Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 20 (19.5.1916)
- Date
- 1916-05-19
- Page
- Seite 233 (sequence 5)
- Language
- German
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Nach Ende der Debatte über den Religionsunterricht hielt am nächsten Bormittag Goldmann (Oppeln) ein Referat über „Die Stellung des Rabbiners zur Ostjudenfrage". Gr betrachtete zunächst die Wirkungen, die das Auftauchen des Ostjudenproblems bisher auf die deutschen Juden ausgeübt hatte, sodann wandte er sich der politischen, kulturellen, wirtschaftlichen und religiösen Seite der Frage zu. Ohne Vorschläge für die Zukunft zu machen, legte der Referent rein objektiv die historischen und psychologischen Grundlagen der Ostjudensrage dar und hob hervor, daß er keinen Beitrag zu ihrer Lösung, sondern nur zu ihrem V e r st ä n d n i s geben wolle. An den Vortrag, der gleichfalls im Druck erscheinen wird, schloß sich auf Wunsch des Zentralausschusses keine sachliche Debatte. Nächster Punkt der Tagesordnung war die Witwen- und Waisenkasse, über die Freudenthal (Nürnberg) berichtete. Von ihrem Stande konnte er nicht allzu Günstiges sagen, vor allem> erscheint der Wunsch, sie" zu einer P e n s i o n s k a s s e umzugestal.ten, in recht weite Ferne gerückt. Solange es aber in Deutschland selbst in größeren Gemeinden Rabbiner gäbe, deren Pensions- und Reliktenverhältnisse nicht geregelt seien, müßte an diesem Plan sestgehalten werden. Unter Hinweis auf den großen Segen, den die Kasse bereits gestiftet habe, forderte der Referent die Kollegen zu eifriger Werbearbeit auf. Nach längerer Debatte wurde ein Antrag angenommen, gemäß dein jedes Mitglied des N a b - binerverband.es der P e n - s i o u s k a s s e als a u ß e r o r de n tl i ch e s M i t g l i e d a n g e h ö r e n m u ß. Als Mindestbeitrag wurde 1 vom Tausend des festen Inhreseinkommens bestimmt. Nachdem hiermit ' die eigentliche Tagesordnung erledigt war, wurden verschiedene Anregungen vorgebracht. Zur Bewältigung der vielen neuen Ausgaben, die der Krieg mit sich gebracht hat, wurde -ein Arbeitsausschuß eingesetzt, den als ersten Gegenstand die Maßnahmen für die Führung eines rituellen Haushalts während des Krieges beschäftigen sollen. Voll cmderer Seite lvurde ans die Schlvierigkeiten hingewiesen, die dem Schächt e n daraus erwachsen könnten, daß während der Kriegszeit auch das Blut der geschachteten Tiere für die Bolksuahrung notwendig sei. Als Aushilfsmittel wurde auf eine neue Schlundzange empfehlend hingewieseu, lvelche den Uebelstand beseitige. Eine Reihe anderer Frage:: wurde dem ge- ■ schäftsführenden Vorstand zur Erledigung überwiesen. Nachdem zum Schluß Freudenthal (Nürnberg) in warmen : Worten der Helden gedacht hatte, die im Kampfe für das Vaterland i ihr Leben dahin gegeben haben, sprach Rose n t h a l (Köln) den , beiden Vorsitzenden den herzlichsten Dank der Versammlung, für die i Leitung der Geschäfte aus. In seiner Schlußansprache faßte j Dr. M lt n k die Ergebnisse der erfolgreichen Tagung zusammen. Mit! dem Dank mi alle Erschiene neir verband er die Bitte, auch in Zukunft - den idealen Aufgaben des Rabbinerverbattdes im Interesse des gesamten deutschen Judentums die volle Arbeitskraft zu widmen. Er schloß die Versammlung mit einem innigen Gebet um Sieg und; Frieden. Nabbiner Dr. Jacob in Dortmund. m 24. April, am siebenten Pessachtage, beging Rabbiner Dr. B. Jacob in Dortmund das Jubiläum seiner fünfundzwanzigjährigen Amtstätigkeit. Obwohl erst feit zehn! Jahren daselbst amtierend, konnte er doch an feinem Ehrentage ' eine überquellende Fülle von Liebe und Dankbarkeit auch in seinem zweiten Wirkungskreise wahrnehmen. Die Synagoge war mit Kränzen und Blumen sinnig ausgeschmückt und bis auf den letzten Platz gefüllt. Nach dem Einheben nahm zuerst Rabbiner Dr. Samuel aus Essen, ein Freund des Gefeierten, das Wort zu einer Festpredigt über die Worte des Thoraabschnitts: „Was rufst du mir zu? Sage zu den Kindern Israel, daß sie vorwärtsschreiten." Vorangeschritten ist der Jubilar seiner Gemeinde und seinem ganzen Volke als eine Leuchte der Wissenschaft, ein mit hohem pädagogischen Geschick begabter Religionslehrer, als treuer Seelsorger. Einem solchen Führer möge die Gemeinde auch weiterhin sich anvertrauen, er werde sie, wie einst Mose mit dem Gottesstabe, durch alle Fluten und Stürme führen, die sie zu bestehen habe. Ein Festchoral, vorgetragen vom Synagogenchor unter Leitung von Musikdirektor H o l t s ch n e i d e r, erbrauste durch den herrlichen Raum, und nun bestieg Dr. Jacob selbst die Kanzel. Mit bewegten Worten dankte er zuerst seinem Gotte, dann allen Menschen, die ihn im Leben geführt, belehrt und gefördert, aber auch denen, welche ihn gehemmt und bekämpft hätten; diesen verdanke er vielleicht noch mehr. Ein Programm für sein Wirken habe er immer abgelehnt zu entwerfen. Ein Bekenntnis aber wolle er ablegen. Nur durch volles Vertrauen und durch Bewegungsfreiheit kann ein Rabbiner das leisten, wozu er berufen ist. Er kann nicht zugleich geistiger Führer der Gemeinde sein und ihr Beamter, der ein vorgeschriebenes Pensum erledigt, oder ein Angestellter, der den Weisungen von Verwaltungsstellen zu folgen hat. Ein herzliches Gebet für seine Gemeinde, eine innige Bitte um Wiederkehr des Friedens und der dreifache Priestersegen beschlossen die Rede. — Mittags fanden sich die Spitzen der Verwaltung, Abordnungen, Freunde und Bekannte im Hause des Jubilars ein. An Stelle des in Wiesbaden zur Kur »veilenden Herrn David Leeser übermittelte Herr Isidor Goldschmidt die Glückwünsche des Vorstandes. Er bekundete, daß sich die Hoffnungen, die Dortmund an die Berufung eines Rabbiners geknüpft, in reichem Maße erfüllt hätten. Ueberall in der Gemeinde ist ein geistiger Aufschwung zu bemerken; besonders die Jugend ist von einem ungewohnten Lerneifer ergriffen, um sich in die erhabenen Lehren unserer Religion einführen zu lassen. Der Dank der Gemeinde sei dem Jubilar alle Zeit gewiß. Für die Repräsentantenversammlung sprach Herr Schild. Er rühmte besonders das soziale Wirken des Rabbiners, hob das von Dr. Jacob begründete „Kriegshilsskomitee" hervor und erinnerte daran, wie Dr. Jacob im Anfänge des Krieges mit Liebesgaben an die Front gereist sei und sich dadurch in der Bürgerschaft ein Denkmal errichtet habe. Herr Rektor Heymann von der öffentlichen jüdischen Volksschule gratulierte für die Chewra-Kaddischa; der Israelitische Frauenverein und andere Vereinigungen widmeten köstliche Blumenspenden. Rabbiner Dr- Samuel begrüßte den Amtsgenossen Rabbiner Dr. Jacob in Dortmund.