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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-12-01 · Heft 48 (1.12.1916) · p. Seite 576

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 48 (1.12.1916)
Date
1916-12-01
Page
Seite 576 (sequence 12)
Language
German
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tu'r Jvinfterniö und dem fatschenden Regen, der auf einmal schneller und schneller niodersauste, die Lust vergangen die - Entflohenen weiter zu suchen; sie kehrten um und stießen aus Stefseck, der ihnen mit seiner stillen Seelengemütlichkeit ruhig entgegenkam. „Stoi!" sagte der eine. Stefseck sah an dem baumlangen Kerl in die Höhe, und stand wie ein Pfahl. ..Bist du ein Jwri?" fragte in schlechtem Deutsch der andere. „Nu, was denn noch?!" grinste Stefseck, und lachte. Aber der Russe verstand keinen Spaß. „Wo sind die anderen Juden?" fragte er barsch. „In ihren Schubitzen," brummte Stefseck. „Was habt ihr dort gemacht?" inquirierte der Lange und zeigte nach dem Garten. Jetzt wurde Stefseck die Sache ungemütlich. Sein gesunder Selbsterhaltungstrieb sagte ihm sehr deutlich, daß er sich unbequemen Weiterungen aussetze, wenn er von den Nachgrabungen erzähle; er fragte also ebenso unvermittelt wie liebenswürdig: „Wollt ihr Eins trinken?" und machte eine recht einladende Gluck-gluck-Handbewegung. Das wollten sie, und sie gingen ohne weiteres mit ihm. Im Keller seines Herrn lagerten ein halbes Dutzend Flaschen Malzbier, die Noah mit ziemlicher Mühe sich für seine Tochter Eva besorgt hatte: sic sollten zur Kräftigung der jungen Wöchnerin dienen. Tie Russen wurden mit dem schweren Stoff leicht fertig und verlangten mehr. „Mehr giebt's nicht," erklärte Stefseck. „Tann schlagen wir dich tot," meinte der Deutsch sprechende Russe kaltblütig, und der Lange packte des schnellen Verfahrens halber Stefseck bei der Gurgel. „Ich rufe den Doktor. Herr Doktor!" ächzte Stefseck. „Dein Doktor ist fort!" lachte der Russe. Stefseck bekam es mit der Angst. Wenn der bisherige Protektor des Hauses, der russische Stabsarzt, wirklich abgefahren war. blieb nichts übrig als die üblen Gäste weiter zu tränken; er gab ihnen also noch die zwei letzten Flaschen Kidduschwein preis und dachte mit Betrübnis, was sein Herr wohl dazu sagen würde, wenn er am nächsten Freitagnachmittag in den Keller ging und ihn leer fand. Ja hels er sich! Die Kerle ließen sich den guten koscheren Tropfen bis zur Neige schmecken und verlangten kategorisch mehr! Stefseck kratzte sich den Kopf: „Nix! nix! alle!" Ter Keller war auch wirklich leer. Die Russen erhoben einen mörderlichen Spektakel, schmetterten die geleerten Flaschen auf den Boden, und der Teutschrusse drohte wieder mit Totschlägen und Aufhängen, welche Vokabeln der Lange offenbar schon recht gut verstand, denn er brachte plötzlich aus seinem Stiefel einen derben Strick zum Vorschein. „Wartet, wartet hier!" rief Stefseck in Todesangst, „ich bringe euch sogleich etwas sehr Gutes herunter." Er ergriff die eine der Flaschen, schlug die Kellertür zu und lief hinauf durch die Küche in die Wohnstube. Die Frauen lagen in tiefem Schlaf, auf der Kommode verflackerte ein Oellämpchen sein spärliches Lichtfünklein. Leise, vorsichtig tastete sich Stefseck zu einem Schrank, in dem die Hausfrau allerlei Medikamente aufbewahrte. Entschlossen goß er in die leere Weinflasche der Reihe nach, was ihm in die Hände kam: Spiritus. Pfefferminz und Hoffmannstropfen, Kognak, Anis, Baldrian, Himbeersaft, Eau de Eologne und Rizinus; da war noch eine Mixtur mit einer dicken braunen Flüssigkeit — ohne Skrupel gab er sie dazu. Nun lief er mit der vollen Flasche wieder zurück in den Keller. „Struvie! Hier habt ihr einen feinen Schnaps." Der Lange nahm einen tüchtigen Schluck. Sein Gefährte riß ihm ungeduldig die Flasche aus den Händen und tat ihm mit einem recht achtbaren tiefen Zuge Pescheid. Rach weiteren zwei Minuten waren sie in brüderlicher Eintracht der Flasche auf den Grund gekommen. „Mehr! Mehr!" grunzte der Lange, aber er wiederholte es kein drittesmal, duckte sich plötzlich, bog den Kopf ganz tief und hockte vornübergeneigt am Boden. Der andere lag bereits. Arme und Beine von sich gestreckt, und rührte sich nicht. „Besoffen!" dachte Stefseck, und freute sich. Aber die Freude war kurz. Mit einem rechten Mordsrausch wußte Stefseck ganz gut Bescheid, nur etwas schien ihm hier nicht geheuer . . . Daß die Brüder da keinen Muck von sich gaben, auch hatten sie alle Farbe verloren, und dem einen klappte die Kinnlade herab. Wenn sie am Ende tot waren? Er lies hinauf in die Küche; da stand Frau Hannchen und kochte für ihre Tochter Tee. „Frau," sagte Stefseck, „erschreckt Euch nicht, im Keller liegen zwei Russen, die sind.umgekommen!" Frau Hannchen fuhr es in die Knie. Aber als nach den peinlichsten Kreuz- und Querfragen der Knecht bei feiner Aussage blieb, zeigte sich, trotz des großen Schreckens die tapfere Frau der Lage der Dinge gewachsen. „Du mußt sie sofort aus dem Hause schaffen, sonst sind wir alle verloren!" Das sah Stefseck ein und hatte inmitten seiner Dummheit einen ganz vernünftigen Einfall: „Ich fahre sie in den Wald!" „Und dort?" „Werd' ich sie begraben. Hätt' ich nur einen, der mir anspannt mittlerweile." „Das will ich schon besorgen," sagte Frau Hannchen, versah die Wöchnerin, und fand auch einen Vorwand, wieder hinaus zu eilen. Nun ging alles so schnell, wie nur eben Leute handeln können, von deren Umsicht und resolutem Eingreifen Tod und Leben abhängt. — Nach zehn Minuten wankte ein bleiches, an allen Gliedern zitterndes Weib in die Küche; denn Frau Hannchen hatte alles, was sie an Körperkräften besaß, aufgeboten, um Stefseck bei der Bergung seiner unheimlichen Fracht auf den Wagen zu Helsen, und Stefseck fuhr mit mittlerer Geschwindigkeit über die Gassen, um hinter der Stadt zu rasen, als ob der Satan mit seinen Klauen schon nach ihm greise. Er hatte die Weisung bekommen an der Lisiöre entlang zu fahren, dann hinter einer Lichtung in den Wald einzubiegen, dort sich seiner Last zu entledigen, darauf mit einem fingierten Aufträge nach Woischnik zu jagen und bei Löwenherzens sich bis zum anderen Mittag aufzuhalten;, denn die. kluge Frau wollte ihm für alle Fälle den Nachweis eines möglichst glaubhaften Aufenthaltes schaffen, falls man vorzeitig das Verschwinden der Russen bemerken sollte. (Fortsetzung folgt.) Mcherrinlsuk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurücksendung der Bücher findet \n keinem Falle statt. Gabe des Kriegsgefangenen-Fürsorgekomitees des Österreichischen Noten Kreuzes. „Empor die Herzen!" Andachten für Gebildete aller Stände. Herausgegeben von Franz Strunz und Max Grunwald. Kommissionsverlag von L. W. Seidel & Sohn in Wien. Teufel! Marietta! Verflixte Geschichten von Artur Landsberger. 1916. München und Berlin, bei Georg Müller. Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums. Begründet von Z. Frankel. Organ der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums. Herausgegeben von Professor Tr. M. Braun. 60. Jahrgang. Heft 9/10. Neue Folge. 24. Jahrgang. September/Oktober 1916. Breslau, Koebnersche Verlagsbuchhandlung (Barasch u. Niefenfeld). Ludwig Franz Meyer: Gedichte. Im Aufträge der Mutter des Verfassers herausgegeben und eingeleitet von Emil Cohn (Bonn). 1916. Jüdischer Verlag, Berlin.

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