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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-10-26 · Heft 43 (26.10.1917) · p. Seite 512

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 43 (26.10.1917)
Date
1917-10-26
Page
Seite 512 (sequence 8)
Language
German
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äehnfj sein. Da ich derjenige bin, dessen Lebensanschauung als mit der zionistischen unvereinbar gekennzeichnet ist, sei mir ein Wort der Erwiderung gestattet. II. Daß die zionistische Organisation sich mit anderen jüdischen Organisationen zu bestimmten Zwecken verbinde, daß es solche, allen erwünschte Ziele gibt, ist von mir seit Jahr und Tag immer und immer wieder in den Versammlungen des Verbandes der Deutschen Juden und des Zentralvereins Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens mit Nachdruck betont worden. 1. Bei der Begründung des Verbandes, der zuerst nur als ein allgemeiner deutscher Judentag gedacht war, schließlich aber auf meine Anregung durch Zusammenschluß der bestehenden jüdischen Organisationen zu einer dauernden Gesamtvertretung der deutschen Juden auf autonomer Grundlage ausgestaltet wurde, bestand ich immer daraus, daß auch den Zionisten im Verbände eine Vertretung eingeräumt werde und daß auch zionistische Führer in den Ausschuß gewählt werden sollten. In den Ausschuß des Verbandes sind denn auch Zionisten gerade um ihrer Zugehörigkeit zur zionistischen Partei und um ihrer führenden Stellung in derselben berufen worden und sind dort noch tätig. Daß der Verband „eine mittlere Linie durch Zusammenfassung aller Parteirichtungen und religiösen Schattierungen verfolgt", wird auch von Zionisten anerkannt'). 2. Auch im Zentralverein Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, von dem Bodenheimer sagt, daß er im wesentlichen Assimilationspolitik treibe, haben Zionisten und Nichtzionisten in den Abwehrkämpfen und Bestrebungen um die Wiederbelebung des Judentums Jahr und Tag zusammengearbeitet. Als im Anschlüsse an Somberts Vorträge und seine Schritt über „Die Zukunft der Juden" sich zuerst die Gegensätze fühlbar machten, habe ich zur Einigkeit und gemeinsamen Weiterarbeit im Zentralverein gemahnt. „Um sein — des Zentralvereins — Banner, können und sollen alle Juden sich scharen, ohne Unterschied ihrer religiösen und politischen Richtung, mögen sie freisinnig oder rechtgläubig, zionistisch oder nichtzionistisch sein . . . Sehen Sie mehr auf das, was uns eint, als auf das, was uns trennt. Ob die Juden noch Volk, Nation, Rasse oder nur eine soziale und religiöse Gruppierung sind, ob es möglich sein wird, ein jüdisches Zentrum zu bilden, das nicht bloß den heimatlosen östlichen Juden eine Heimat bereitet, sondern allen Juden der ganzen Welt Vorbild und Hoffnung für die Zukunft sein wird, ob es wahr ist, daß der jüdische Geist zurzeit heimatlos ist und eine Heimat erst gesunden haben wird, wenn eine reale Heimstätte für das Volk gefunden sein wird, darüber mögen die Meinungen auseinandergehen. Die Zionisten erhoffen es, die Nichtzionisten glauben nicht daran. Aber diese Differenzen dürfen uns in unserer Streitgenossenschast nicht trennen, rncht dazu bringen, das Banner zu verlassen, das der Zentralverein ausgestellt hat, um die zu sammeln, denen es ernst darum zu tun ist, hier aus dem Boden des deutschen Vaterlandes unsere volle Gleichberechtigung zu erringen. Wir wollen ... vereint marschieren, wenn auch in weiter Ferne die Wege auseinandergehen'). 3. Leider haben sich diese meine Wünsche nicht erfüllt. Die Gegensätze haben sich verschärft. Sie haben in der Versammlung vom 30. März 1913 zu der meinem Fassungsentwurf im wesentlichen entsprechenden Resolution geführt, in der der Zentralverein erklärte, daß wir die deutsche Judenfrage nicht international lösen, und von dem deutschen Zionisten, der ein M. I. Bodenheimer in „Der Jude" 1916/17, S.595. ') „Im Deutschen Reich" (I. D. R.) 1912, S. 405. deutsches Nationalgefühl leugne, sich als Gast in fremdem Wirtsvolke und national nur als Jude fühle, uns trennen müßten'). - III. Während ich der Hoffnung Ausdruck gegeben habe, daß wir uns nicht von vielen werden zu trennen brauchen, und eine lange Strecke, vielleicht den ganzen Weg, mit der Mehrzahl der Zionisten werden Zusammengehen können, während ich eine Erklärung unserer Zionisten erwartete, daß sie auch deutschnational und sich nicht als bloße Gäste in Deutschland fühlten, soll nach Auffassung der Zionisten durch die Resolution zwischen ihnen und den Zentralvereinlern das Tischtuch zerschnitten und der Bruch geschaffen sein. „Hie Nationaljude, hie Assimilant" ist jetzt die Losung, die von ihnen geprägt ist. Prüfen wir die Schlagworte. Sind die Juden eine besondere Nation (Volk, Rasse), sind wir jüdischen Deutschen jüdisch-national oder deutsch-national, sind wir Gäste in fremdem Wirtsvolke, sind wir, wenn wir nicht national-jüdisch fühlen, Assimilanten? Ich habe mich über diese Schlagworte schon wiederholt') geäußert. 1. Ich identifiziere die Begriffe Volk und Nation und setze diese Gemeinschaften als sozusagen natürliche in Gegensatz zum Staat, der eine rechtlich gebundene und geschlossene Gemeinschaft ist. Der Gegensatz von Staat und Nation ist also ähnlich dem Gegensätze von juristischer und natürlicher Person. Das Volk ist eine Unterart der Gattung, Raffe und selbst eine Gattung für die verschiedenen Stämme. Der Begriff der Nationalität hat einen Doppelsinn: einmal ist er eine quantitative Abscheidung gegenüber der Nation; kleinere Nationen werden Nationalitäten genannt. Dann aber ist er wichtig für die Scheidung des Staats in Nationalstaat und Nationalitätenstaat. In diesem Sinne bedeutet der erstere Staat den einheitlichen geschlossenen Volksstaat, der auf einer bestimmten Nation aufgebaut ist; der Nationalitätenstaat den Staat, in welchem verschiedene Nationen oder Nationalitäten verfasiungsrechtlich zusammengefaßt sind (Einheitsstaat, Gesellschaftsstaat). 2. Will man die Frage beantworten, ob die Juden eine besondere Nation (Nationalität) sind, so wird man zuvörderst fragen müssen, welches das wesentliche Merkmal der Nation ist. Ist die Nation eine Bluts-, Schollen-, Sprachen-, Kulturgemeinschaft u. a. m., wird der Nationalbegriff allein durch objektive Momente bestimmt, oder ist auch noch ein besonderer Gemeinschaftswille erforderlich? Nach meiner Meinung gehören zum Begriff einer nationalen Zusammengehörigkeit nicht bloß die objektiven Momente oder Naturtatsachen, die uns mitgegeben werden: Abstammung und Erziehung, sondern auch subjektive Momente, die aus dem freien Willen beruhen. Zum Begriffe der Nation gehört, möchte ich in juristischer Terminologie sagen, nicht bloß evrpu8, sondern unimus. Natürlich kann der bloße Wille den Fremdvölkischen nicht zum Völkischen machen, so wenig er den Neger zum Weißen, den Mongolen zum Kaukasier machen kann. Je länger aber der einzelne Volksgenosse im fremden Volke lebt, um so mehr werden die objektiven Fremdheitsmomente zurückgedrängt, und es tritt das subjektive Willensmoment in den Vordergrund. Hieraus ergibt sich für mich, daß die Frage, ob die Juden eine besondere Nation und nur Gäste rat fremden Wirtsvolke find oder ob sie unter ihren „Wirtsvölkern" ihre nationale Sonderart verloren und nur Stammeseigenarten haben, nicht einheitlich, sondern raum-zeitlich verschieden (Ost-, Westjuden usw.) und individuell zu beantworten ist. °) „I. D. R." 1913. S. 224. °) Israel. Vereinb. 1897, Nr. 52. „I. D. R." 1905,- S. 561; 1912, S. 274, 405; 1913, S. 224.

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