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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-07-26 · Heft 30 (26.7.1918) · p. Seite 359

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 30 (26.7.1918)
Date
1918-07-26
Page
Seite 359 (sequence 11)
Language
German
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359 man sich He Leistungen -der Täuflinge und ihrer Nachkommenschaft vor Augen hält. Man war nämlich in dieser wichtigen Frage mangels jeder genauen Untersuchungsweise bisher aus Vermutungen angewiesen, die kein irgendwie sicheres Ergebnis haben konnten. Und weiter bars man sich von dieser Bekanntgebung der Täuflinge auch-einen heilsamen Einslutz auf diejenigen versprechen, die heute auf dem Sprunge zum Abfall stehen. Denn gar mancher wird erkennen, daß seine Absicht, für sich und seine Nachkommen dem Judentum zu entrinnen, vergeblich ist, da die genealogische Forschung diese Absicht vereiteln kann, wie sie es bei den Marannen früherer Zeiten getan hat. Anderseits muß man gerechterweise auch folgendes erklären: Wenn -F r i -e d r -i ch N i e tz s ch e in seinem Brieswechsel mit Franz Overbeck (vgl. „Nietzsche und der Antisemitismus" in Nr. 8 dieses Blattes) schreibt: „Ich habe an zuständiger Stelle den Vorschlag gemacht,, ein sorgfältiges Verzeichnis der deutschen Gelehrten, Künstler, Schriftsteller, Schauspieler, Virtuosen von ganz oder halb jüdischer Abkunft herzustellen: das gäbe einen guten Beitrag zur Geschichte der deutschen Kultur, auch zu deren Kritik", so haben die wahren Geistesgrößen eine derartige Familienforschung nicht zu scheuen. Jedenfalls wird bei jedem w a h r e n I u d e n das jüdische Selbstbewußtsein durch die Familienforschung gestärkt. Das „Jichuß", die vornehme Abkunft, hat bei den Juden stets eine große Rolle gespielt. Dr. Rainer weist -darauf hinst, daß man schon in uralter biblischer Zeit beim Eingehen einer Heirat ganz besonders auf gute Familie, aus Abstammung, geistige Veranlagung der nächsten Verwandtschaft usw. achtete. Nicht Geld, sondern g e i st i g e Mitgift spielte dabei eine Rolle. Mit welchem Stolze führt so mancher seine Ahnenreihe bis auf einen berühmten Raw oder einen sonst um das Judentum wohlverdienten Mann zurück! So kann der berechtigte Familienstolz durch diese Forschung nur gehoben werden. Sie soll also nicht ein anderer „Semigotha" sein, eine Fundgrube für Zwecke, die nicht im wahren jüdischen Interesse liegen. Sie soll edle jüdische Ziele mit vornehmen wissenschaftlichen Mitteln zu erreichen suchen, sie soll dem Judentum zum Nutzen und zum Wöhle dienen, sie soll ihm zur Ehre gereichen. Und in diesem Sinne verdient sie die beste Förderung und das „Archiv für jüdische Familienforschung" die weiteste Verbreitung. tzrdrm das Srinigr. (4. Forts.) Roman von M. Pulvermann. ine Parabel! Sehr interessant! rief Frau Mahlow mit sauersüßem Lächeln. „Um Ihnen aber die Wahrheit zu gestehen, wäre eine humoristische Skizze oder dergleichen vielleicht bester angebracht. Etwa so eine Schilderung aus dem Kleinftadtleben der Juden, wie ich neulich eine gehört, bei der die Gäste sich köstlich unterhielten und gar nicht aus dem Lachen kamen." „Das Leben unserer Brüder ins Lächerliche gezogen!" erwiderte Klaßner etwas barsch. „Ich glaube auch, das würde hier Beifall finden." —. st „Die Rassenhygiene, Familienforschung, Eugenik und einiges über die Vererbung geistiger Eigenschaften im alt jüdischen Schrifttum." Rassenhygienische Abhandlung von Dr. med. Rainer, Arzt zu Wiesbaden, zurzeit Kopenhagen. „Nebenbei bemerkt, Herr Klaßner, Sie Wörden die Güte haben und Fräulein Dumont zu Tisch führen", sagte Frau Mahlow, um der unerquicklichen Unterhaltung eine andere Wendung zu geben. „Sie werden sie dort in der Ecke finden. Fräulein Dumont liebt es ja, sich in Winkeln herumzudrücken." Klaßner überlegte, ob die letzte Bemerkung irgendeine Erwiderung heische; doch hörte er jetzt hinter sich eine andere Stimme, die ihn einer Antwort üderhob. „Habe Sie ein bißchen zappeln lassen, hochverehrte Frau Gastgeberin", vernahm Klaßner. „Hatte' Unglück mit dem Wagen, bin sonst sehr pünktlich, wenn es etwas Gutes zu schnabulieren gibt. Können sich darauf verlassen." Klaßner benutzte die Gelegenheit, um sich zu Ellen Dumont zu begeben. Frau Mahlow erstrahlte im hellsten Glanze, als sie den neuen Ankömmling erblickte. „Mein lieber Herr Burger," rief sie freudig, „Sie brauchen sich gar nicht erst zu entschuldigen. Sie sind ja da, damit ist alles gut. Ich kann es mir denken, wie Sie von allen Seiten in Anspruch genommen sind und, wie ich sagen darf, wohl auch, verhätschelt werden. Ich fürchtete schon, daß Sie mein bescheidenes Heim ganz oder gar vergessen haben. Nicht wahr, Herr Burger, Sie werden so liebenswürdig sein und meine Tochter Alice zu Tisch führen." „Alice zu Tisch führen!" rief Burger selbstbewußt. „Natürlich! Warum denn sonst sollte ich gekommen sein, hochverehrte Frau Mama?" Man begab sich gleich zu Tisch, wobei die Anwesenden den erlesenen Speisen und Getränken volle Gerechtigkeit widersähren ließen. Alice tat so, als ob sie äße, um einen schicklichen Vorwand zu haben, ihre Augenbeständig aus den Teller zu richten. So oft sie aber aussa-h, fielen ihre Blicke auf Julius, der neben einer behäbigen Matrone saß und unausgesetzt nach dem anderen Ende der Tafel starrte, wo Ellen und Klaßner faßen. Alice sträubte sich lange, ihre Blicke ebenfalls dorthin zu richten; schließlich tat sie es aber doch. Dem Scheine nach hätte keiner behaupten können, daß diese beiden dort bereits eine „geheime Vereinbarung" getroffen hatten. Ellens scharfgeschnittene, bleiche Gesichtszüge, die, wie Alice mit Bitterkeit an die Worte der Mutter sich erinnerte, einen passenden Rahmen für sie selbst abgeben sollten, schienen jetzt noch klarer und anziehender zu fein, sonst aber waren sie ruhig und unbeweglich. Allerdings nicht die Ruhe der Gleichgültigkeit, sondern der Sicherheit, der Zufriedenheit. Ihre Augen, die auch sonst groß und glänzend -waren, zeigten heute ein sicgcsfrohes Flimmern, wie es Alice nie vorher bei ihr beobachtet.. Aber es konnte ja auch gar nicht anders fein, da doch Klaßner mit seiner alles beherrschenden und bezwingeirden Stimme zu ihr sprach, die Verständnis und Aufmerksamkeit geradezu heransforderte. Die allgemeine Unterhaltung hatte dort aufgehört, denn alles lauschte gespannt seinen geistreichen Ausführungen. Alice konnte sich einer neidischen Empfindung nicht erwehren und das Herz tat ihr weh, daß sie jenem Kreise fern zu bleiben gezwungen war. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Wie leicht hätte es ihm gelingen können, auch den Ihrigen einen solchen Glanz zu verleihen, wie es bei Ellen der Fall war! Sie -fuhr plötzlich zusammen. „Sie lieben keine sauren Gurken?" hörte sie Burger neben sich sprechen. „Auch keinen Meerrettich? Wissen Sie, ich bin doch kein frommer Jude: aber wenn ich -Gurken, Meerrettich und dergleichen vor mir sehe, da kommt -mir doch das Bewußtsein, daß ich von jüdischen Eltern abstamme. Nehmen Sie vielleicht von den Früchten?" Alice nahm -eine und warf sie bald weg. Adolph Burger wurde jetzt sehr gesprächig. Solange -er an einer gedeckten

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