Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 30 (26.7.1918)
- Date
- 1918-07-26
- Page
- Seite 358 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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358 des Menschengeschlechts. Und so mag es auch die einzelne Person tun: im Leben das Beste und Schönste sammeln. Ein ins Gedächtnis gedrucktes Bilderbuch aus dem vergangenen Leben. Alte Kinder haben ihre Freude daran." — Wir möchten dem noch -hinzufügen, daß man aus der Vergangenheit auch eine Nutzanwendung ziehen soll für Gegenwart und Zukunft. Die beste Lehrmeisterin des Menschengeschlechts ist die Geschichte. Das -hat Schiller in seinen geschichtlichen Arbeiten und iwt§ haben nach ihm noch viele andere -Geschichtsschreiber betont. Und welchen Völkern bietet die Vergangenheit mehr Stoff zum Lernen-und Nachdenken als dem jüdischen und deutschen? Paul Joseph Dia man t in Wien sagt in dem ersten Heft des „Archivs für jüdische Fa-m-iliensorschung"^: „Die mangelhafte Kenntnis der jüdischen Vergangenheit trägt ohne Zweifel eine Hauptschuld an dem Jndifferentismus, den weite Kreise der Judenheit gegen das Judentum bekunden." Er hat die Hoffnung, daß die durch genealogische Forschung vermittelte Bekanntschaft mit der Bedeutung seiner Vorfahren manchen einzelnen Juden -enger an seine Ahnenreche -ketten wird. Diesen Zwecken -soll, abgesehen von anderen-, die jüdische Familienforschung dienen, und sie wird damit auf die Stärkung des jüdischen Selbstgefühls hinwirken. In -der Bibel wird der Genealogie ein außerordentliches Interesse entgegen-gebracht. Sie beginnt mit Familiengeschichten, sie behandelt Völker- und Staatengeschichte auf genealogischer Grundlage und setzt bei dem Volke der Bibel einen regen historisch-genealogischen Sinn voraus. In der -Literatur der Diaspora -hat die Genealogie eine große Rolle gespielt. Späterhin trat sie in den Hintergrund und wurde von den rationalistischen Aufklärungsbestrebungen der Mendelssohn-Zeit und auch von Graetz in seiner „Geschichte der Juden" etwas vernachlässigt. Erst Professor DavidKauf man n hat das Aschenbrödel Genealogie wieder zu Ehren -gebracht und in fast jedem seiner Meisterhaften Werke samilien-geschich-tliche Zusammenhänge erforscht. Dieser Bahnbrecher der samiliengeschichtlichen Forschung hat Schule gemacht, und unter den neueren Historikern haben manche außerordentlich Wertvolles aus diesem Gebiete geleistet. Wir erwähnen nur Professor Adolf-Berliner, Dr. Felix A. Teilhaber, Dr. Max Grunwald und Professor M. Brann. Letzterer hat z. B. in dem -von Dr. Grunwald herausgegebeuen „Archiv für jüdische Familiensorschung" (Nr. 1 bis 3 des 2. Jahrganges) eine interessante Arbeit über die Abstammung Ferdinand Lassalles veröffentlicht. So ist durch die Familienfvrschung festgestellt worden, daß bekannte jüdische Familien in Italien deutscher Herkunft sind, daß die Morpurgo aus Marburg, die Ottolenghi aus Ettlingen, die Treves aus Trier, die Cologna aus Köln, die Luzzatto aus der Lausitz stammen. Das hat allerdings nicht gehindert, daß der bekannte Staatsmann Luzzatto einer der größten Deutschensresser ist. Quellen für die jüdische Genealogie sind die Hebeammeu- und Mohelbücher, die Maskirbücher (Seelengedächtnisbücher), die Chewrabücher (Protokolle der Beerdigungsgesellschaften), Grabfteininschristen, Medaillen, Siegel, Wappen u. dgl. m. Wenn man daraufhin Stammbäume entworfen, Ahnentafeln zusammengestellt und familiengeschichtliche Zusammenhänge aufgehellt hat, so galt das früher als eine Liebhaberei, Spielerei, als eine besondere „Passion". Daß die Sache auch große praktische Bedeutung hat, darüber ist man sich erst neuerdings klar geworden. h „Archiv für jüdische Familienforschung." In Gemeinschaft mit einem Komitee herausgegeben von Dr. Max Grunwald. Jahrgang 1912. Wien. Beilage znni „Jahresbericht des Jüdischen Museums" 1911/12. Aus Ignaz Zolsschans trefflichem Buche „Aas Raffenproblem" hat man erkannt, welche hohe Bedeutung Mischehe und Inzucht für das Problem der Lebensfähigkeit Des Judentums haben. Paul Joseph Diamant sagt: „Wie unendlich wichtig wäre es, genau zu wissen, ob die bei Juden so häufigen Verwandtenehen wirklich.für die Volksgesundheit so verhängnisvoll sind und, wie man allgemein annimmt, den großen Prozentsatz von Geisteskranken erklären." Mit dieser Frage habe ich mich selber eingehend beschäftigt und habe auf Grund genauer Untersuchungen und Familiensorschungen folgendes sestgestellt°h: In den Familien, wo die äußeren Lebensverhältnisse, die Gewohnheiten und Sitten oft genug dieselben sind, pflegt oftmals auch d e r s e l b e K e i m zu gewissen körperlichen Schwächen und Leiden bei den einzelnen Personen vorhanden zu sein. Bei einer ehelichen Verbindung zweier Familienmitglieder sind daher, selbst wenn man die Unschädlichkeit der Blutsverwandtschaft a n sich voraussetzt — worüber die Gelehrten noch nicht einig sind — die Aussichten, daß dieser Keim einen für seine Ausbildung günstigen Boden finden werde, viel -größer als bei einer Ehe zwischen Fremden. Und selbst, wenn -Eltern und Großeltern ganz gesund -erscheinen, so ist doch sestgestellt worden, daß vererbungsfähige Krankheiten oft ganze Geschlechter überspringen, erst im Urenkel und in noch späteren Generationen wieder aüftauchen, sich in Seitenzweige flüchten und -nach langem Schlummern plötzlich wieder in einer Linie zum Vorschein kommen können. Es ist das bekannte Gesetz des Atavismus, welches ja nicht nur sür physi-ologische, sondern auch für pathologische Verhältnisse gilt. Auf diese Weise erklärt -es sich, daß bei den Juden, bei denen die Verwan diene Herr so häufig sind — wenn wir von anderen Ursachen absehen —, so viele Fälle von Nerve nu n d G e i st e s k r a n k h e i t e n Vorkommen. Und selbst wenn der Arzt vor Abschluß einer solchen Ehe über sein Urteil befragt wird, welche Schwierigkeiten hat er dann bei seinen Familienforschungen zu überwinden! Was für Krankheiten und Familiengeheimnisse -gibt es dann zu entwirren! Die einen verschweigen sie, die anderen richten die Tatsachen nach ihren Ansichten und — Absichten zu und verstümmeln die Wahrheit, sei es aus Vergeßlichkeit oder aus anderen Beweggründen. Jedenfalls ist es dann ratsam, wenn der Arzt, frei nach einem bekannten Worte, erklärt: Verwandte heiraten ist gut (weil man sich kennt), aber sie nicht heiraten, ist besser, weil man sich in der Familiengeschichte nie auskennt und nicht, wissen kann, was sie für pathologische Geheimnisse verbirgt. Schon von den altjüdischen Weisen wurde, wie Dr. Rainer hervorhebt, strenge Familieuforschung beim Eingehen einer Ehe angeordnet, insbesondere hinsichtlich des Vorkommens erblicher, unheilbarer Krankheiten. Musterhafte Familiensorschungen finden sich in den fünf Büchern Moses, in den Büchern Esra, Rehemia, Chronik«. Wie die Ehen unter Blutsverwandten dem Judentum qualitativ schaden, so schaden ihm Mischehen und Abfall quantitativ. Welche Verluste das Judentum im Lause der Jahrhunderte durch zwangsweise und freiwillige Taufen erlitten hat, ist allgemein bekannt. Die Nachkommenschaft solcher Täuflinge — wenigstens für die letzten 200 bis 300 Jahre — zu ermitteln und zur allgemeinen Kenntnis zu bringen, ist trotz vielfacher Schwierigkeiten möglich und eine dankenswerte Aufgabe der Familiensorschung. Denn der damit erreichte praktische Erfolg ist ein doppelter. Vor allem können wir danu mit wissenschaftlicher Genauigkeit seststellen, -ob und welchen Verlust das Judentum Durch den Abfall erlitten -hat, wenn 2) Vgl. mein Buch „Ueber Ehen zwischen Blutsverwandte n", 2. Auflage (Selbstverlag).