Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 38 (22.9.1916)
- Date
- 1916-09-22
- Page
- Seite 450 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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450 gewährt wurde, eine Sammlung „Rabbinische Gutachten über die Beschneiduug" heraus 1844, unter denen sich neben solchen von sehr unbekannten Männern auch die von Manheimer, Samson Raphael Hirsch, Rappvport, Luzzatto befanden. Alle sprachen sich für die Notwendigkeit der Beschneidung aus! ein einziger der Aufgeforderten, Elias Grünebaum, vertrat einen anderen Standpunkt. Sein Gutachten wurde daher in die genannte Sammlung nicht ausgenommen, so daß er es im „Israeliten des 10. Jahrhunderts" veröffentlichte. In diese Angelegenheit griff nun auch Zunz ein. Wenn Philippson bemerkt, „auch Zunz schrieb eine Antwort, die aber nicht in den Band ausgenommen wurde", so entspricht dieses nicht den Tatsachen. Freilich konnte Philippson dies nicht wissen, da der Zusammenhang erst aus unbekannten Schriftstücken ersichtlich ist, zu denen der wackere Gelehrte keinen Zugang besaß. Diese unbekannte Entstehungsgeschichte soll kurz erläutert werden: Zunz ist nämlich, bevor die Sammlung der Gutachten erschien, von Trier nicht direkt ausgesordert worden, vielmehr war die Aufforderung des Frankfurter Rabbiners an das Berliner Rabbinat geschickt worden, wo damals (1843) zwei Rabbinatsassessoren: Jakob Joseph Oettinger und Elias Rosenstein, ihres Amtes walteten, wackere schlichte Männer, die aber in der gelehrten Welt keinen sonderlich großen Ruf besaßen. Denn Zacharias Frankel, der schon seit 1836 auf der Liste der zu Wählenden gestanden hatte, dann wirklich gewählt worden war, hatte schließlich das Amt abgelehnt, und Michael Sachs wurde erst am 25. März 1844, nachdem die Sammlung längst abgeschlossen war, zum Rabbinatsassessor erwählt"). Dieses Fehlen der größten Gemeinde Deutschlands war den Frankfurtern unangenehm, so daß sie, da sie den von ihnen zusammengebrachten Gutachten doch nicht die rechte WirksamMt zusprachen, beschlossen, sich an Zunz zu wenden. Aber nicht Trier war es, der zwar die Sammlung der Gutachten nebst einem dazugehörigen Umlaufsschreiben auch an Zunz gelangen ließ, sondern der Freiherr Anselm von Rothschild in Frankfurt a. M?). Dieser ließ eine für Zunz bestimmte Aufforderung an seinen Geschäftsfreund S. Bleichröder in Berlin ergehen und Zunz entsprach der in diesem Schreiben erhaltenen Bitte. Das Ganze wird aus folgenden Schriftstücken klar, die so interessant sind, daß ich sie hier wörtlich folgen lasse: l. Rothschild an Bleichröder. Frankfurt a. M., 1844. Herrn S. Bleichröder in Berlin. Es ist Ihnen ohne Zweifel bekannt, wie vor etlichen Monaten dahier sich ein Reformverein gebildet und u. a. sich auch zum Grundsätze gemacht hat, Mizwoth Miloh abzuschaffen, was auch leider bereits zur Ausführung gekommen ist. Der Rabbiner Salomon Trier richtete deshalb im August vorigen Jahres ein öffentliches Denkschreiben an die angesehensten Rabbinatsstellen Deutschlands, um deren Gutachten über diesen hochwichtigen Gegenstand behufs der Einreichung bei unserer Regierung einzusordern, und wurde auch der angenommenen Form wegen ein Zirkularschreiben an das Berliner Rabbinat gesendet, obgleich man nicht erwarten konnte, daß bei der jetzigen Beschaffenheit der dortigen Rabbinatsverhältnisse von seiten der Herren Dajanim selbst ein Gutachten ausgesertigt würde, sondern vielmehr voraussetzte, daß diese ") Vgl. Geiger, „Geschichte der Juden in Berlin", Bd. I, S.. 188ff.; Bd. II. S. 259 ff. 3) Die im nachfolgenden abgedrnckten Aktenstücke befinden sich in einem losen Blatte im Zunz-Archiv. Die im folgenden verwerteten Briese und Notizen sind teils dem „Buch Zunz", teils dem Briefbuche, teils den im Zunz-Archiv verwahrten Originalbriefen entnommen. ehrwürdigen Herren den . berühmten Herrn Dr. L. Zunz veranlassen würden, ein Gutachten an uns zu schicken. Diese Voraussetzung bestätigte sich indessen nicht, und zu meinem Bedauern habe ich Ihnen zu melden, daß der Mangel eines Gutachtens aus Berlin vom Reformverein geschickt benutzt wurde, um die Mehrzahl hiesiger Senatoren glauben z» machen: „In Berlin sei man seit der Mendelssohnschen Zeit, also seit nahe an hundert Jahren, allgemein daran gewöhnt, daß es den dortigen Israeliten freistehe, ihre Knaben beschneiden zu lassen oder nicht, ohne daß jemals das dortige Rabbinat oder sonstige Religionsbehörde eingeschritten wäre." Unter vorerwähnten Umständen ist vor allem ein Gutachten au* Berlin nötig, worin unter anderem — jedoch so, als ob es nur beiläufig geschähe — ausgesprochen wird, daß die Lossagung vom Beschneidungsgebot ein im Judentum völlig unerhörter Fall sei, und namentlich, daß die preußischen Rabbinate sich, wenn etwas Aehnliches dort je Vorkommen sollte, veranlaßt sehen würden, die Ausschließung des Renitenten aus dem israelitischen Gemeindeverband von der betreffenden Behörde zu requirieren, sowie nicht zweifle, daß die preußischen Behörden einer solchen Requisition Folge geben und gegen einen solchen Abfall energisch einschreiten werden. Von Ihrem löblichen Eifer für die allgemeine Sache unseres Glaubens überzeugt, bitte ich Sie inständigst, die Einlage Herrn Tr. L. Zunz übergeben zu wollen und unseren Rabbiner Trier wegen des erwähnten Mißverständnisses und der daraus zum Nachteile der guten Sache entstandenen Verzögerung bestens entschuldigen zu wollen und ihn zu bewegen daß er mit seiner gewohnten Gründlichkeit über die in Rede stehende Frage ein Gutachten (worin unter anderem auch die erwähnte unwahre Angabe gelegentlich zu berichtigen wäre) abfassen und dasselbe baldmöglichst an mich gelangen zu lassen. gez. Anschell von Rothschild. 2. Zunz an Rothschild. Seiner Hochwohlgeboren dem Herrn Freiherrn Anselm von Rothschild in Frankfurt a. M. Hochwohlgeborener hochzuehrender Herr Freiherr. E. W. Schreiben vom 4. vorigen Monats an Herrn S. Bleichröder, das derselbe am 17. Ejusdem mitgeteilt, hat mir in dem mich betreffenden Inhalte Vergnügen und Kummer gemacht. Ersteres, weil bei der geringen Aufmerksamkeit und Unterstützung, welche die Mächtigen in Israel der auch von den Regierungen verlassenen jüdischen Wissenschaft bisher an gedeihen ließen, Ihr Zutrauen doppelt ehrenvoll und erfreu lich ist, letzteren, indem mir dadurch der Abstand zwischen meiner geistigen und meiner sozialen Stellung wiederum leb hast vor Augen gestellt wird. Auf der einen Seite ein ganze den Juden, dem Judentum, der Wissenschaft gewidmetes Leber mit vielfältigen und ehrenvollen Aufforderungen; auf de> anderen in einer reichen Gemeinde, der ich zwanzig Jahr diene, eine Stelle mit freier Wohnung und jährlich 500 Taler Woher soll die Zeit, die mit Stundengeben auszufüllen ist, für Gutachten kommen, und wer unterstützt hier die Kräfte, an dn nun das bedrängte Judentum appelliert. Nachdem ich den Gefühlen, die mich erfüllen, den menschlichen Tribut gezollt, gehe ich zu der allgemeinen Sache über der ich diene. Sie erhalten anbei mein Gutachten nebst einem Schreiben an den Herrn Oberrabbiner; ich habe mich bemüht die Sachlage klarzumachen, die Heiligkeit der Beschneidung sicherzustellen und das Recht der Judenheit den Sektierern gegenüber zu beleuchten. Findet man meine Arbeit nicht unter Erwartung, so würde deren Veröffentlichung in einem unveränderten korrekten Abdruck mir sehr lieb sein. Möge ich etwa-r zur Ehre unserer Religion, unseres Altertums und zum Frieden