Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 20 (19.5.1916)
- Date
- 1916-05-19
- Page
- Seite 234 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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234 Uäineils des Rheinisch-westfalischen Rabbinerverbandes mit einer schwungvollen Ansprache und überreichte als dessen Geschenk eine Statuette des Mose von Michelangelo. Die Gemeinde Göttingen gratulierte in einem herzlichen Schreiben und verehrte ein Bild der dortigen Synagoge. Die Dr.-Jacob- Schulstifrung daselbst (eine eigenartige Einrichtung zur beruflichen Förderung von Jünglingen und Jungfrauen) hatte eine Adresse in Schönschrift übersandt. Allen Sprechern dankte Dr. Jacob mit treffenden Worten. Wiederholt dankte er der Gemeinde Dortmund, in der so viel Verständnis für das Wirken des Rabbiners vorhanden sei. Glückwünsche sandten u. a. noch der Rabbiner v e r - band i n D e u t s ch l a n d , der Z e n t r a l v e r e i n der Staatsbürger, die M ä r k i s ch e Loge, die G r o ß - löge. Geschenke und Blumen häuften sich in Fülle, obgleich sich der Jubilar bei dem Ernst der Zeit alle Geschenke verbeten hatte. So ward das in Ansehung der Kriegszeit schlichte Fest doch ein rechtes Freudenfest. Es war getragen von dem Bewußtsein, daß hier der rechte Mann aus dem rechten Platze seines Annes walte, unb von Herzen kam der einmütige Wunsch: möge solches dem Jubilar noch viele Jahre vergönnt sein, zum Segen für seine Gemeinde und zur Ehre Gottes und des Judentums. Males Ssmuel Luckermsude!. (Zu seinem 80. Geburtstag.) roß ist die Thora, denn sie gewährt Leben dem, der sie befolgt." Dieses Wort aus den „Sprüchen der Väter" hat sich auch an dem Manne bewährt, dessen Lebenslauf wir hier zu zeichnen versuchen: Moses Samuel Zuckermandel, am 24. April 1836 in Ungarisch-Brod (Mähren) geboren und einer achtbaren Rabbinerfamilie entstammend, blickt auf eine Ahnenreihe gelehrter Talmudisten zurück, die ihm für sein Leben und Wirken als Muster und Beispiel dienten. Im elterlichen Hause — die Eltern nahmen eine geachtete Stellung in der Gemeinde ein - wurde der ,(leint tiefer Religiosität in sein Herz gepflanzt. Da er schon als Kind für oen Rabbinervernf bestimmt wurde, erhielt er eine sehr sorgfältige Ausbildung, besuchte die jüdische, sodann die christliche Schule. Den ersten Unterricht im Talmud erhielt er von seinem gelehrten Vater und vom Rabbiner Moses Nascher. Nach seiner Bar Mizwah, bei der er nach der damaligen Sitte eine deutsche Rede und einen talmudischen Vortrag hielt, kam er in die Jeschibah des berühmten R. Sälomon Quetsch in Leipnik. Nachdem er dort in die Tiefen der Tälmudwissenschaft eingedrungen, absolvierte er mit elterlicher Erlaubnis das Piaristengymnasium bis zur Obersekunda und setzte dann seine talmudischen Studien beim Landrabbiner R. S. Hirsch und den Rabbinatsassesforen Samuel Lübz und S. L. C ö h n sowie bei dem ausgezeichneten Kenner des TrEates Chullin, Gabriel Eiben schütz, fort. Er lernte dort von den frühen Morgenstunden an bis 12 Uhr nachts. Seine materielle Lage war eine kümmerliche, bis ihm die Annahme einer Hauslehrerstelle eine erträgliche Existenz verschaffte. Nach seiner eigenen Aussage hat er vom Vater Anspruchslosigkeit und Genügsamkeit ererbt, so daß er sich stets in sein Los zu fügen wußte, von der 'Mutter strenge Wahrheitsliebe, aber auch einen Grad von Heftigkeit, so daß er Unrecht nie ertragen konnte. Er verließ das Gymnasium nach Absolvierung der Sekunda, um weiter die Talmudvorträge seines Lehrers Quetsch zu hören, der an Stelle des nach Frankfurt a. M. versetzten Landesrabbiners R. S. Hirsch in Nikolsburg als Rabbiner gewählt worden war. Nach dessen Ableben wurde er 1856 in das Breslauer Rabbinerseminar als Hörer ausgenommen. Die Seminaristen hingen den verschiedensten religiösen Richtungen an», da die Leitung der Anstalt keinen Glaubenszwang ausübte. Zuckermandel huldigte stets der strenggläubigen Richtung, da er in den religiösen Satzungen, wie er sich ausdrückte, „die zur Befestigung der religiösen Gedanken notwendigen Handlungen sah, welche durch stete Vergegenwärtigung des Gedankens an Gott die zur Sünde führenden menschlichen Triebe bezähmen und verscheuchen und so die Sittlichkeit fördern". Sein Hauptstudium blieb immer der Talmud und seine Kommentatoren, auch diejenigen, welche Direktor Frankel s. A. nicht besonders berücksichtigte. Nach bestandener Abiturientenprüfung immatrikulierte er sich 1860 an der Universität und studierte eifrig Philosophie bei Braniß und Bernays, hörte aber auch naturwissenschaftliche und juristische Vorlesungen und las mit dem Studiengenossen und späteren Breslauer Universitätsprofessor Freudenth al Kants „Kritik der reinen Vernunft". Er hörte häufig die Predigten Abr. Geigers, die arlf die Zuhörer eine nicht minder gewaliige Wirkung ausübten, wie die seines prinzipiellen Gegners R. S. Hirsch. Noch später, im Amte, las er gern philosophische Schriften; nach seiner Aussage aber hat die Beschäftigung mit der Philosophie seiner religiösen Ueberzeugung nicht nur keinen Eintrag getan, sondern vielmehr sie gefestigt. Auch seine Liebe zum Tälmudftudium erlitt keine Einbuße. Die logische Schulung diente ihm später dazu, talmudische Materien wissenschaftlich darzustellen. Als im Seminar die Preisaufgabe gestellt wurde: „Die Familie in moralischer und rechtlicher Beziehung nach mosaifch-tälmudischen Quellen", beteiligte er sich an derselben und erhielt gemeinsam mit seinem Studiengenossen Buchholz den Lehmannschen Preis. Im Jahre 1863 erlangte er die Doktorwürde, und 1864 bestand er die Rabbinatsprüsung mit Auszeichnung. > Nach absolvierter Prüfung bewarb er sich um die in Gnesen eingetretene Rabbinatsvakanz und wurde nach einiger Zeit dort gewählt. Kurze Zeit daraus führte er feine Frau heim, Elise Rawitz, die einer der angesehensten Breslauer Familien entstammte. Seine Gattin war ihm jederzeit eine treue Helferin und Beraterin, die mit ihm Leiden und Freuden seines Amtes teilte. Sie zeigte auch stets ein reges Interesse für die wissenschaftlichen Arbeiten ihres Mannes und freute sich innig über die ihm hieraus erwachsenen Ehrungen. Infolge mannigfacher, von gewisser Seite gegen ihn geschmiedeter Intrigen gab Zuckermandel die Stelle in Gnesen aus und nahm im Jahre 1869 das Rabbinat in Mürkisch-Friedland an, uw einst Rabbi Akiba Eger 23 Jahre hindurch gewirkt hatte. Hier konnte er sich mit Eifer talmudilch-wissenschastlichen Studien widmen. 1872/74 veröffentlichte er mehrere Artikel „Zur Halachakritik" in der Monatsschrift und kam durch Vergleichung von Jeruschalmi und Babli einerseits, Mischna und Tosefta andererseits, angeregt durch El iah Wilna, auf den Gedanken, daß die palästinensische Halacha mit der Tosefta, die babylonische mit der Mischna übereinstimme, und stellte die These auf: Tosefta enthalte den Rest der palästinensischen Mischna, die Mischna sei in Babylonien wegen veränderter Anschauungen und Begriffe neu redigiert worden. Aus Anregung des Lehrers am Breslauer Rabbinerscminar Dr. Freudenthal suchte er die Erfurter Handschrift zu erlangen, was ihm nach vielen Schwierigkeiten auch durch Vermittelung des damaligen Landtagsabgevrdneten, dem Vortragenden Rat im Ministerium B r a u ch i t s ch, gelang. Zuckermandel sammelte die Varianten und entzifferte eine Jahreszahl, wodurch die Handschrift als die älteste der bis dahin bekannten Handschriften sich herausstellte. 1869 schied Zuckermandel von Märkisch-Friedland und siedelte nach Berlin über, wo er unter großen Entbehrungen und hartem Ringen um feine Existenz an der Herausgabe der Tosefta