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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-10-15 · Heft 42 (15.10.1919) · p. Seite 475

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 42 (15.10.1919)
Date
1919-10-15
Page
Seite 475 (sequence 7)
Language
German
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allem m seinen Predigten so unendlich viel seiner andächtigen Gemeinde gegeben, daß, solange nur noch einer aus ihrer Mitte leben wird, sein Andenken nie verlöschen kann. Jede seiner Predigten war eine abgerundete, bis ins kleinste durchdachte Leistung, in der sich Tiefe des Verstandes mit einer nur seltenen Wärme des Gemütes paarte. Hier sprach ein Mensch zu seinen Zuhörern, der bis ins Innerste von Gottes Geist erfüllt war. Jedes Wort kam aus tiefstem religiösen Erleben. Es wurde nichts gesagt um der Wirkung willen, wie man dies so oft bei Kanzelrednern begegnet. Gläubig und andächtig saß man zu seinen Füßen, glücklich, daß man an der Hand eines solchen Führers teilnehmen durfte an den unendlichen Schätzen unseres Glaubens. Die Liebe zum Judentum hat er in die Seele so vieler gelegt und hat es verstanden, diese sorgsam behütete Flamme zu hellem Feuer anzufachen. Unbeirrt und gerade ist er seinen Weg als Rabbiner gegangen, aufrecht bis zum letzten Augenblick und niemals geneigt, von der Ansicht, die er einmal als richtig empfunden hat, abzuweichen. — In schöpferischer Fülle verstand er es, stets neue Gebete, die aus der Stimmung des Augenblicks geboren waren und all das zusamnwn'faßten, was man empfand und doch nicht sagen konnte, seinen Predigten anzusügen. So ist das von Manuel Joel in Breslau eingesührte Gebetbuch von ihm weiter ausgestaltet und den Bedürfnissen der Zeit angepaßt worden; stets aber schuf er das Neue aus dem Geiste des Judentums heraus, der in ihm verkörpert war. Er hat zu seiner Gemeinde nicht nur von Judentum und von jüdischem Wesen gesprochen, er hat ihr auch ein vorbildliches jüdisches Leben in seiner Familie bewiesen. Unvergeßlich wird es jedem bleiben, der in seinem -Hause die Feier des Sabbat- oder des Sederabends begehen durfte. Wie ein Patriarch saß er am Familientisch, und man verließ das Haus mit dem Gefühl, an inneren Werten ungeheuer bereichert zu sein. Selten viel Glück durfte er in seinem Familienkreise erleben, und in seiner Frau, die wie er aus einer Gelehrtenfamilie stammte, hatte er die Lebensgefährtin gefunden, die seinem Wirken das vollste Verständnis entgegenbrachte. Kaum ein Vorgang im Leben der jüdischen Oeffentlichkeit könnte sich abspielen, an dem nicht Jakob Guttmann den regsten und tätigsten Anteil nahm. Als Vorsitzender des Rabbinerverbandes in Deutschland konnte er zeigen, was ein vorbildlicher Führer für seine Amtsgenossen bedeutete. Der Hilfsverein der deutschen Juden, der Deutsch-israelitische Gemeindebund, der Verband der Deutschen Juden wissen -von seinem Wirken zu erzählen. Man kann es kaum fassen, wie ein kurzes Menschenleben dazu ausgeveicht hat, auf all diesen Gebieten tätig zu sein und überall eine führende Stellung einzunehmen. Schwer und unersetzlich ist -die Lücke, die hier der Tod gerissen hat. Ueberflüssig ist es zu sagen, daß er auch überall da, wo innerhalb des reichen Gemeindelebens Breslaus der Ruf um Hilfe und Unterstützung an ihn herantrat, siich ihm nie entzogen hat. Seine Hauptsorg/ war hier, jüdisches Wissen unter der Heranwachsenden Jugend zu erhalten und zu verbreiten. Als Leiter einer Religionsschule hat er auf diesem Gebiete praktische und erfolgreichste Arbeit geleistet. Mit regem Interesse hat er auch noch in den letzten Monaten seines Lebens die Bestrebungen zur Gründung einer jüdischen Volkshochschule in Breslau unterstützt, und mit tiefem Trauern denkt diese sich bildende Organisation daran, daß er nun von dieser Stelle aus nicht mehr lehren darf und mithelfen kann, die Kenntnis von der Lehre vom Judentum auch in die Kreise zu tragen, die bisher gleichgültig beiseite gestanden haben * Ganze Generationen hat er auf ihrem Lebenswege begleitet. Als der Jüngling zum ersten Male den Sogensspruch über die Thora aussprach, da verstand es Guttmann, ihm unvergeßliche Worte fürs Leben mitzugeben. Wie viele hat er durch das Band der Ehe verbunden und in diesem wichtigen Augenblick ihnen dringend ans Herz gelegt, ihr Haus zu einem jüdischen zu machen. Wie viele hat er auch auf ihrem letzten Gange hinausbegleiten müssen und es stets gewußt, die Worte zu finden, die ihren Angehörigen Aufrichtung und Trost bringen konnten. Nun'ist er selbst diesen Gang gegangen, um in der Stille des altehrwürdigen Friedhofs seine ewige Ruhe zu finden. Wer bei keinem anderen wie bei Jakob Guttmann wird es hier dem Nachlebenden so klar, daß da draußen nur der sterbliche Teil von ihm ruht, daß aber sein Geist unter den Juden allezeit lebendig bleiben wird. Nach einer Fülle von Arbeit und Mühe hat ihn der Tod mitten aus dem Schaffen herausgenommen; er ist uns vorbildlich gewesen im Leben und im Sterben, und die Dankbarkeit gegen ihn wird unter denen niemals erlöschen, die -ihn gekannt haben und denen er Seelsorger und Berater gewesen ist. Breslau. Dr. W i l l h Co h n. Bit Lage ver Juden in Kolm. Von E l i a s N a ch t (Berlin). s klingt wie ein Märchen aus uraltenZeiten, wenn man vernimmt, daß das judenfressende Polen einen Juden als Mitberater .und Entscheider der zwischen Deutschland und Polen schwebenden. Fragen abgeordnet habe. Ja, zu einer Zeit, in welcher das Hinschlachten von Juden noch aus der Tagesordnung steht. Wie soll dieses Ereignis gedeutet werden? Ich will hier keine weiteren Betrachtungen darüber anstellen, da diese uns zu weit führen dürften. Ueberlassen wir es daher jedem Leser, dieses Problem selber zu lösen . . . Ich hatte mir die Gelegenheit, mit Herrn Dr. Diaman-d, Landtagsabgeordueter (Kreis Lemberg) und Mitglied der Polenkommission in Berlin, zu sprechen, nicht entgehen lassen. Er empfing mich in äußerst zuvorkommender Weise und opferte mir geraume Zeih um mich eingehend über die jetzigen Verhältnisse in Polen zu unterrichten. „Die Zustände haben sich gebessert", meinte Herr Diamand. „Es hätte vieles vermieden werden können, wenn die Juden nicht eine gewisse Abneigung gegen die Polen -gezeigt hätten. Die meiste Schuld trifft die Nationaljuden, denen man die gehässige Behandlung durch die Polen zu verdanken habe. Der Pole verfolgt diese, weil er in ihnen einen inneren Feind erblickt." (Nur in diesen? Die Red.) . Herrn Diamand ist bereits dreimal -ein Ministeramt angetragen worden, das er aber aus parteipolitischen Gründen abgelehnt habe. Ebenso erging an ihn die Aufforderung, als Delegierter zur Friedenskonferenz zu gehen, welche er ebenfalls abzulehnen für richtig hielt. Auch einem anderen Juden namens Liebermann ist der Posten eines ersten Delegationsrates in London angeboten worden; dieser lehnte ebenfalls ab. Der Jude Berensohn ist als Erster Sekretär der polnischen Gesandtschaft in Washington zugeteilt. Ein Bruder Diamands ist für ein hohes verantwortungsvolles Amt in Aussicht genommen . . . „Das jüdische Problem", meinte Herr Diamand, „kann nur dann zugunsten der Juden gelöst werden, wenn die Juden die polnischen Interessen mehr fördern wollten. Die Juden haben des öfteren die Gelegenheit wahrzunehmen versäumt. Im allgemeinen wird keinem .Juden viel Vertrauen geschenkt, da der Pole nicht weiß, wo beim Inden der Jude aushört und der Pole beginnt."

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