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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-10-15 · Heft 42 (15.10.1919) · p. Seite 474

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 42 (15.10.1919)
Date
1919-10-15
Page
Seite 474 (sequence 6)
Language
German
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hergeb-en. Aufgabe dieses Institutes wäre es, überall Filialen zu schaffen, um auch auf wirtschaftlichem Gebiete mitreden zu können. Wir wollen mit unserem Kapital tolerant fein und die Tore des Institutes sollen natürlich allen fähigen Bewerbern, Juden wie Nichtjuden, offen stehen. Dies Institut könnte und müßte den brotlosen jüdischen Privatbeamten wieder ermöglichen, ihren Kenntnissen und Fähigkeiten entsprechende Stellungen zu erlangen. Welche Dienste eine solche Gründung dem jüdischen Bolke zu leisten imstande wäre, ist klar. * Rußland. Ein drahtloses Telegiramm aus Moskau berichtet, daß die Svwjetregierung den antisemitischen Staatsanwalt Wiper für sein aufhetzerisches Berhalten im Beilis-Prozeß zur' strafrechtlichen Verantwortung gezogen habe und daß sein Prozeß dieser Tage stattfinde. * Stuart Samuel in Warschau. Nachdem Morgenthau mit seiner Kommission Mitte September Polen verlassen hat, ist am 18. September unauffällig Stuart S a m u e l in Warschau eingetrvfsen. In Paris hatte er vor seiner Abreise längere Besprechungen mit Roman Dmowski und Paderewski. Er äußerte sich jüdischen Pressevertretern gegenüber, daß Paderewski sich der Judensrage gegenüber anscheinend wohlwollend verhalte und auch nicht wünsche, daß die litauischen Juden zur Auswanderung aus Polen gezwungen werden. Dagegen habe Dmowski erklärt, daß er diese Auswanderung wünsche. Samuel wies Dmowski gegenüber darauf hin, daß diese Juden bei einer Auswanderung auch ihr Kapital mitnehmen würden, was von unberechenbaren Folgen für Polen begleitet sein könnte. Dmowski blieb hierauf die Antwort schuldig. Aus die Vorwürfe Dmowskis wegen der seinerzeitigeu Dumawahlen habe er erklärt, daß die Juden vollkommen recht hatten; sie wollten und konnten keinen Antisemiten wählen, auch wenn es Dmowski ist. Samuel glaubt, daß sich die jüdisch-polnischen BezicHungen allmählich bessern werden, was im Interesse des polnischen Staates selbst liegt, lieber die Realisierungsrnöglichkeiten des zionistischen Ideals und den jetzigen Stand der Verhandlungen in Paris verweigerte Samuel die Antwort und drückte nur die Hoffnung aus, daß die jüdischen Erwartungen in Erfüllung gehen werden. Er betonte auch, daß er selbst englisches Mitglied der jüdischen Delegation am Friedenskongreß war und sich lebhaft für die Erlangung des Minoritütenschutzes in Polen eingesetzt hat. Im Gegensatz zu Mvrgenthau werde er sich hauptsächlich mit der Untersuchung derbe kannten Vorfälle beschäftigen und ein Bureau einrichten, wo alle Klagen vorgebracht werden sollen. Sofort nach seiner Ankunft war er beim Vertreter des Außenministers, Grafen Skrhnski, der ihm versprach, eine Veröffentlichung zu erlassen, wonach die polnische Negierung nicht nur nichts dagegen habe, daß die Juden in das zu eröffnende Bureau kommen und alles berichten mögen, sondern daß es der Wunsch der polnischen Regierung sei, daß die Juden alles erzählen mögen, um die Wahrheit sestzustellen. ' Zum Schluß bemerkte Samuel noch, daß er als Jude alles Leid und Pein der Juden mitfühle, und er wolle alles anwendeu, um die Lage der Juden zu verbessern. ahoü Guttmann. | oft unmittelbar nach dem Neujahrsfeste ist einer der Besten in Israel dahingegangen, der durch sein Leben und Wirken für alle Zeiten vorbildlich gewesen ist. Wer Jakob Guttmann gekannt hat. weiß, was das Judentum und die Menschheit an ihm verliert. Am 22. April 1845 ist der Verewigte in Beuthen (O.-Schl.) als Sohn eines Mannes geboren, der neben seiner Tätigkeit als Kaufmann sich des Rufes großer Gelehrsamkeit und tiefer Frömmigkeit erfreute. Im Alter von 16 Jahren kam Guttmann nach dem Jüdisch-theologischen Seminar in Breslau, dem damals noch eine gymnasiale Abteilung angegliedert war. Nach erfolgreichem Besuch derselben erfuhr er dann an der gleichen Anstalt seine eigentliche theologische Ausbildung. Als er in der Mitte des dritten Jahrzehntes seines Lebens war, brach der Krieg von 1870 aus, in dem Guttmann als Feldrabbiner wirken wollte. Doch kam es bekanntlich nicht zu einer Organisation der jüdischen Seelsorge, wie wir sie im Weltkriege gesehen haben, und so mußte Guttmann diesen Plan ausgeben. Er hat dann neben Manuel Joel, der schon während seines Aufenthalts im Seminar auf ihn in hohem Maße gewirkt hatte, schassen können, bis ihn im Jahre 1874 ein Ruf als Landrabbiner nach Hildesheim erreichte, wo er als Rabbiner tätig war, bis er im Jahre 1882 als Nachfolger Joels nach Breslau geholt wurde. Hier in Breslau hat er in diesen 27 Jahren so unendlich viel gewirkt und geleistet, daß es eine fast unlösbare Ausgabe ist, dies in einem kurzen Ueberblick zusammenzufassen. Bielfach ist daS Betätignngssekd eines Jakob Guttmann gewesen. Auch die spätesten Generationen, die ihn als Seelsorger nicht mehr gekannt haben, werden seinen Namen als Meister der Wissenschaft stets nennen: Guttmann war Gelehrter durch und durch. Seine Neigung führte ihn in erster Reihe zur Philosophie und zu dem Studium der Scholastik. Hier hat er eine unübersehbare Fülle von Werken hinterlassen, an denen niemand Vorbeigehen kann, der sich mit diesem schwierigen- und so unzugänglichen Gebiet beschäftigen will. Wir nennen hier seine im Jahre 1879 erschienene Darstellung der Religionsphilosophi-e Abraham-ibn-Däuds, ferner die Saadijas (Göttingen 1882), Gabriels (Göttingen 1889), Isaak Israelis (Münster 1612). Eine seiner grundlegendsten Arbeiten ist die über die jüdischen Quellen der Philosophie des Maimonides, die im Jahre 1914 in Leipzigerschienen ist. Sein Schaffen ist aber nicht bei der Behandlung von jüdischen Philosophen stehen geblieben. Gerade der Untersuchung ihrer Einwirkung auf die christliche Philosophie des Mittelalters war seine Hauptarbeit gewidmet. Hier ist zu nennen:' „Das Verhältnis des Thomas von Aquino zum Judentum und zu der jüdischen Literatnr" (Göttingen 1891), ferner „Die Scholastik des 13. Jahrhunderts in ihren Beziehungen zum Judentum und zur jüdischen Literatur" (Breslau 1902) sowie „Der Einfluß der Maimonidischen Philosophie auf das christliche Abendland" (Leipzig 1908). Daneben hat Jakob Guttmann eine Fülle größerer und kleinerer Abhandlungen geschrieben, vor allem auch in der „Monatsschrift für die Geschichte und Wissenschaft des Judentums". Hier konnte er als eine der letzten Arbeiten seiner unermüdlichen Feder seinem Freunde Professor Markus Brunn zum 70. Geburtstag einen Aufsatz: „lieber die Unechtheit der dem Isaak ben Salomo Israeli beigeiegten Schrift „Sitte der Aerzte" widmen. Auch auf dem Gebiete der systematischen Religions- Philosophie hat sich Guttmann betätigt. Hier seien seine Abhandlungen: „Ueber Dogmenbildung im Judentum" (1894), „Ueber die Bedeutung des Judentums in der Gegenwart" (1903) sowie „Die Lehre von der Versöhnung im Judentum" (1910) genannt. Seine gewaltigen Verdienste um die Förderung der Wissenschaft sind einerseits durch die Verleihung des Titels „Professor" im Jahre 1912 anerkannt worden, was eine seltene Ehrung für einen jüdischen Geistlichen bedeutete, anderseits aber auch durch den aus nichtjüdischem Munde erfolgten Hinweis, daß Jakob Guttmann der beste Kenner der Scholastik sei. So hat sich der Dahingegangene in seinen literarischen Werken ein Denkmal -gesetzt, das dauernder als Erz für alle Zeiten von ihm künden wird, solange wissenschaftliche Forschung ein Ruhmesblatt deutscher Gelehrsamkeit sein wird. Man würde Jakob Guttmann aber unrecht tun, setzte mau seine wissenschaftliche Betätigung ausschließlich in den Vordergrund. In den 27 Jahren seines Wirkens als erster Rabbiner an-der Breslauer Renen Synagoge hat er vor

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