Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 43 (26.10.1917)
- Date
- 1917-10-26
- Page
- Seite 510 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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510 „Mit gierigen Micken", lauten seine im „Tagebuche" niedergelegten Worte, „sog ich die Satze darin ein, und so abtrünnig ich dem Talmud vorher gewesen, so söhnte dieses Buch mich mit ihm aus." Fortan widmete er sich mit erneuter Liebe dem Talmudstudium. Im April 183K verließ Graetz Wollstein, das ihm eine zweite Heimat geworden war, mit dem Vorhaben, in Prag weitere Studien zu betreiben. Er konnte jedoch diese seine Absicht nicht ausführen, machte vielmehr, da er, an der österreichischen Grenze angelangt, dem Wächter den vorgeschriebenen Betrag von 10 Fl. (20 Mark) in bar nicht vorzeigen konnte, kehrt und wanderte ins Elternhaus nach Zerkow zurück. Dort faßte er den Entschluß, Schüler des Oldenburger Landrabbiners zu werden. Sein an diesen gerichtetes Schreiben, in dem er unter Darlegung seines bisherigen Bildungsganges seinen Wunsch vorgetragen hatte, bewirkte, daß Hirsch ihn am 1. Februar 1837 einlud, nach Oldenburg zu kommen. So ergriff der fast Zwanzigjährige wiederum den Wanderstab, um der Einladung Folge zu leisten. Der Weg führte ihn nach Berlin, wo er u. a. auch Sälomon Pleßner kennenlernte, und nach Leipzig, wo er seinen Landsmann Dr. Julius Fürsth besuchte. In Oldenburg am 8. Mai 1837 eingetroffen, fand er im gastlichen Rabbinerhause Kost und Wohnung. Das reiche theologische Wissen Hirsch', das mit klassischer Bildung und wahrer Herzenswärme gepaart war, versetzte den neuen Hausgenossen in Begeisterung. Unter Leitung des verehrten Rabbi betrieb er nuumehr mit Eifer biblische und talmudische Studien, und zwar in planmäßiger Weise, so daß „sein Geist diszipliniert, seine sittliche und religiöse Kraft gefestigt wurde""). So verlebte er in der Residenzstadt drei Jahre im Hause seines Meisters, der ihm väterliches Wohlwollen bekundete und vor allem eine nachhaltige Einwirkung auf seinen Bildungsgang übte. Im August 1840 treffen nur unseren Graetz in Kosten ittt,;! wohin seine Eltern von Zerkow gezogen waren. Auf Veranj lassung seiner Freunde hält er in diesen genannten Städten > wie in Wollstein zuweilen Predigten, und allerseits muntert man den jungen Redner, von dessen Geist und Wissen seines religiösen Vorträge künden, auf, die Breslauer Universität zw besuchen, um als akademisch gebildeter Rabbiner amtieren zu! können. Zwecks Erlangung der Geldmittel für die Universitätszeit sehen wir ihn einen Hofmeisterposten in Ostrowoi übernehmen. Endlich zog er nach Breslau, um an der Universität nach erfolgter ministerieller Erlaubnis, auch ohne Maturitätszeugnis die Hochschule zu besuchen, Oktober 1842 j immatrikuliert zu werden. Hier hörte er geschichtliche, philo-; sophische und orientalische Vorlesungen. Von seinen akademih Julius Fürst war in Zerkow am 12. Mai 1805 geboren! vgl. ‘ über ihn Jew. Eneycl. V, 533 f. 5) Bloch in „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft best Judentums", 48. Jahrgang (N. F. 12. Jahrg.), 1904, S. 162. \ scheu Lehrern seien der Orientalist Bernstein und der Philosoph Braniß genannt, die auf den Jünger der Wissenschaft besonders nachhaltig einwirkten. Damals tobte in der Breslauer Synagogengemeinde die erbitterte Fehde zwischen der alten und neuen Partei, als deren Vertreter Salomo Tiktin und Abraham Geiger sich gegenüberstanden. lieber die Vorgänge in den „beiden Lagern" veröffentlichte Graetz im „Orient" (von Julius Fürst herausgegeben) Berichte, in denen sich ebenso seine Gewandtheit, Unerschrockenheit und Rücksichtslosigkeit wie sein Witz und kritischer Sinn kund gaben. Er selbst huldigte einem gemäßigte» Fortschritt, wie er gerade um jene Zeit von dem Dresdener Oberrabbiner Dr. Z. Frankel in seiner „Zeitschrift für dir religiösen Interessen des Judentums" verkündet wurde. Auch als „literarischer Novize" trat damals Graetz aitf. Im April 1845 erlangte er in Jena auf Grund seiner Dissertation „De auctoritate et vi. quam gnosticismus in judais mura habuerit" den Doktorhut. Durch sein im folgenden Jahre (1846) veröffentlichtes Werk „Gnostizismus und Judentum""», das eine weitere Ausführung seiner erwähnten Doktorarbei! bildet, erwarb er sich in der Gelehrtenwelt Anerkennung. Sein schriftstellerischer Ruhm mehrte sich durch die von ihm in der Frankelschen Zeitschrift veröffentlichten Aufsätze» von denen nur seine bedeutungsvolle Abhandlung „Die Konstruktion der jüdischen Geschichte" hervorgehoben sei, weil in ihr die Grundlinien z» einer Gesamtdarstellung der jüdischen Geschichte trefflich gezeichnet sind. Dagegen traf ihn als Prediger — er sollte in Gleiwitz am Jomkipur 5606 (1845) von seiner homiletischen Befähigung Zeugnis ablegen, mußte aber infolge Versagens seines Gedächtnisses und mangelnder Geistesgegenwart die Kanzel verlassen - scheinbares Mißgeschick. In Wahrheit war das Fiasko, das ihm damals geworden, gleichsam ein Fingerzeig Gottes, um ihm zu künden, daß er auf einem anderen Gebiete wohl mehr an seinem Platze sein würde. „Das Rabbinat ist am wenigsten für mich geschaffen," bekennt er selbst. Da winkte dem Gelehrten eine Anstellung als Leiter der Religivnsschule der konservativen Partei in Breslau, allein die Anstalt hatte infolge der politischen Stürme des Jahres 1848 keinen Bestand. Auf dem Wege nach Wien begriffen, um dort einem gestellten Anerbieten gemäß als politischer Berichterstatter tätig zu sein, suchte Graetz seinen ehemaligen Lehrer Samson Raphael Hirsch, der inzwischen von Oldenburg nach Emden und von da als mährischer Landesrabbiner nach Nikolsburg berufen worden war, auf. Dort hielt er. von Hirsch veranlas;!. den Talmudjüngern Vorlesungen über jüdische Geschichte, insbesondere über die Zeit der Mischnah und Gemara, aber die °) Diese Arbeit widmete Graetz S. R. Hirsch, „dem geistvolle» Kämpfer für das geschichtliche Judentum, dem unvergeßlichen Lehrer, dem väterlichen Freunde in Liebe und Dankbarkeit". Prof. Dr. -4. Graetz.