Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 30 (26.7.1918)
- Date
- 1918-07-26
- Page
- Seite 357 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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357 Brauche eure Verbindung so auch eure Trennung mit einem fröhlichen Jestgelage. Die Leute taten so, wie ihnen geheißen wurde; sie machten sich einen guten Tag und feierten diesen bei einem reichen Festmahle. Daraus sprach der Mann gerührt zu seinem Weibe: Meine Tochter! Suche vir das Schönste und Liebste in meinem ganzen Heime aus und nimm es als Andenken mit dir in dein Vaterhaus. Was tat nun das Weib? Sie wartete ab, bis der Gatte fest eingeschlafen war, dann gab sie den Dienern und Dienerinnen den Auftrag, das Bett mit dem Schlafenden in ihr Vaterhaus zu schaffen. Dort angelangt, erwachte der Mann um Mitternacht und fragte erstaunt, wo er denn sei. Die Frau antwortete: in meinem Vaterhause! Was soll ich noch in deinem Vaterhause? fragte unwirsch der Mann. Sanft kam die Antwort von den Lippen der findigen Frau: Hast du mir nicht am Abend gesagt: Das Schönste und Liebste in meinem ganzen Heime nimm als Andenken mit dir in dein Vaterhaus — das Schönste und Liebste der ganzen Welt bist und bleibst du mir. Wieder gingen sie miteinander zu R. Simon b. Jocha! und blieben glücklich zusammen für immer. (Schir Haschirim Rabba I, 31. Die Wiederausfindung dieser Quelle danke ich Herrn Professor Stark.) R. Jose, der Galiläer, hatte eine böse Frau. Sie war die Tochter seines Bruders, respektierte darum den Gatten nicht sonderlich viel, ja schmähte ihn vor seinen Schülern. Da meinten die Schüler: Laß ab von dieser bösen Frau, sie gereicht dir nicht zur Ehre. Der Meister antwortete: ich bin zu arm, um sie versorgen zu können. Eines Tages kam Besuch; der reiche Elasar b. Asarja. Obschon der Hausherr in zarter Rücksicht das Ansehen seiner Frau schonen und mit allerlei Ausflüchten den wahren Sachverhalt beschönigen wollte, erkannte der Gast die Situation. Er wiederholte das Verlangen der Schüler, der stille Dulder möge sich endlich von seiner Fanthippe befreien. Als auch ihm der Rabbi entgegnete, daß er zu arm sei, um die zu entlassende Frau standesgemäß versorgen zu können, nahm der reiche Gast bereitwillig die materielle Last aus sich, und der Märtyrer wurde erlöst. Der bösen Frau ging es schlecht. Sie wurde das Weib eines Stadtwächters, der später erblindete und verarmte und gegen seine Lebensgefährtin nicht die Milde und Güte des R. Jose walten ließ. Sie zog mit dem blinden Bettler vor die Türen der Edlen, daS Haus ihres ersten Mannes hingegen mied sie scheu und ängstlich. Als der Rabbi von ihrem harten Schicksal erfuhr, brachte er sie mit ihrem Weggenossen in einem seiner Häuser, die ihm die zweite Frau in die Ehe gebracht hatte, unter und sorgte väterlich für beide ihr ganzes Leben lang. (Bereschith Rabba XVII, 3; Wajjikra Rabba XXXIV, 14.) Einen zweiten R. Jose, voll bewunderungswürdiger Nachsicht und Menschenfreundlichkeit, hat uns Ludwig Geiger in seinem Aufsatze «Das Testament eines Berliner jüdischen Bankiers (1819)" gezeigt (Allgem. Zeitung des Judentums 1914, S. 281). Simon Veit (Witzenhausen), der Schwiegersohn Moses Mendelssohns, wurde von seiner Frau Dorothea nach sechzehn Jahren langer Ehegemeinschaft geschieden. Dorothea, dem romantischen Drange der Zeit und dem Zuge ihres Herzens folgend, vermählte sich wieder mit Friedrich Schlegel. Simon Veit indes verheiratete sich nicht zum zweitenmal, obwohl Dorothea dies dringend gewünscht hatte, sorgte vielmehr in großzügiger Weise auch für seine geschiedene Frau und deren zweiten Gatten und gewährte in echt väterlicher Art seinen beiden Söhnen Jonas (Johannes) und Pfeibisch (Philipp)), die auch da sie herangewachsen waren, durch ihre Kunst nicht viel verdienten, reichlichen Lebensunterhalt, obgleich sie ihm den größten Schmerz angetan hatten dadurch, daß sie auf Dorotheens beständiges Drängen zum Christentum übergegangen waren. Das sind so einige wenige Bilder zur Illustration unserer „Herzenshärtigkeit". Ein kurzes Wort erheischt noch die „Laxheit". Hermann Cohen verlangt irgendwo von den christlichen Theologen „erweiterte Quellenforschung". Und in der Tat! Wenn jemand eine Mischna aus dem letzten Abschnitt in Gittin gegen uns verwertet, der sollte auch eine im vorletzten Abschnitt desselben Traktates (VÜI, 10) zu unseren Gunsten deuten. Dort wird nämlich eine besondere Art des Scheidebriejes(n-Ij7 v!» erwähnt; eine wohlgemeinte Finesse der Weisen, um einer bestimmten Gruppe von Ehemännern, den Cohanim, die vom tzausr aus zu Jähzorn neigen und schnell fertig sind mit ihrem Urteil über die Frau, die Ehescheidung zu erschweren. Einer Erschwerung der Ehescheidung im allgemeinen dient auch die ausgesuchte Akribie, von der das Ritual begleitet wird, auf das duraischnittlich etwa drei Stunden Zeit verwendet wird. Die Herren von der christlichen Fakultät, deren Ausdauer und Beharrlichkeit wir bewundern, sie würden bei unserer Zeremonie der Ehescheidung, so sie einmal über die Bedenken wegen der communicatio in sacris hinwegkämen, eine schwere Geduldprobe zu bestehen haben. Sie würden aber auch mit mehr Vorsicht und Vorbehalt schreiben, über die .Laxheit" in der Auslegung der Bestimmung über die Ehescheidung. Heinrich Grätz („Geschichte der Israeliten" 1, S. 39, Anmerkung 2) führt David Friedrich Strauß als Zeugen an für die höhere sittliche Weihe der Ehe bei den Juden. Wir wollen uns aus Lebende berufen, aus eine Nahida Remy, auf eine Klara Viebig, die in ihrer ehelichen Verbindung mit Juden tiefer blicken konnten in die Seele unserer Gemeinschaft. Es mag ja fein, daß es unter den Juden im fernen Osten welche givi, die kurzer Hand von einer Ehe in die andere übergehen. Liefe „Laxheit" ist aber nicht so sehr das Ergebnis pharisäischen Geiftes als vielmehr die Folge der menschenunwürdigen Behandlung in dem weiten Reiche der Barbarei. Und in der Zeit des Burgfriedens genügt ein Hinweis auf Martin Philipps» n („neueste Geschichte des jüdischen Volkes" 111, S. 145), um zu erkennen, daß die sittliche Versumpfung der Juden nicht das originelle Werk des Zarismus allein ist. «Der Antisemitismus wüiete weiter durch ganz Rußland. Die Hetz- und Brandschriften der deutschen Antijemitenhäuptlinge wurden eifrig übersetzt und veröffentlicht." Wir im Westen machen von der biblischen Bestimmung über die Ehescheidung nicht mehr und nicht weniger Gebrauch als unsere nichtjüdischen Mitbürger, die noch obendrein an die Norm des Neuen Testamentes gebunden sind. Wie es uns trotz aller Herzenshärtigkeit und Laxheit gelungen ist, einen Familiensinn zu entwickeln, der sprichwörtlich geworden ist, das bleibt denn doch schleierhaft. Unterallen Tugenden und Fehlern Israels ragt sein Familiensinn wie ein gotischer Dom in den Himmel empor. Wer uns dieses uralte Denkmal mit seinem Gift bespeit, der erinnert an die fratzenhaften Wasserspeier, die nach der Ueberlieferung der Baukunst an keinem gotischen Meisterwerk fehlen dürfen. Wir aber können mit ruhigem Gewissen nach dem Muster der Maria Stuart sagen: Wir sind besser als unser Ruf. Bit Bedeutung der Milchen Lumiljenkorlchung kür das Judentum. Von Sanitätsrat Dr. Scherbe! (Lissa i. P.). eterRosegger.der jetzt Verstorbene, sagt in seinem „Tagebuch": „Man sollte die so wild und wüst in die Zukunst stürmende Menschheit öfter auf den Wert der Vergangenheit weisen. Wenn schon nicht zu der Vergangenheit, wie sie wirklich war, vielmehr zur gereinigten und ausgewählten Vergangenheit, wie sie sich im lichtsehenden Gedächtnisse zurechtgelegt hat. Da hat man die Wahl, was man von ihr wegwerfen oder behalten und genießen will. Die Geschichte muß freilich auch die widerwärtigsten Dinge der Vergangenheit aufbewahren, die Kunst aber legt stets das Beste und Schönste der Vergangenheit fest als den wirklichen Schatz