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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-08-04 · Heft 31 (4.8.1916) · p. Seite 369

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 31 (4.8.1916)
Date
1916-08-04
Page
Seite 369 (sequence 9)
Language
German
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369 Gern unterstützte er Mich bei meinen Vorarbeiten und machte nur die Ausstellung, daß ich in meinem Werk „Berühmte Israeliten" manche Getaufte ausgenommen hatte. Das Thema der getauften Juden und Jüdinnen spielte überhaupt eine große Rolle in seinen an mich gerichteten Briefen. Wiederholt geißelte er die Charakterlosigkeit bekannter oder berühmter Persönlichkeiten, die aus Eigennnutz oder aus anderen unlauteren Absichten den Glauben ihrer Väter abschworen und sich dann als waschechte Vollblutchristen gerierten. Bezeichnend in dieser Beziehung ist namentlich ein Brief von ihm vom 24. Mai 1905, der auch psychologisches Interesse erwecken dürfte, weil -darin die zartsinnige Art und Weise, womit er einen Autorenkonflikt zwischen mir und seiner Schwester, die unter dem Namen „Belmonte" musikalische Novellen und Feuilletons schrieb bzw. schreibt, zum Ausdruck bringt: Lieber Freund! Dein Projekt, die beiden Primadonnen Grist und' Heinefetter in einem Artikel zu behandeln, gefällt mir ausgezeichnet. Ich mache Dich da übrigens aus zwei Dinge aufmerksam: Erstens, daß die E. nicht einmal in der „Jewish Encyklopädie" steht, ihre jüdische Abkunft, wenn Du es nicht genau weißt, sehr zweifelhaft ist, zweitens, daß Heinrich Heine über die besagte G. sehr interessant geschrieben hat, was Du citieren kannst (Bd. VII, S. 189 + 230). Dagegen ist es leider mit Adolf Stahr nichts. Es ist Dir jedenfalls nicht bekannt, daß er einer der schlimmsten Antisemiten gewesen ist, der je gelebt hat, und zwar um so schlimmer, als er nie die geringste Veranlassung dazu gehabt und es bei Lebzeiten verschwiegen hat, und es erst jetzt nach seinem Tode herausgekommen ist. Du mußt nur darüber die Briefe aus seinem Nachlaß lesen, die jetzt herausgegeben sind... Und noch eine angenehme Angelegenheit. Weißt Du es vielleicht oder nicht? Im letzteren Falle ist es mir sehr angenehni, Dir mitzuteilen, daß am 27. Januar 1906 der 150. Todestag von Mozart ist. Ich vermute nun, daß Du zu diesem Zweck irgend ein Buch herausgeben willst. Da aber auch meine Schwester etwas vor hat, und ich durchaus nicht haben möchte, daß meine einzige Schwester und mein ältester Freund carambolieren, so frage ich Dich hiermit an, was Du zu schreiben gledenkst? Es versteht sich von selbst, das; meine Schwester ein anderes Thema wählen wird. Und so schließe ich diese Epistel mit vielen herzlichen Grüßen, indem ich noch immer die Hoffnung nicht ansgebe. Dich einmal von Angesicht zu Angesicht bei mir zu sehen. Dein alter Karpeles. In den letzten Jahren seines Lebens enthalten seine Briese viel schmerzliche und mich tief bewegende Mitteilungen über sein körperliches Befinden. Er fühlte sein nahes Ende. Als er einige Monate vor seinem ach so frühen Ableben mich in Friedenau besuchte, wo ich damals wohnte, war sein erstes Wort, das er an mich richtete: „Gottlob, daß du parterre wohnst, ich kann keine Treppen mehr steigen, meine Arteriensklerose raubt mir den Atem!" Erschöpft ließ er sich in einen Sessel sinken, und der Angstschweiß perlte aus seiner Stirn. Vergebens versuchte ich ihn zu trösten und durch allerlei schlechte Witze ihm seine trüben Gedanken auszureden. Er war viel zu klug, um nicht über seinen Zustand sich im klaren zu sein. Doch kaum hatte er sich erholt, wurde er der alte, mitteilsame, reizende, geist- und witzreiche Plauderer aus der guten alten Zeit und schwelgte in Erinnerungen an unsere ersten, so frohen, so frischen und so sturmbewegten Jugendjahre. Einige Monate vor seiner Abreise nach Nauheim, wo er Gesundung oder doch wenigstens Erholung für sein Herzleiden suchte, schrieb er mir einige sehr wehmütig stimmende Briese, aus denen seine Todesahnungen hervorklangen. So heißt es in einer Zuschrift von ihm vom 9. Januar 1909 u. a.: „Me geht es dir sonst? Mir geht es nicht gut. Meine Verkalkung des Herzens nimmt von Tag zu Tag weitere Dimensionen an; es ist einfach blödsinnig — und dagegen ist nichts zu machen." Und ein Vierteljahr später schrieb er mir u. a.: „Mit Vergnügen nehme ich den Artikel und werde ihn bald bringen — wegen Humboldt im Mai. Ich hoffe, daß Du meinen Nekrolog früher schreiben wirst, aber ich lege keinen Wert ans Nekrologe." Bald darauf haben sie einen guten, edlen und genialen Mann begraben; doch mir war er mehr! Sein treues Herz, das für alles Herrliche und Ideale schlug, stand still. Ich verlor in ihm meinen besten Freund, denn meinem Herzen stand er näher wie all die Tausende, die ihn verehrten und für ihn schwärmten. Sein Andenken lebt stets in meiner Seele fort und wenn mich trübe Stimmungen heimsuchen, lese ich seine aus tiefem und treuem Freundesherzen quellenden Briese, die mich trösten und erheben. Mag es mir gestattet sein, hier zum Schluffe aus einer seiner Zuschriften vom 9. November 1885 nur die nachstehende für den ganzen Seelenadel und das zarte Empfinden des wahren Freundes bezeichnende Stelle wiederzugeben: „Heil dem Tag, an dem du geboren! So beginnt ja wohl das alte Gesellenlied, das ich Dir, lieber Freund, heute aus vollem Herzen zusinge. Das vorige Jahr war trüb für Dich; hoffentlich wird das kommende alles wieder einbringen und ein recht glückliches werden. Das einzige Glück ist Ruhe und ein bißchen Brot; nicht wahr, alter Freund, das sieht man am Ende ein, wenn man so in die reiferen Jahrgänge kommt, wie wir beide und so viel Kummer und Leid durchgemacht wie wiederum wir beide. Nun denn, ich hoffe, daß unser Ideal von Glück sich auch noch an uns ganz erfüllen und daß auch im künftigen Jahr Du mir Deine Freundschaft, in Sturm und Leid jahrzehntelang erprobt, bewahren wirst, wie ich sie Dir stets bewahre." ftgömgigg Buge um pugr. Russischer Sozialroman von M. Pulvermann. (Fortsetzung.) it2 s mag ja alles sein, wie du sagst; dennoch aber will mir >V die ganze Sache nicht gefallen. Das Heilmittel dürfte schlimmere Folgen zeitigen als die Krankheit selbst. Ich fürchte, ist die Bestie erst entfesselt, dann wird es schwer halten, sie wieder zu zügeln. Indessen sollte es nötig werden, dann werde ich es natürlich an den Korpsgeist meinem Jugendfreunde gegenüber nicht fehlen lassen." „Ich danke dir!" Er erhob sich und ging zur Tür, von Schmulikof begleitet. „Ihr Chef scheint etwas schwierig zu sein," flüsterte ihm Torakow zu, „aber ich verlasse mich aus Ihre Klugheit, daß Sie ihn noch weiter in meinem Sinne bearbeiten werden." Schmulikof verbeugte sich schweigend und begab sich wieder znm Präsekten, der noch immer in Gedanken versunken war. „Ich muß gestehen," sprach dieser nach einer längeren Pause, „daß mir Ihr Benehmen vollständig unbegreiflich ist. Haben Sie denn wirklich die Absicht, den Gouverneur bei seinem gräßlichen Vorhaben gegen — gegen — die Juden zu unterstützen?" „Nein," war die müde und abgespannte Antwort; „doch was sollte ich machen? Durch einfache Vernunstgründe war er ja von seinem Vorhaben nicht abzubringen, und nur auf

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