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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-12-01 · Heft 48 (1.12.1916) · p. Seite 575

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 48 (1.12.1916)
Date
1916-12-01
Page
Seite 575 (sequence 11)
Language
German
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Truppen solche Tage rein persönlicher Abrechnung kvmmsn sollten." Soweit Traub. Ich fürchte unter den Politikern des Hasses, die nichts gelernt und nichts vergessen haben, werden sich auch unsere Feinde befinden. Und noch eine andere Gefahr droht uns. Die Frage der jüdischen Einwanderung aus dem Osten hat zu ernsten Meinungsverschiedenheiten auch innerhalb des Judentums geführt. Aber auch diejenigen Juden, die jedem Einwanderungsverbote ablehnend gegenüber stehen, leugnen nicht, daß die polnischen Glaubensgenossen in kultureller Hinsicht (keineswegs nur in Fragen der Zivilisation, wie von nationaljüdischer Seite behauptet worden ist) durch eine Welt von uns geschieden sind, sollte es wirklich zu einer Masseneinwanderung dieser menschlich tiefer stehenden Bevölkerungsschichten kommen (was ich freilich für zweifelhaft erachte), so müßte auch hierdurch die Stellung der deutschen Juden aufs schwerste gefährdet werden. Wenn jemals, so ist es jetzt die Pflicht jedes einzelnen liberalen Juden, aktiven Anteil am Leben der Gemeinschaft zu nehmen. Die jüdische Jugend aber ist es, die die Zukunft des deutschen Judentums in Händen hält. Möchten doch alle unsere jungen Gesinnungsgenossen erkennen, welche schwere Verantwortung in dieser Zeit aus uns lastet. Gewiß haben wir in der älteren Generation glänzende Führer. Aber wir erweisen ihnen den schlechtesten Dienst, wenn wir uns nur immer auf s i e verlassen, nur immer sie für uns reden lassen. Und den besten Dank werden wir ihnen dann abstatten, wenn wir in wahrhaftem Sinne ihnen nacheifern, d. h. wenn wir ihr Werk erfüllen, wenn wir erkennen, daß Liberalismus das Gut ist. daß jede Generation selbst erwerben muß, um es zu besitzen. Notwendig ist daher vor allem, daß sich überall die jüdischliberale Jugend zur Wahrnehmung ihrer öffentlichen Interessen sammelt. Es geht nicht an, daß wir die Vereinstätigkeit bis zum Ende des Krieges ruhen lassen. Wir wollen nicht erst erwachen, wenn es zu spät ist. Die Tätigkeit des Jüdischliberalen Jugendvereins in Breslau') z. B. beweist, daß es bei hingebender Arbeit seitens der jüdischen Jugend und bei verständnisvoller Unterstützung seitens der älteren Generation sehr wohl möglich ist, auch in der jetzigen Kriegszeit einen festen Stamm von Freunden der liberalen Sache unter unseren jungen Glaubensgenossen heranzriziehen. Nicht um den Kampf gegen andere jüdische Gruppen kann es sich für uns in der jetzigen Zeit handeln; im Gegenteil, wir sind überall da freudig bereit, mit Orthodoxen und Nationaljuden zusammenzuarbeiten, wo dies im Einzelfalle im Interesse des Gefamtjudentums möglich ist. Darum vielmehr handelt es sich, die Ruhepause, die der Krieg für die politische Agitation mit sich bringt, dazu zu benutzen, um die jüdische Jugend in der tieferen Erfassung unserer liberalen Grundanschauungen zu unterstützen. Denen freilich, die unserem Bemühen, der Religion (unter der wir allerdings etivas ganz Anderes verstehen, als enge Dogmen und starre Gesetze) wieder den gebührenden Einfluß auch im Leben des modernen Juden einzuräumen, damit begegnen, daß sie uns den Vorwurf ins Gesicht schleudern, daß wir vor Unseren Vätern erröten müßten, denen antworten wir mit den Worten Nietzsches: „Und andere gibt es, die sind gleich Alltagsuhren, die aufgezogen wurden, sie machen ihr Tiktak und wollen, daß man Tiktaktugend heiße. Wahrlich, an diesen habe ich meine Lust: wo ich solche Uhren finde, werde ich sie mit meinem Spotte aufziehen, und sie sollen mir dabei noch schnurren!" h Um Verdächtigungen zuvorzukommen, bemerke ich, daß ich nicht im Vorstände bin und also als unabhängiger Zuschauer urteilen kann. Der Nabbi von Lalsschin. Eine wahre Begebenheit aus dem Weltkriege. Nacherzählt von Clemens Berg. (2. Fortsetzung.)!?^^er Rabbiner hatte Recht, Noah und Ascher befanden sich j J ganz anderswo als auf Steffecks Wagen auf der Flucht, s und das hatte sich so zugetragen: Noah hatte seinen Knecht befohlen ein Grabscheit zu nehmen und ihnen bei der Arbeit zu helfen. Sie hatten mit ihren Ausgrabungen, die sie unter dem einzigen großen Nußbaum, der im Schulgarten stand, anstellten, wirklich Glück gehabt. Beim Schein einer elektrischen Laterne, die Noa vorsichtig auf ihre Arbeit richtete, waren Ascher und Steffeck, nachdem sie etwa fünfzig Schaufeln Erde ausgeworfen, auf eine eiserne Kiste gestoßen, die von mittlerem Umfange, sich leicht herausheben ließ, mäßigen Rost zeigte und sich obendrein als unverschlossen erwies. Obenauf lagen eine Menge Gebetbücher, wie sie ehedem zu Tausenden in der Prager Altstadt oder auf der Frankfurter Messe in der Bude ll Nicht- und Jüdenstraßenecke verkauft wurden. Sie stammten; aus den vierziger Jahren, waren offenbar durch Brand be-; schädigt, angesengt und eingerissen. Darunter eine Lage s größerer in graugrünes, halb verschimmeltes Leder gebundener, j sehr alter, mir in Jiddisch und Hebräisch auf einer Art sehr s steifein und doch wie Löschpapier anmutendem Büttenpapier : gedruckter Machsorim, von sehr großem Format. Ascher öff-! uete aufs Geratewohl einen der ilnhandlichen Bände, Noah s leuchtete vorsichtig hinein, und beide riesen erfreut: „hier ift'3!" | Wirklich lag das gelbliche Papier mit der überlebensgroßen j Handschrift des Rabbi Nehorai, das sie suchten, obenauf vor ihren Augen, und war, wie es sich für ein Testament ziemr, mit Datum und deutlicher Namensuntcrschrist des Rabbi - korrekt unterzeichnet. > „Das nenn ich ein bißchen Masel!" sagte Ascher vergnügt j und barg den Fund vorsichtig in seinem Rock, während Noah j und Steffeck die Bücher wieder in die Kiste legten, diese selbst i achtsam in die Grube senkten und zuschaufelten. Boas stand i Wache. „Mach fix," gebot Noah dem Knecht, „Boas pfeift, als * komme einer." Er hatte sich nicht getäuscht. Offenbar angelockt durch den Schein der Laterne, den Ascher hatte unvorsichtig aufblitzen lassen, zeigten sich die Umrisse einiger Gestalten im Dunkel des Gartens. „Russen!" flüsterte Noah erschreckt, packte den Schwager fest an, sprang mit mächtigem Satz über den Zaun, den Kleinen mit sich zerrend. Boas hielt sich dicht hinter ihnen, trieb den Knecht an und knirschte: „Nun lauft zu, wenn Euch Euer Leben lieb ist! Flink Steffeck — flink, um Gottes willen!" Aber Steffeck fiel es durchaus nicht ein, sich zu beeilen. Er war in der ganzen Größe seiner gesegneten Dummheit stehen geblieben, um das von Noah fortgeworfene Grabscheit auszuheben, denn, sagte er sich, die Kerle lassen es gewiß mitgehen. und meine Frau — damit meinte er seine Herrin — wird sich ärgern, wenn ich es nicht heimbringe. Unterdes verfolgten zwei der Gestalten Noah und Ascher, die liefen und sprangen wie vom Teufel gejagt im Zickzackkurs und entwischten glücklich durch ein Gehöft über Bretter und Latten, zwangen sich mit dem Mute der Verzweiflung durch ein mäßig großes Fenster in einen Stall, wo sie sich versteckten. > Hatten ihre Verfolger die Spur verloren, oder war ihnen bei

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