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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-10-26 · Heft 43 (26.10.1917) · p. Seite 511

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 43 (26.10.1917)
Date
1917-10-26
Page
Seite 511 (sequence 7)
Language
German
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511 Erwartung, «daß 'die geplantejüdiM-thMlogische BÄdungsanstalt, an der Graetz als Lehrer wirken sollte, in jener Gemeinde ins Leben treten würde, erfüllte sich nicht. Er verließ daher Nikolsburg, um in Lundenburg die Stelle als Dirigent und Oberlehrer der jüdischen Schule — nach seiner im Oktober 1850 erfolgten Verheiratung mit .Marie Monasch') (aus Krotoschin, gestorben Abend des 31. Mai 1900) — zu übernehmen. Allein, auch dort war feines Bleibens nicht lange, nach zwei Jahren wandte er sich nach Berlin, weil er in der an Bibliotheken reichen Stadt die Möglichkeit zur Fortsetzung seiner historischen Arbeiten zu finden glaubte. Von Michael Sachs gefördert, hielt,er daselbst geschichtliche Vorlesungen für Kandidaten der jüdischen Theologie, die mit Beifall ausgenommen wurden. Wissenschaftlichen, insbesondere geschichtlichen Studien, blieb seine Haupttätigkeit gewidmet. Die Resultate derselben veröffentlichte er in Frankels, seit Oktober 1851 herausgegebener „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums", zu deren fleißigsten Mitarbeitern er gehörte. Auch ward ihm die Freude, seinen Herzenswunsch erfüllt zu sehen, da Dr. Veit den Verlag des vierten Bandes seiner „Geschichte der Juden", der zuerst die Presse verließ, übernahm. In ihm wurde die Zeit vom Untergange des jüdischen Staates bis zum Abschluß des Talmud (d. i. vom Jahre 70 bis etwa 550 der üblichen Zeitrechnung) in farbenreichen Bildern von dem geistigen Leben und Weben jener Epoche geschildert. Dieses „literarische Ereignis" war gleichsam „die erste Probe seiner historischen Kunst". Und „staunend", lauten David Kaufmanns Wortes, „sah man Band auf Band aus der stillen Werkstatt des Gelehrten," der 1854 einem Rufe als Dozent des Jüdisch-Theologischen Seminars zu Breslau gefolgt war, „in kurzen Zwischenräumen hervorwachsen". Es kann hier nicht der Ort sein, das Monumentalwerk eingehend zu würdigen, seine Vorzüge und Mängel zu beleuchten''), sondern es seien nur die Worte Blochs wiedergegeben: „Als höchstes, von keinem anderen bisher erreichtes Verdienst muß gerühmt werden, daß er (Graetz) durch sein gemeinsaßliches, hinreißendes Wort sich in allen Schichten seiner Glaubensgenossen Eingang verschafft, in ihnen das Bewußtsein einer trotz aller Verfolgungen und Erniedrigungen ruhmvollen Vergangenheit wieder angeregt und den Glauben an die geistige Zukunft Israels neu geweckt hat"'"). So konnte er, „der populärste Schriftsteller innerhalb der jüdischen Wissenschaft, den für einen jüdischen Autor beispiellosen Erfolg verzeichnen, daß sein so bändereiches Werk ... es auf drei Auflagen, ja in einigen Teilen sogar zu einer vierten Auflage gebrachte hat""), daß „Uebersetzungen ins Hebräische, Französische, Englische und Russische den Ruhm des Urhebers auf ihre Schwingen nahmen, um ihn über die Lande und über das Weltmeer zu tragen""). Der Altmeister jüdischer Geschichtswissenschaft wurde auch seitens der preußischen Regierung durch Uebertragung einer Honorarprofessur an der Breslauer Universität geehrt, ja, selbst die spanische Akademie zu Madrid huldigte ihm, dem Darsteller der Vertreibung der Juden von der Pyrenäen-Halbinsel, durch Aufnahme in die Reihe ihrer Ehrenmitglieder. Während Graetz auf historischem Gebiete sich als Bahnbrecher erwiesen, „leuchtete ihm auf dem Arbeitsfelde der 7) lieber dies« trefflich« Lebensgefährtin unseres Graetz vergleiche Rippner in Brülls „Populär-wissenschaftliche Monatsblätter", 7. Jahrg., 1887, S. 222, und Bloch a. a. O. S. 501 s„ besonders Anmerkung 1. 8) Gesammelte Schriften^ I Bd., S. 276. Es sei aus Blochs Darstellung im 7. Abschnitt „Der Historiker" (a. a. O. S. 309 bis 315 und S. 346 bis 357) verwiesen. 10) A. a. O. S. 351 f. - 1L) A. a. O. S. 353. . I!) Kaufmanns Gesammelte Schriften I, S. 279. Exegese", dem er sich besonders in den letzten Jahrzehnten seines Lebens gewidmet hatte, „kein so glücklicher Stern und war ihm kein so glänzender, siegreicher Erfolg beschieden""), hatte er doch „die schiefe Ebene der fessellosen Vermutung betreten""). Mit wenigen Worten sei noch seiner segensreichen Tätigkeit als Dozent am Breslauer Jüdisch-Theologischen Seminar gedacht. Seit Eröffnung dieser Lehrstätte (1864) ihrem Lehrerkollegium angehörend, hat er sich unvergängliche Verdienste um ihre Entwicklung und ihr Gedeihen sowie um das Wohl der an ihr Studierenden erworben. Graetz verlieh durch seinen Ruf als Gelehrter und fruchtbarer Schriftsteller") dem Seminar Glanz nach außen und eine weithin wirkende Anziehungskraft. Seinen Jüngern, zu denen sich auch der Verfasser dieses Gedenkblattes zählen darf, war er ein leuchtendes Vorbild nie rastender Schaffenskraft und unermüdlichen Fleißes, ein geistvoller Meister, ein warmherziger Berater, ein väterlicher Freund. 74jährig ward Graetz seiner Familie, seinen ehrwürdigen Mitarbeitern, seinen zahlreichen Jüngern, der jüdischen Gesamtheit, die ihm anläßlich der Feier seines 70. Geburtstages ihre Liebe, Anerkennung und Verehrung in überwältigender Weise bekundet hatte, vor allem der Wissenschaft allzu früh, auf einer Besuchsreise in München am 7. September 1891 entrissen. Seine sterbliche Hülle wurde am 10. jenes Monats — am gleichen Tage erfolgte in diesem Jahre die Bestattung des Seminarrabbiners Professor Dr. Israel Lewy — auf dem Gottesacker zu Breslau dem Schoße der Erde übergeben. Das Andenken an den verklärten Meister und Führer, an den Geschichtsschreiber der Juden, wird nie verlöschen; in den Hallen der Wissenschaft des Judentums bleibt ihm ein Ehrenplatz für alle Zeiten gesichert! Glaube und heimm'). Von Geh. Justizrat Dr. Eugen F u ch s. I. seinem Aufsatze „Innere Politik"") hat Kurt Blumenfeld die Frage aufgeworfen, ob ein Ausgleich des Zionismus mit den Organisationen denkbar sei, in denen die Führer der alten Generation sitzen. Er gedenkt dabei des Zentralvereins Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens und einer angeblich von mir geäußerten Erwartung, das deutsche Judentum werde „der gefährlichen nationalistischen Bewegung Herr werden, die sich im Zionismus verkörpert". Blumenseld meint, zwischen den Lebensanschauungen des zionistischen und des anderen Lagers könne es eine Verständigung der Natur nach nicht geben; es sei jedoch durchaus möglich, daß die zionistische Organisation sich mit anderen jüdischen Organisationen zu bestimmten Zwecken verbinde. Solche allen erwünschte Ziele gäbe es; wer es für wertvoll halte, sie mit den Zionisten im Bunde zu erreichen, könne ihrer Bündnistreue 13) Bloch o. a. O. S. 493. lieber Wert und Wirkung der exegetischen und kritischen Leistungen von Graetz bietet dieser Biograph Näheres a. a. O. im 8. Abschnitt „Der Exeget" (S. 357 bis 360 und S. 491 bis 494). “) Kaufmanns Gesammelte Schriften l, S. 281. 15) Das von Braun in der „Festschrift" des Seminars, S. 116 ff., zusammengestellte Verzeichnis seiner Schriften enthält 232 Nummern (ohne Anrechnung von „über 100 kürzeren Aufsätzen, Notizen und Bücherbesprechungen"). h Aus den „Neuen Jüdischen Monatsheften". 1. Jahrg., Heft 22. Mit ausdrücklicher Genehmigung des Verfassers abgedruckt. Die Red. ")„Der Jude" 1916/17, S. 713.

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