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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-10-15 · Heft 42 (15.10.1919) · p. Seite 473

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 42 (15.10.1919)
Date
1919-10-15
Page
Seite 473 (sequence 5)
Language
German
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I Unter dem 27. d. M. teilt mir die Redaktion mit, daß sie die Diskussion als abgeschlossen betrachten möchte. Ich verzichte daraus, gegen diese merkwürdige Auffassung herausgebe rischer Unzukräglichkeit zu polemisieren. Da mir aber der ganze Vorfall als Beitrag zu der Frage „Antisemitismus und Sozialdemokratie" nicht ganz unerheblich zu sein scheint, wäre ich dem „Vorwärts" dankbar, wenn er, meine Erklärung veröffentlichte. Wir kommen dieser Bitte nach. Die abgelehnte Entgegnung lautet: „Herr Winnig gibt zu, daß er kein Rassenthevretiker ist Das ging aus seinem Aufsatz klar genug hervor. Jedenfalls front mich, daß er seine Unzulänglichkeit ans d-ic-sem Gebiete jetzt selbst einsieht. Weniger fortgeschritten ist die Selbsterkenntnis Winnigs in Fragen der praktischen Politik. Er „weiß sich von jeder antisemitischen Regung frei". Und hat doch in Nr. 16 der „Glocke" unseren Genossen jüdischer Abstammung zugemutet, „sie sollten daraus verzichten, dem deutschen Volke da ihren Rat zu erteilen, wo ihnen durch ihre volksfremde Abstammung der Weg zum Verständnis für das Fühlen des Volkes versperrt ist"'. Kurz gesagt: jeder deutsche Jude soll sich als Deutscher, und wenn er Sozialdemokrat ist, als Parteigenosse zweiten Ranges fühlen und Verhalten. Mit anderen Worten steht das auch in jedem antisemitischen Programm. Die Tvaub (in den „Eisernen Blättern") lind Bruhn (in der „Wahrheit") wissen schon, warum sie Winnig als Retter begrüßt haben. Winnig zitiert Ludwig Frank u-n'd Cito Landsbera,. beide Juden, sympathischen Juden 31t behandeln. Er irrt. Ich bin ein kleiner Vorstadtarzt in einer, zurückgebliebenen Großstadt, habe niemand hinter mir, niemand um mich. Winnig selbst bezeugt mir mit seiner Hilflosen Raterei, wie unbekannt ich ihm bin. Aber ich glaube wie Tausende anderer deutscher Juden nach bestem Ermessen schweigend meine Pflicht als Deutscher' getan zu haben. ‘ Und deshalb lehne ich mich gegen einen Angreiferauf, der mir diese Selbstverständlichkeit abspricht. Winnig zitiert Ludwig Frank und Otto Landsberg. Beide Juden, als nationale Politiker.' Ich nenne als Nichtjuden Gerlach, Förster, Lichnowskh, Mühlon, den Kreis der Berner „Freien Zeitung", die wohl auch Winnig nicht so ganz in seinem Sinne national erscheinen werden. Genügen ihm die Namen? Oder verlangt er mehr? Und meint er nicht schließlich auch, daß es in der hoch differenzierten Volksgemeinschaft von heute nur einen Standpunkt gibt, der eines vorurteilslosen Mensch würdig ist: jeden einzelnen nach seiner Leistung und nach seiner Haltung zu bewerten? Das nämlich scheint mir des Pudels Kern zu sein. Die deutsche Reaktion braucht volkstümliche oder demagogische Mittel, um die Massen hinter sich, zu bringen. Das wirksamste derartige Mittel ist der Antisemitismus. Ist es Sache eines sozialdemokratischen Führers, vielleicht gestützt auf vorschnell verallgemeinerte subjektive Eindrücke, der Reaktion dabei in die Steigbügel zu Helsen?" Für Eingeweihte ist es kein Gehei.mn.is, -daß Herr August Winnig mit seinen Anschauungen in bezug auf die Juden und ihre Anteilnahme am politischen Leben nicht vereinzelt innerhalb der deutschen Sozialdemokratie dasteht. Auch mancher andere seiner Genossen betrachtet die Juden als Bürger oder „Genossen" zweiter Klasse. * Ungarns christlichnationaler Ministerpräsident. Aus Budapest wird geschrieben: Immer glaubt man im Auslande noch, daß der weiße Terror, der Ungarn gegenwärtig heimsucht, nur die natürlich Reaktion des roten Schreckens, das Rnckschwingen des Pendels sei. Bisher hatte man dem Auslande auch glaubhaft machen können, daß die Magyaren den Greueln, die durch ihr Land getragen wurden, fernstanden, daß nur Ntthtmagharen dieses einst so frohe Volk so weit erniedrigen tonnten, daß -ticr Westen nun jede Gemeinschaft, jo selbst die geringste direkte Berührung mit ihm, abgelehnt hat. Wenn es in einem Kulturmittelpunkt jedoch geschehen kann, daß der roten Lektion eine weit entsetzlichere und noch viel albernere weiße folgt, dann scheinbar verdient Ungarn die Teilnahme nicht, für die sein sonstiges Unglück spricht. Ministerpräsident Friedrich, bisher Kleingewerbetreibender, ist 473 -~ eine Operottensigur. Alle ernsten Elemente machen sich über ihn und seine Großmannssucht lustig. Er ist aber auch bas einzig Lustige -in Vielem traurig gewordenen Lande. Dieser Herr, der den Mut gehabt hat — die anders eine tapfere Tat hätte sein können —, nach dem Bankerott der Kommune die Macht durch einen Handstreich an sich zu reißen, operierte theoretisch mit dem geradezu wahnwitzigen Programm, eine ungarische Republik mit einem Erzherzog (nnd späteren König?) an der Spitze 311 errichten, und bewies in der Praxis, daß er seine Macht lediglich auf reaktionäre Finsterlinge gründete. Offenbar rechnete er auf die niedrigsten Instinkte der Massen. Er wollte jetzt durchaus ein christlichnationales Ungarn schaffen. Die Früchte dieser Politik reiften bald. Zunächst bildete sich eine sogenannte „Jugendwehr", die nicht übel Lust -hatte, in tcr Hauptstadt Pogrome zu veranstalten, und die unter dem Namen „Die erwachenden Ungarn" eine Bereinigung gründete, mit der nicht verhehlten Absicht, die Juden zu verfolgen. Die wurdeu £emi auch am hellichten Tage in den Straßen überfallen, insultiert, niedergeboxt oder sonst geschlagen. Zur Ueberraschung dieser Jünglinge wurde aber auch eine jüdische Schutzliga aufgestellt, die wieder die mit Knüppeln bewaffneten erlvachenden Patrioten mit Prügeln regulierte. Zu Pogromen kam es nicht. Allerdings hatte sich die Entente mit der hierin sehrduldsamen Friedrichschen Regierung einen ganz besonders hübschen Scherz erlaubt und einen omerikairischen Kolonel, den Juden N a t h a n •£> 0 r 0 witz, zum Pblizeigewalkigen von Budapest ernannt. In politischen Kreisen verlautete vor kurzem, daß die Verhandlungen zwischen Vertretern des Judentums und dem Ministerpräsidenten Friedrich greifbare Formen annehmen. Gerüchte wollten sogar wissen, daß die jüdischen Angelegenheiten demnächst im Unterrichtsnnd Kultusministerium einer besonderen Sektion übertragen werden sollen, an deren Spitze ein jüdischer Sektionsches gestellt werden soll. Die Versöhnungsaktion wird von Fürstprimas Csernoch und Wilhelm Vaszonyi geleitet. Angeblich soll Fürstprimas Csernoch in Bekundung konfessioneller Toleranz angeregt haben, Vaszonyi als Friedensdelegierten zu wählen. Diese Nachrichten können zur Stunde nicht genau kontrolliert werden, haben aber einige Wahrscheinlichkeit für sich. # Die Lage der jüdischen Privatbeamten. Eine in einem erstrangigen europäischen Versicherungsinstitute in leitender Stelle tätige Persönlichkeit, die vor kurzem in Zürich zwecks Vorbereitung der Gründung einer internationalen Versicherungsge'sellfch'aft weilte, teilte 'der „Jüdischen Preßzentvale Zürich" über die Lage der jüdischen Privatbearnten folgendes mit: Bekanntlich gab es im alten OesterreichUngarn in allen Finanzinstituten, seien es Banken oder Versicherungsgesellschaften, einen großen Stab jüdischer Beamten. Obwohl diese nach bestem Können und Wissen stets ihre Pflicht und mehr als diese erfüllten, stehen sie vor einer großen Gefahr. Die Wiener Großbanken waren der früheren Großmachtstellung Oesterreich-Ungarns angepaßt und werden jetzt nach der Austeilung des alten Reiches ihre Geschäfte und somit auch den Personalstatus dem Kleinstaate Deutsch-Oesterreich anpassen müssen. Aehnlich verhält es sich mit den Versicherungsgesellschaften Daß man bei der Entlassung der überzähligen Beamten wohl zuerst die Juden .herausgreisen wird, bedarf keiner besonderen Erwähnung. Die Hoffnung, daß diese Beamten von den Instituten der Sukzessionsstaaten nÄt übernommen werden, ist nur eine sehr geringe. Im Osten kommt es bei der Ausnahme von Beamten in erster Reihe auf den, Familiennamen an. Qualifikation und Studium sind Nebensache. Gesuche eines Nosenbaum oder Taube wandern in den Papi er korb, während die Offerte eines Michalowicz oder Jampolski nach ihrer Rassenreinheit untersucht wird. In zweifelhaften Fällen wird ein Taufschein verlangt nnd der Bewerber, falls auch nur seine Großeltern Juden waren, unter verschiedenen Vorwänden zurückgewiesen. Als unlängst in Warschau ein Versicherungsinstitut mit jüdischem Gelbe gegründet wurde, hat man, imt die Konzession leichter zu erlangen, das Aktienkapital zum Schein unter einheimische Polen verteilt. Aber auch diese Herren besitzen jetzt den Mut, jüdische Beamten zurückzuweisen. Um für diese Intellektuellen ein neues Arbeitsgebiet zu schaffen, müßte ein neues Weltinstitut entstehen, in welchen: ein jeder, bei Nachweis der nötigen Fähigkeiten, Anstellung finden' könnte. Das Kapital müßten Juden, die Sinn unb Herz für ihr Volk haben.

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