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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-08-04 · Heft 31 (4.8.1916) · p. Seite 368

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 31 (4.8.1916)
Date
1916-08-04
Page
Seite 368 (sequence 8)
Language
German
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368 W. Berlin, 7. 11. 89. Liebster Freund! Laß Du von Dresden weg willst, finde ich natürlich, ich weiß überhaupt nicht, wozu Du hingezogen und warum Du dortgeblieben bist. Praktisch angesehen liegt die Sache einfach so: Unser Geschäft kann nur in einer großen Stadt gedeihen! Pest kenne ich nicht, habe aber große Sympathie dafür, und halte es für sehr ergibig in Bezug auf politische Correspondenzen nach dem Ausland und für ein großes Terrain, da Du beide Sprachen beherrschst und auf heimatlichem Boden sestsitzest. Dagegen kenne ich Wien — und ich glaube fest, daß —falls es nicht doch in dem gegenwärtigen günstigen Moment gelingen sollte. Deine Rückkehr sicher zu ermöglichen — Wien das Beste wäre! Ich weiß alles, was dagegen spricht. Aber es ist doch eine große Stadt mit vielen Zeitungen, Zeitschriften, Ereignissen politischer und allgemeiner Art. Du hast keine Verbindungen dort? So wirst Du Dir sie schaffen. Mit der Zeit und Geduld ist alles zu erreichen. Du kannst Feuilletons für dortige Blätter, für auswärtige schreiben, kannst mit der Zeit einige Correspondenzen für deutsche und auch für österreichische oder ungarische Lokalblätter erhalten, schließlich auch — wenn Du dort sestsitzest — eine vacante Redaktionsstelle bekommen. Du mußt nur nicht mit dem albernen Vorurteil von „Pech" und von Clique" u. dgl. hinkommen, sondern mit dem Entschluß, tapfer wie bisher fortzukämpsen und Dir das Glück gewaltsam zu erringen. Es muß kommen! Herzt. Gruß an Dich, Deine Frau und Deinen Sohn von Deinem Gustav. Nachdem im Dezember 1889 endlich meine über mich verhängte Ausweisung aus Berlin und Preußen durch die Intervention -des Alt-Reichskanzlers Fürsten von Bismarck aufgehoben worden war, kehrte ich am 1. April 1890 wieder nach Berlin zurück und stand von nun an mit Freund Gustav in sehr regem persönlichen Verkehr, so daß infolgedessen unser Briefwechsel nur sporadisch erfolgte. Als er die Leitung der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" übernahm, setzte er sich sofort mit mir in Verbindung und bat mich dringend um meine eifrige Mitarbeiterschaft. Ich mußte'ihm manchen Leitartikel, Feuilletons, aktuelle Aufsätze, Novellen, Romane usw. schreiben und da ich manchmal in fast jeder Woche mit einem Beitrag vertreten war, verabredeten wir für den einen oder anderen Aufsatz von mir allerlei Pseudonyme. Auch für das „Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur" mußte ich ihm Beiträge senden bzw. ihm Vorschläge für passende Themata machen. So entstanden denn meine im Jahrbuch veröffentlichten beiden eingehenden Aufsätze über: „Jud Süß Oppenheimer" und „Immanuel Kant und das Judentum". Er verfuhr in dieser Beziehung sehr gewissenhaft und gab mir bereitwilligst Quellen an. In den Briefen von Karpeles spielen überhaupt das Jahrbuch und die Beiträge für dasselbe eine große Rolle. Als Schriftleiter desselben war er immer bemüht, meine ihm an> gebotenen Beiträge, soweit es in seinen Kräften stand, unterzubringen, und es bereitete ihm förmlich körperlichen Schmerz, wenn er einen aus dem einen oder anderen Grunde zurückweisen mußte, was übrigens nur sehr selten geschah. Ging es nicht anders, so war er eifrig bemüht, den betreffenden Aufsatz in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" unterzubringen. In diesem Sinne schrieb er mir einmal: „Für das Jahrbuch giebt es allerdings eine Kommission und diese hat über die Aufnahme der Aussätze zu entscheiden. Doch versteht es sich von selbst, daß Deine Arbeiten eo ipso ausgenommen werden. Es handelt sich nur um die Opportunitütssrage — da wir in diesem Jahr einen Aussatz von über 30 Seiten von Dr. Max Grunwald über Mendelssohn (sehr viel Ungedrucktes) bringen —, ob wir im nächsten Jahrbuch wieder dasselbe Thema behandeln lassen dürfen. Ich bin jedenfalls dafür.; sollte es jedoch nicht ausgenommen werden, so brauchst Du deswegen nicht in Sorge zu sein. Ich nehme beide Artikel für die „A. Z. d. I." und garantiere Dir unter allen Umständen einen gleichen Nauru für das Jahrbuch für ein anderes Thema, über das wir im Laufe der Zeit uns leicht einigen werden." Auf das Jahrbuch und die „Allgemeine Zeitung des Judentums" nimmt auch seine Zuschrift vom 15. Oktober 1903 Bezug. Darin heißt es unter anderem: Für das Jahrbuch islls diesmal schon zu spät, da es bereits fertig gedruckt ist. Daß ich für die „A. Z. d. I." von Dir lieber wie von jedem anderen einen Artikel über Sulzer nehme, brauche ich Dir wohl nicht erst feierlich zu versichern. Auch für den n ä ch st e n Band des Jahrbuches kannst Du wieder etwas Hübsches ausdenken. Ich werde Dir dankbar sein, wenn Du mir einige Sachen vorschlägst. Doch hat es damit noch Zeit bis Anfang nächsten Jahres. Den Liebig") habe ich erst vorgestern erhalten und werde ihn natürlich aufmerksam lesen. Ist es Dir bekannt, daß seine Mutter eine Jüdin war? Ich habe es von verschiedenen Seiten gehört und wäre Dir sehr verbunden, wenn Du mir etwas darüber mitteilen wolltest. Mit herzlichsten Grüßen von Haus zu Haus Dein alter Karpeles. Ebenso handelt sein Brief vom 19. September 1904 von diesen Angelegenheiten. Er lautet: Mein alter Freund! Wie Du siehst, habe ich mein Versprechen gehalten und heute bin ich schon wieder in der erfreulichen Lage, Dir für die nächste Zeit eine Publikation in Aussicht stellen zu können. Ich möchte nämlich in der nächsten oder zweitnächsten Nummer die von Dir übersetzte Geschichte „Onkel Jainkel" bringen. Erlaubst Du, daß ich sie ohne Deinen Namen als den des Ueberfetzers veröffentliche? Sonst bellt mich die ganze Meute der 110 Männlein und Weiblein, die hier feit Jahren Romane, Novellen u. s. w. liegen haben, wie verrückt an. Im nächsten Monat bringe ich dann Deinen Aufsatz über die Eigentümlichkeiten der jüdischen Komponisten. Mit vielen herzlichen Grüßen Dein alter Karpeles. Es lag auf der Hand, daß in der ersten Auflage meines vor 16 Jahren erschienenen zweibändigen illustrierten Prachtwerkes „Berühmte israelitische Männer und Frauen in der Kulturgeschichte der Menschheit" ein Mann, der so viel für das Judentum getan und ein solch ausgezeichneter Schriftsteller wie Karpeles war, nicht fehlen durfte. Wenn ich nun auch, wie kaum ein zweiter, über sein Leben und seine Schrift orientiert war, wandte ich mich dennoch an ihn, damit er mir einige besonders interessante und zuverlässige Einzelheiten mitteile. In der Antwort, die er mir gab, prägt sich das ganze so rührend bescheidene Wesen des.unvergleichlichen Mannes aus: Berlin W, 12. 11. 1900. Lieber Freund! Zunächst danke ich Dir von ganzem Herzen für Deine freundlichen Glückwünsche, die ich auf das Wärmste und Herzlichste erwidre. Was nun Deine Bitte anbelangt, so bringst Du mich dadurch, wie Du Dir denken kannst, in große Verlegenheit. Mir ist jedes persönliches Hervortreten, wie Du ja genau weißt, äußerst peinlich und unangenehm. Ich finde durchaus nicht, daß es notwendig ist, in ein bibliographisches Prachtwerk über die Juden auch meine werte Visage hineinzubringen, und würde Dir herzlich dankbar sein, wenn Du mich herausließest. Auch bin ich nicht der Meinung, daß der Rückblick auf mein Leben ein so erfreulicher wäre. Ich habe ja gestern den ganzen Tag Zeit gehabt, darüber nachzudenken. Nach der Berechnung, die ich gestern gemacht, habe ich so gut wie garnichts erreicht oder doch nur Negatives; aus der deutschen Literatur bin ich vollständig hernusgekornmen und für meine Glaubensgenossen habe ich so gut wie nichts geleistet. Was soll da eine Biographie? Kinder habe ich keine, die sich darüber freuen könnten, und so würde eine Darstellung meines Lebens nur eine Zusammenfassung alles dessen sein, was ich leider nicht erreicht habe. Wenn Du aber trotzdem daraus bestehst, so thue mir den Gefallen und sende mir das Manuskript vorher zu. Warum läßt Du Dich denn garnicht bei mir sehen? Mit herzlichem Gruß von Haus zu Haus Dein treuergebener Karpeles.- ll) Mein Werk: „Justus von Liebig", zweite Auflage, Gießen, E. Roth.

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