeit erzeugt. Wer auch die gleichgültigsten Neuerungen befürwortete oder sich im Privatleben gestattete, gefährdete sein Dasein; alle der Bildung und Aufklärung Beflissenen hatten ein schweres Martyrium zu bestehen. Aber auch durch die dichteste Finsternis bricht das Licht sich einmal Bahn; der Bildungsdrang der jüdischen Jugend überwand jeden Widerstand. Dann stellte sich freilich ein Zwiespalt zwischen Kultur und Herkommen ein, die Mehrzahl der Aufgeklärten wurde gegen die Religion völlig gleichgültig, das Fehlen einer evolutionistischen Bewegung brachte dem Judentum schwere Verluste. In Ungarn förderten vereinzelte öffentliche Schulen die allgemeine Bildung, aber die religiösen Einrichtungen blieben trotz Drängens der Gemeinden unverändert. Die Revolution von 1848 brachte der radikalen Störung einen Eintagssieg; dauernden Einfluß in den Gemeinden konnten nur die Anhänger des gemäßigten Fortschritts gewinnen, der sich an der Wissenschaft des Judentums orientierte. Auf einem jüdischen Kongreß versuchte die Regierung die Gemeindevevhältnisss neu zu ordnen, die Orthodoxen aber erklärten sich durch die Beschlüsse des Kongresses in ihrem Gewissen bedrückt und erhielten die Erlaubnis, sich als „besondere Konfession" zu organisieren. Seitdem sind die ungarischen Juden in verschiedene konfessionelle Kataster eingetragen, ihre Orthodoxie hat den religiösen Parteien den Charakter von politischen Kampforganisationen aufgeprägt und in allen Ländern den Gegensatz zwischen den religiösen Richtungen scharf zugespitzt. In Rußland führte das Streben nach allgemeiner Bildung zur Wiederbelebung der h e b r ä i s ch e n Sprache. Mendelssohn und seine Jünger hatten zuerst wieder an der Veredlung und Verbreitung der hebräischen Sprache gearbeitet, durch Bücher und Zeitschriften, durch Uebersetzungen und Dichtungen ihre Kenntnis gefördert. Nächst Berlin, wo die Bewegung rasch zurückging, wurden Wien und Prag ihre wichtigsten Stätten und zugleich die Durchgangsstationen nach dem Osten. Dort schlossen sich ihr alle bildungsfreundlichen Elemente (Maskilim) an. Mendelssohn und seine Bestrebungen fanden unter ihnen begeisterte Verehrer, mit der Pflege des Hebräischen eigneten diese sich gleichzeitig die damals ganz Osteuropa beherrschende deutsche Bildung an. Obwohl von seiten der Orthodoxie und der Chassidim die Ha Skala (Aufklärung) als Abfall verfolgt wurde, wuchs ihr Anhang ständig, doch hatte ihre Sache nur Freunde, keine Führer und Organisatoren. „Nach dem System Mendelssohn" erösfnete H y m a n H u r w i tz 1822 in Uman die erste weltliche jüdische Schule Rußlands, der, namentlich im Süden, eine Reihe anderer folgten. Isaak Bär Levinsohn (1788—1860), „der Mendelssohn Rußlands", bewies aus den Religionsquellen die Notwendigkeit einer besseren Erziehung, g e - steigerter Arbeit in Handwerk und Ackerbau; er wurde dem -neuen Geschlecht ein Führer, aber von den Massen und den offiziellen Lehrern bekämpft. Erst die „Gesellschaft 'zur Verbreitung der Bildung unter den Juden" (1863) verstand es, die Massen mit sich fvrtzureißen, die richtige Verbindung zwischen dem Alten und dem Neuen zu finden. Der Wissensdrang der jüdischen Jugend Rußlands war nicht minder stark als die Schwierigkeit, ihn zu befriedigen; die hebräische Sprache bot ein Mittel zur Aneignung europäischer Bildung und Kultur, es entstand daher eine bedeutende neuhebräische Literatur mit beachtenswerten Schriftstellern und Dichtern, einem zahlreichen und dankbaren Leserkreis. Hebräisch wurde die Sprache des täglichen Lebens, das wichtigste Bildungsmittel und das bedeutsamste Gegengewicht gegen die chassidischen Dunkelmänner. Die neuhebräische Literatur machte die Geister für die allgemeine Bildung und die modernen von der Wissenschaft des Judentums erarbeiteten Gedanken empfänglich. In religiösen Fragen vertrat sie eine radikale, überlicserungsfeindlische Richtung, ihre Anziehung aber war so unwiderstehlich, daß auch die konservative romantische Partei sich dieses Mittels bediente, um auf neuen Wegen den Wert der alten Ueberlieserung zu verkünden- Nur die Chassidim hielten an der jüdischen Sprache fest, sie blieben außerhalb jeder Berührung mit dev Zeit; ihr Beharrungsprinzip schien sie zum Untergang zu verurteilen.

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