Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-12-01 · Heft 48 (1.12.1916) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 48 (1.12.1916)
Date
1916-12-01
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3229232-3229281--72712-3285170
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

8U. JäHfgäHg m. 45 mt Vememvevore. SStllaje zur „Allgemeinen Leitung deK Judentum-". SorrrtzimdrnNN und Nachrichten. SkLtlchlMd. 22 Berlin, 28. November. Am 23. d. M. erfolgte aus dem Friedhofe irr Weißensee die Beisetzung des Mitgliedes des Vorstandes unserer Gemeinde WillibaldLoewen-thal. Die große Trau-ergenreinde, die sich an der Bahre dieses Toten versammelt hatte, war der beste Beweis der Dichtung und der Liebe, deren sich der Verstorbene in den weitesten Kreisen Berlins erfreute. Außer dem Vorstände und der Repräsentantenversammlung der Jüdischen Gemeinde hatten die Berliner Handelskammer und der Verein Berliner Spediteure Abordnungen entsandt; auch die Freimaurerloge „Friedrich zu Gerechtigkeit", der der Verstorbene angehörte, war vertreten, und der Verein selbständiger Handwerker jüdischen Glaubens hatte eine Deputation mit seinem Vereinsbanner abgeordnet. Die Feier begann mit einem Harmoniumvorspiel und dern Gesang des Kelle r m a n u schen Liedes „Mah Enosch". In der Gedenkrede feierte Rabbiner Dr. Rosenzweig den Verstorbenen als starken und aufrechten Menschen, dessen Kraft in einer in einem frommen Elternhaus verlebten Jugend wurzelte, der aber den Geist der Zeit verstand und, Altes und Neues in sich vereinend, berufen war, versöhnend und ausgleichend in den Kampf der Parteien einzugreifen. Sein Gemeindeamt war ihm eine heilige Ausgabe, der er ein Menschenalter in treuer Pflichterfüllung seine besten Kräfte widmete. Herzensgüte und Gottvertrauen waren die tiefsten Quellen seines Lebens. Nach dem Rabbiner trat Justizrat Bernhard Breslauer an die Bahre, um namens des Vorstandes und der Repräsentanten der jüdischen Gemeinde von dem Verstorbenen Abschied zu nehmen. Justizrat Breslauer führte aus, daß der Blitz ans heiterem Himmel, der Loowenthal fortrafft, von den Gemeindebehörden als schwerer Schlag empfunden werde, der sie eines lieben Kollegen und treuen Mitarbeiters beraubte. Ein Manu von rastlosem Eifer und seltener Arbeitskraft ist dahingegangen, der seit fast 30 Jahren, seit 1888, der Gemeindeverwaltung angehörte. In dieser Zeit hat er nahezu in sämtlichen Verwaltungszweigen mitgearbeitet. Überall wo es galt, das Judentum zu fördern, wo es galt, Altes umzubilden und Neues zu schaffen, war er unermüdlich am Werk. Aus den Arbeitsgebieten, die er sich zu seinem besonderen Tätigkeitsbereich gewählt hatte, lassen sich zwei charakteristische Seiten seines Wesens erkennen: Gottesfurcht und Menschenliebe. Der Glaube seiner Väter war der Untergrund alles seines Tuns. Darum hing er mit aller Kraft seines Herzens an der Neuen Synagoge, darum war ihm die Mitarbeit in den Vereinigten Synagogenvorständen, in der Kommission für die sestgottesdieustlichen und musikalischen Angelegenheiten und in der Rabbinerwahlkommission so lieb. Er stand auf dem Boden der Gegenwart, von der aus er in die Zukunft blickte, ohne die Vergangenheit zu vergessen. Er glaubte an die Fortentwicklung der Religion, aber die Gebräuche der Vergangenheit hielt er treu, weil sie ihm den Zusammenhang mit der Vergangenheit des Judentums sicherten und seinem Herzen Befriedigung gewährten. Auch seine Arbeit in der Friedhosskommission, der Fortsetzung der alten Chewra Kndischa, sein erstes Ehrenamt in der Gemeinde, faßte er in diesem Sinne auf. An zweiter Stelle erfüllte die Liebe zu den Armen und Bedrückten sein Herz. In der Gemeindeverwaltung und darüber hinaus half er, edel, hilfreich und gut allen, denen er irgend helfen tonnte. In der Armenkonnnission und in der Kriegshilfskominission war ihm keine Aufgabe 31t mühevoll und keine Arbeit zu schwer. Liebevoll nahm er sich seiner Schutzbefohlenen an. Er untersuchte jeden Fall sorgfältig und vorsorglich, um nur ja die richtige Art der Hilfe zu ergründen; stets begegnete er seinen Schützlingen freundlich und vertrauenerweckend. Von ganzem Herzen war er dem Judentum und seinem deutschen Baterlande ergeben. Darum schmerzten ihn, der auch einen Sohn dem Vaterland geopfert, die schmählichen Beschimpfungen, mit denen Hasser und Neider unsere Söhne verfolgen, die draußen für Deutschland im Felde stehen.. Aber eben weil er ein guter Jude und ein guter Deutscher war, glaubte er an die Entwicklung der Menschheit und daran, daß einst die Zeit kommen wird, in der der Grundgedanke der jüdischen Religion in den -Herzen aller Menschen seine Verwirklichung finden wird. In dieser Abschiedsstunde soll diesem tapferen, treuen und freundlichen Menschen für alles, was er war, und alles, was er geleistet hat, von tiefstem Herzen Dank gesagt werden. Sein Andenken wird unvergessen bleiben. — Hierauf sprach Generaldirektor Fiedler vom Lokalverein Berliner Spediteure namens dieser Körperschaft. Der Name Willibald Loewenthal habe unter seinen Berufsgenossen einen guten Klang. Sie werden^auf feine Zugehörigkeit zu ihrer Fachorganisation stolz sein, an deren Ausball er 31 Jahre treulich mitgearbeitet hat. Seine Arbeitsfreudigkeit unb seine Rechtlichkeit sichern ihm auch in diesem Kreise ein dankbares und ehrenvolles Andenteil! Nach diesen Ansprachen trug Oberkantor Klei n in ergreifender Weise das El-mole-rachamim-Gebet vor; dann beschloß der Gesang des „Schuwi naffchi" von Sulzer die Feier, deren musikalischer Teil unter Leitung des Dirigenten Keller mann vom Chor der Neuen Synagoge ausgeführt wurde, deren Vorstände Willibald Loewenthal über ein Vierteljahrhundert angehörte. Ein säst endloser Leichenzug folgte dem schlichten Sarge, den auf Wunsch des Verstorbenen keine Blume schmückte, bis zur Gruft. Jan u a ch b e s ch a l o m. E. M. Berlin, 28. November. Der B e r e i n z it r A b w ehr des A n t i s e m i t i s m u s hielt am 23. d. M. seine Generalv e r f a m m l u n g, in der Reichstagsabgeordneter Georg G o t h e i n über „Tie Juden im Heere" sprach. Alls die Begeisterung der Augusttage 1914, als jüdische und christliche Freiwillige zu den Waffen eilten, um für ein nach außen und innen freies Deutschland zu kämpfen, und aller Rassenhaß und Klassenhaß vergessen schien, folgte die Ernüchterung und die antisemitische Gehässigkeit, die sich jetzt zu einer Forderung einer Statistik der Juden im Heere verstärkt hat. Das Kriegsministerium hat dieser verfassungswidrigen Forderung nachgegeben und ein Musterformular hergestellt, das ein Musterbeispiel dafür ist, wie man eine Statistik nicht machen soll. Redner betonte die Mitarbeit der deutschen Juden an der wirtschaftlichen Front, ihre Verdienste um die Organisation des deutschen Wirtschaftslebens, um die Sicherstellung unseres Rohstoffverbrauches; er hob die Leistungen jüdischer Forscher und Gelehrter hervor, deren Arbeiten für das Durchhalten eine unerläßliche Vorbedingung bildeten, und gedachte der opferwilligen Tätigkeit der jüdischen Gemeinden und Organisationen im Dienste der Kriegsfürsorge. Auch diese Leistungen seien jüdischer Kriegsdienst. Der beste Beweis für die treue Pflichterfüllung der jüdischen Soldaten ist die Verleihung von 8000 Eisernen Kreuzen 2. Klasse llnd etwa 80 1. Klasse imb die Ernennung von 1500 jüdischen Offizieren. --- Der zweite Redner des Abends, Landtagsabgeordneter W a l d st e i n (Altona), wandte sich ebenfalls scharf gegen die Statistik. Die Unterschätzung des Antisemitismus, über dessen Stärke man sich bei Kriegsbeginn getäuscht habe, sei ein Fehler gewesen; alte Vorurteile, die in Haß und Mißgunst wurzeln, sind nur sehr schwer auszurotten, besonders wenn sie eiu nützliches und bequemes Mittel für herrschende Parteien bilden. Das beste Kampfmittel gegen den Antisemitismus sei Pflichterfüllung bis zum äußersten. — Hirs ch (Mannheim) sprach über die Stimmung und Verhältnisse in den jüdischen Kreisen Süddeutschlands. Hof sie dt (Berlin) forderte die Aufnahme jüdischer Zöglinge in die aus den Mitteln aller Stellerzahler unterhaltenen Kadettenschulen, weil er sich von dieser Maßnahme eine vorurteilsfreiere Besinnung im Osfizierkorps verspricht. Im Schllchwort forderte Reichstagsabgeordneter Kanzow zum Anschluß an den Verein ans, dessen Arbeit im besten Sinne vaterländisch sei. — Das zahlreich erschienene Publikum folgte den Ansprachen mit großem Interesse. E. M. Berlin, 28. November. Im Verein für jüdische Geschichte und Literatur sprach am 22. d. M. Herr Schriftsteller I u l i n s Bab über das Thema: Die Juden und der deutsche Gei st. Er führte aus: Deutscher Geist und Judentum sind keine fest umrifsenen Begriffe. Die Frage nach dem Wesen des deutschen Geistes darf mit dem Hinweis auf die Werke Goethes, Kants, Bismarcks oder Nembrandts beantwortet werden; schwerer schon ist die Frage nach dem Judentum zu beantworten. Der deutsche Jude, der in diesem Zm sannnenhange allein heranzuziehen ist, hat zwar aus dem Orient seine Urkräfte gesogen, wurzelt aber seit Jahrhunderten im Bannkreis der deutschen Kultur. Was nun den Juden von den Deutschen unterscheidet, ist der Nhythnuls, also ästhetische Merkmale au der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.