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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-11-26 · Heft 48 (26.11.1915) · p. Seite 576

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 48 (26.11.1915)
Date
1915-11-26
Page
Seite 576 (sequence 12)
Language
German
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-—— 576 Rrztes, ob er eine Wirkung des belebenden Mittels erspähen könnte. - , . Eine Viertelstunde verging und noch eine. Fast eine Stunde ivar vorbei, als der Professor sich plötzlich aufrichtete und mit erloschener Stimme sagte: „Vergebens — vergebens! Gerade dieses Mal vergebens! Er stirbt — mein Sohn stirbt" So stand er da, den Blick aus den Sterbenden gerichtet, und das Bewußtsein seiner Ohnmacht überkam ihn. Er sah, daß alles geschehen war, was geschehen konnte. Daß hier nichts mehr zu helfen war. Nichts. Der da oben hatte seine Bedingung erfüllt: er lebt — nun siehe du zu! Und ihm war, als ob der, an den ex nicht glaubte, nicht glauben wollte, ihn in dieser schwersten Stunde seines Lebens zu sich zurückführen wollte. Unter der harten Hand sich aufbäumend, rief der Vater mit lauter Stimme den Namen des Sohnes, er wollte noch einen Blick, einen letzten, den Abschiedsgruß der entfliehenden Seele. Erzwingen wollte er's. So sollte sein Sohn nicht fort — so ohne Abschied! Er umspannte die schlaffe, kalte Hand mit sestenr Druck, er rief nochmals, rief lauter, mit allem, was ein Vaterherz in die kurzen Silben hineinlegen kann. Und der Ton erreichte die Seele, die schon fast jenseits der Schwelle des irdischen Bewußtseins war — langsam schlug der Sterbende die Augen auf und sah seinen Vater an. Was für ein Blick — ein fremder, feierlicher —, ein Blick aus einer anderen Welt, der den Vater erschauern machte bis ins Mark hinein. Eine letzte ungeheure Kraftanstrengung: „Vater!" murmeln die Lippen, die seit Stunden keinen Laut mehr hervorgebrach,t. Dann ein Röcheln, ein unverständliches Stammeln, ein jähes Heben des Kopfes — und jetzt, wie ein letztes zorniges Aufbäumen des ringenden Geistes gegen den zusammenbrechenden Körper, lallend, kaum verständlich, schwach wie ein Hauch, und nur dem lauschenden Ohr des Vaters vernehmbar: „Erzieh' meine Kinder als Juden und zu Gott!" Es war das letzte. Das Vermächtnis des Sohnes an den Vater. Sein Testament, sein letzter Wille. Ein Ruck ging durch den Körper des Alten, und seine Lippen bewegten sich, fast mechanisch die uralten Sterbegebete murmelnd. Noch ein paar Atemzüge — nach einer Pause ein letztes Röcheln —, das Haupt siel zurück, die Züge erstarrten. „Mein Sohn!" schrie der alte Mann auf — schwer siel sein Kopf aus das Kissen neben dem wachsbleichen feierlichen Totenangesicht. — Ein kleiner, trauriger, herzergreifender Zug. In der stemden Stadt wurde Doktor Edwin Selbinger zur letzten Ruhe gebettet. Sie hatten seine Leiche nicht, wie seine Gattin es wünschte, überführen dürfen. Die Behörde verbot es. Das Kaddischgebet, das Professor Selbinger am Grabe seines Sohnes mit fester Stimme sprach, klang wie ein Schwur. Tief beugte er sein Haupt. Er bekannte für seine eigene stolze Seele den Glauben an den einig-einzigen Gott seiner Väter und gelobte, die letzten Worte seines sterbenden Sohnes treulich zu erfüllen, dessen unmündige Kinder als Juden und zu Gott zu erziehen. Literarilche Mitteilungen. — Aus Bergan ge nhe itundGege n w a r t der Juden in Posen. Nach gedruckten und ungedruckten Quellen. Erweiterter Separatabdruck von „Aus Vergangenheit und Gegenwart der Juden und der jüdischen Gemeinden in den Posener Landen" von Dr. A. Heppner und I. Herzberg. 1914. Koschmin-Bromberg. Im Selbstverläge des Verfassers. Das Buch ist schon bei seinem ersten.Erscheinen von mir freundlich begrüßt worden. Ich kann auch jetzt nur meine Anerkennung der fleißigen Studie allssprechen. Das Werk urnfaßt Bergarrgenhetd und Gegenwart, beginnt im 14. .Jahrhnndert und verfolgt die Ereignisse bis auf die neue und neueste Zeit. Bedeutende Männer der letzten Jahrzehnte werden auch in Bildern vorgeführt: Akiba Eger, I. Perles, PH,. Bloch, W. Feilchenseld, AI. Rohr und A. Kantorowicz. Leider sind die Bilder nicht scharf genug, so daß an dieser Stelle eine Wiederholung eines dieser Bilder kaum möglich ist. Ganz besonders interessant sind die Mitteilungen über die gegenwärtige Verwaltung, die statistischen Notizen und die Liste der aus Posen stammenden Männer, unter denen die Mediziner Hermann Munk und Robert Nemak wohl in weiteren Kreisen am bekanntesten sind. Auch die Etats ' der Synagogengemeinde Pofens, die Steuererträgnisse u. a. werden mitgeteilt. Die eigentliche! Geschichtserzählung berücksichtigt die Leiden, Stellern und Abgaben, aber daneben auch das Kulturgeschichtliche und Geistliche. Besonders wichtig ist die Hervorhebung des nationalen, d. h. deutschen Sinnes, den die Posener Juden bei allen Gelegenheiten Zeigten, besonders im Jahre 1848. (S. 158.) Ueber die Beteiligung der Posener Juden am Kriege von 1870 wird nichts gesagt, ferner verdient eine Hervorhebung die Bemühung der Posener Gemeinde 1856 beim Ministerium gegen den Antrag Wagner, der gegen die den Judell verfassungsmäßig zustehenden Rechte gerichtet war. Sehr merklvürdig ist die Notiz (S. 174, Anmerkung 3) über ein jüdisches Waisenhaus, das aus der Stiftung eines christlichen Edelmannes hervorgegangeu ist; der König genehmigte die Schenkung 1836, obwohl sie, wre es hn Kabinettschreiben heißt, „als Fundation ungewöhnlich ist". Dieses Zeugnis einer Humanität, wie sie vor achtzig Jahren geübt wurde, verdient gewiß einer Erwähnung. Das ganze Buch ist wegen seiner schlichten Darstellung und seines reichen Inhalts enrpfehlenswert. Heb räi sche Ü£hythmik. Die Gesetze des alttestamentlicheu Vers- und Strophenbaues. Kritisch dargestellt von Eduard König, Dr. litt, semit., phil., theol., ordentlichem Universitäts- Professor und Geheiurern Rat in Bonn. Halle a. d. S. Verlag der Buchhandlung des Waisenhauses, 1914. Schon bevor man einen Blick in den Inhalt des vorliegenden Büchleins getan hat, erweckt es Vertrauen. Denn alls allen seinen Werken ist König als ein vorsichtiger und besonnener Gelehrter bekannt, der mit liebevollem Verständnis sich in das Wesen der Heiligen Schrift versenkt; so fmm man denn sicher sein, daß er keineswegs, um irgendwelche zweifelhaften Hypothesen zu beweisen, dem Texte der Bibel Gewalt antun und ihn so verrenken und zurechtstutzen wird, wie man es nur zu häufig gerade in Abhandlungen über die poetischen Formen des Alten Testaments zu finden Pflegt. Von einem feinen und richtigen Gefühl für den Geist der hebräischen Sprache geleitet, gibt König zunächst in kurzem' Umriß eine Darstellung aller Hypothesen, die man über das Wesen und die Grundgesetze der hebräischen Poesie bisher aufgestellt hat, um schließlich, nachdem er fast alle abgewiesen, mit Recht zu behaupten, daß von einem überall nachweisbaren, einheitlichen Prinzip nicht gesprochen werden kann. Seinem vorsichtigen Endergebnis wird man durchaus beipflichten, daß nämlich nichts wie ein „a kzentuierem der Rhy thm us in korrespondierenden Gedichtszeilen von w e s e n t l i ch e r Symmetrie" mit voller Sicherheit nachzuweisen sei. Diese durchaus besonnene These wird nun philologisch sehr eingehend begründet, immerhin aber in einer Weise, die bei einiger Aufmerksamkeit auch dem Nichtkenner der hebräischen Sprache das Verständnis für Grundlage und Ergebnisse ermöglichen wird. Sodann geht König aus die Spuren besonderer poetischer Formen ein, vornehmlich auf den „elegischen Rhythmus", wie er recht passend die Qinastrofe des Klageliedes nennt. Im ganzen genommen bietet das Büchlein nicht nur einen vortrefflichen Leitfaden für die vielfach verschlungenen Wege des behandelten Gebietes, sondern es stellt sich trotz seiner Kürze und Anspruchslosigkeit als eine sehr beachtenswerte wissenschaftliche Leistung des berühmten Forschers dar. Goldmann, Oppeln,

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