Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 38 (22.9.1916)
- Date
- 1916-09-22
- Page
- Seite 449 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Artikel 44 besagt in kurzen Worten, daß die Zugehörigkeit zu irgendeiner Religion kein Grund sein darf, um einem Einwohner Rumäniens die volle bürgerliche Gleichberechtigung zu verweigern. Nrn diesen Punkt durchzuführen, war es notwendig, eine Verfassungsänderung vorzunehmen. Bei dieser Aenderung hat aber die rumänische Regierung einen Punkt hineingestellt, der ein Schandfleck für Rumänien bleiben wird, weil es einen Trick darstellt, um ein vor der ganzen Welt gegebenes Versprechen einer Nation gewissenlos zu brechen. Die rumänische Regierung hat nämlich folgendes Amendement hinzugefügt: „In Rumänien lebende Ausländer, die sich unter keinem ausländischen Schutz befinden (damit sind die Juden gemeint), können durch ein Gesuch an das Parlament ihre Naturalisation erlangen. Das Parlament wird das Recht haben, die Naturalisation in solchen Fällen zu gewähren, in denen sie es für richtig anerkennt." Es versteht sich von selbst, daß die Naturalisierten alle Bürgerrechte bekommen. Aber anstatt die Judeninasse als naturalisiert zu erklären, wie es der Berliner Kongreß verlangt hat, hat die rumänische Regierung beschlossen, ihre Juden einzelweise zu naturalisieren. Die Folge dieser ehrlosen Politik war, daß im Laufe der letzten 35 Jahre nur einige hundert Juden emanzipiert wurden, während mehr als eine Viertelmillion Juden heute noch als Fremde im ^ande betrachtet werden. Das Schlimmste an diesem Akt war, daß, während vor dem Berliner Kongreß die Juden als rumänische Untertanen angesehen wurden und sich unter dem Schutz der rumänischen Regierung befanden, sie durch dieses Amendement plötzlich als in Rumänien lebende Ausländer ohne ausländischen Schutz erklärt wurden. Große Massen von Juden, die seit Generationen in Rumänien leben, ihre Militär- und alle anderen staatlichen Pflichten erfüllen, sind eines schönen Tages schutzlose Ausländer geworden. Diese Tatsache wird eine der Schandtaten bleiben, die jeder Gerechtigkeit und jeder Gesetzlichkeit Hohn spricht. Sie wird ein Schandfleck bleiben, bis Europa ihn schließlich erkennen und diesem Zustande ein Ende machen wird. Ich appelliere an die ganze zivilisierte Menschheit, ich protestiere gegen Rumänien! * Daß es auch mit den russischen Juden in England und den Juden in Rußland sehr traurig steht, lehren die untenstehenden, verschiedenen Zeitungen entnommenen Notizen: Die russischen I u de n im englischen Heere. Der Londoner Korrespondent des „Manchester Guardian" schreibt, daß der Versuch der Regierung, russische Juden in das englische Heer einzureihen, mißglückte. Jetzt sei die Sprache davon, sie nur für den Dienst in England aufzurufen, womit aber der bedeutendste Judenführer nicht einverstanden ist. Die Lage wird noch schlimmer durch die Tatsache, daß dem Abgesandten des American Jewish Relief Eommitee, Doktor Magnes, der Eintritt nach Rußland verwehrt wurde. Diese Handlungsweise werde in Amerika die Stimmung gegen Rußland und die Verbündeten nicht verbessern, zumal Dr. Magnes einen sehr hoch dotierten Rabbinerposten in New Jork opferte, um sich sozialer Arbeit zu widmen, und eine sehr angesehene Persönlichkeit in Amerika ist, die viele Anhänger hat. * Der „Rjetsch" zufolge beginnen von neuem in M o s k a u und Petersburg von seiten der Polizei die Treibjagden, die sogenannten „Oblawy", auf die Juden und die Liberalen. In Moskau wurden nicht weniger als hundert Mitglieder der Liberalen Großeinkaufsgesellschaft verhaftet. Angeblich wegen Spekulation. Viele Dokumente der Gesellschaft sind beschlagnahmt worden; gleichwohl fand man nichts Belastendes. opäischeu umänieu lien die * Der „Neuen Zürcher Ztg." wird aus Petersburg telegraphiert: Die jüdische Frage, die an chronischer Aktualität in Rußland nie verliert, ist in letzter Zeit, besonders seit der Rückkehr der russischen Parlamentarier von ihrer Reise nach den verbündeten Ländern, wieder aus die Tagesordnung der öffentlichen Diskussion gelangt, ohne daß sich bisher aus dieser neue gesetzgeberische Projekte zugunsten der jüdischen Bevölkerung ergeben hätten. Wie die Duma- und Reichsratsmitglieder konnte ailch der Reichskontrolleur Pokrowsky, der in Paris an der Wirtschaftskonferenz der Alliierten teilnahm, feststellen, daß die Lage der Juden in Rußland von den verbündeten Mächten eifrig verfolgt werde und dort weitgehendes Mitgefühl und Interesse wecke. Wenn and) diese aus dem Ausland mitgebrachten Eindrücke bis jetzt zu keinen konkreten Lösungsversuchen führten, so macht sich doch auch in Negierungskreisen ein lebhaftes Interesse für die zu ergreifenden Maßnahmen bemerkbar. In erster Linie wird die Frage der Wohnrecht e der Juden erörtert, die von dem bekannten Zirkular des damaligen Ministers des Innern, Fürst T s ch e r b a t o w, im vorigen Jahre provisorisch gelöst wurde, lieber diese Frage sollen sich die meisten Kabinettsmitglieder darin einig sein, daß dem Zirkular des Fürsten Tscherbatow die Kraft eines Gesetzes verliehen werden müsse. Auch S t ü r m e r und der neue Justizminister M a k a r o w, die größten Reaktionäre im heutigen Kabinett, sollen diese Auffassung teilen. Indessen wird die Möglichkeit der Erweiterung der Wohnrechte der Jllden auf ländliche Ortschaften bezweifelt, angeblich weil in diesem Falle Exzesse der Dorfbevölkerung zu befürchten wären. Auch Pokrowsky, der sich zu der Erweiterung der Rechte der Jllden sehr wohlwollend verhalten soll, teilt diese Angst, die indessen in den liberalen Kreisen als >ine Ausflucht der betreffenden Staatsmänner angesehen wird. In einer letzthin von einer hochstehenden Persönlichkeit allsgearbeiteten Denkschrift loird die Lösung der jüdischen Frage als u n a u f s ch i e b b a r bezeichnet; sie biete im Grumde keine bedeutenden Schwierigkeiten, und deren Regelung sei so viel weniger kompliziert als die Lösung der polnischen lind der finnländischen Frage. Lun;' Gutachten über die Lelchneidung. (1844.) Von Ludwig Geiger. n Frankfurt a. M. hatte sich 1843 ein Verein der \ Reformfreunde gebildet, der in einer öffentlichen Erklärung die unbeschränkte Fortbildung des Judentums für möglich, den Talmud als unverbindlich und den Messiasglauben als mit der neueren Anschauung nicht vereinbar erklärtes. Ursprünglich hatten aber in ihrer für die Oeffentlichkeit bestimmten Erklärung noch einige andere Sätze gestanden, unter anderem der, „daß sie die Beschneidung weder als religiösen Akt noch als Symbol für bindend" hielten. Während dieser Punkt in der veröffentlichten Erklärung ausgelassen wurde, bildete die Beschneidungssrage den Gegenstand einer ziemlich lebhaften Diskussion und wurde aktuell durch einen Erlaß der Frankfurter Senatskommission, in dem es hieß: „Israelitische Bürger und Einwohner, sofern sie ihre Kinder beschneiden lassen wollen, dürfen nur solche Personen dazu brauchen, die den Akt der Beschneidung vorzunehmen befähigt sind." Infolge dieser Verfügung vermehrten sich in Frankfurt die Fälle, daß jüdische Väter ihre Kinder unbeschnitten ließen. Darin und in der Bestimmung des Frankfurter Sanitätsamts sah der Frankfurter Oberrabbiner S. A. Trier einen Eingriff in die Vorschriften des Judentums; er machte den Senat auf die Gefährlichkeit der Phrase: „sofern Israeliten beschneiden lassen wollen", aufmerksam und verlangte wiederholt eine Auslegung dahin, daß unbeschnittene Kinder nicht als Juden zu betrachten seien, wogegen der Senat erklärte, daß er in dieser Frage keine Stellung nehmen dürfe. Von dieser Seite abgewiesen, suchte Trier bei seinen Kollegen und Gesinnungsgenossen Hilfe und gab, da diese ihm l) Vgl. für das Ganze die treffliche Darstellung von D. Philippson, ..The reform movement in z'uckai8m", New Hork 1907, S. 163 ff.