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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-11-26 · Heft 48 (26.11.1915) · page 13

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 48 (26.11.1915)
Date
1915-11-26
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Berlin, 26. November 1515 79. Jahrgang Nr. 48 -♦ Sßtllagt zur „Allgemeinen Zeitung deK IudrutumK". LorrelponLkn?kn und Mchrichtru. LkutschlanL. Berlin, 23. November. Der Verbandder jüdischen Jugendvereine Deutschlands sendet uns das Protokoll seiner 14. Vorstandssitzung, die kürzlich in den Räumen des Deutschisraelitischen Gemeindebundes stattfand und von vielen hiesigen und auswärtigen Delegierten besucht war. Ueber den Verlauf der Sitzung wird folgendes mitgeteilt: Herr Dr. Apfel gedenkt der zahlreichen im Kriege gefallenen, verdienten Mitglieder, deren Mut hoffentlich nicht umsonst geflossen sei. Er richtet einen Gruß an die Angehörigen der Verstorbenen sowie an die Freunde in den Lazaretten und auf den Schlachtfeldern. Er führt dann aus: Das jüdische Problem beschäftigt uns in dieser Zeit wie nie zuvor. Ob nach dem Krieg die antisemitische Bewegung abflauen wird oder nicht, läßt sich noch nicht entscheidend beurteilen. Wir müssen nach Friedensschluß bei nicht allzu krassen Fällen zunächst eine gewisse Zurückhaltung üben, um festzustellen, wie sich die andersgläubigen Mitbürger gegenüber einem Wiedererwachen des Antisemitismus verhalten werden. Es läßt sich leider nicht verkennen, daß selbst in dieser Zeit erhebliche judenfeindliche Strömungen vorhanden sind, und daß zahlreiche krasse Fälle von Zurücksetzung die Seele des Juden mit tiefer Bitternis erfüllen müssen; aber ebenso sicher ist auch, daß die vielen Tausende von jüdischen Soldaten, die sich im Felde mustergültig bewährt haben, eine große Anzahl bisher Andersdenkender zu einem überaus günstigen, jedenfalls aber zu einem gerechteren Urteil über unsere staatsbürgerlichen Eigenschaften erzogen haben. Nach dem Krieg wird wahrscheinlich bei den ersten antisemitischen Versuchen ein heftiger Meinungsstreit zwischen den christlichen Bürgern stattfinden, dessen, Ausgang zunächst abzuwarten ist. Sehr wesentlich wird für die Stellungnahme des deutschen Volkes das politische Ergebnis des Krieges sein, insbesondere, ob das Reich einen Zuwachs von jüdischen Untertanen erhält. Sollten sich aber unsere berechtigten Hoffnungen, die sich übrigens auf die ausgezeichnete Haltung der meisten höheren Militär- und Zivilbehörden gründen, nicht erfüllen, dann werden wir rücksichtslos kämpfen müssen, und zwar ohne jede Leisetreterei. Die zukünftige Entwicklung des inneren jüdischen Lebens vorauszusagen, sei besonders schwierig, da wir vor allen Dingen noch nicht beurteilen können, mit welcher Gesinnung unsere Kämpfer zurückkehren werden. Er, Redner, sehe ganz bestimmte Entwicklungsmöglichkeiten, deren nutzbringende Erörterung aber zurzeit verfrüht sei; es sei geradezu erstaunlich, welche Wandlungen in vielen jungen Juden draußen vor sich gegangen seien. Mt tiefem Bedauern müsse festgestellt werden, daß weite jüdische Kreise genau nach der alten Schablone, als ob nichts inzwischen geschehen sei, kleinliche innere jüdische Politik betrieben. Auf jeden Fall werde der Jugendverband nicht mit den in den letzten Jahren innerhalb der Judenheit hergebrachten Begriffen an die Arbeit gehen, ohne jede festgesetzte Meinung, ohne Vorurteil gegen irgendeine Richtung. Es sei unerfindlich, wie man bk Behauptung habe aufstellen können, der Jugendverband habe während der Krieges „versagt". Im Gegenteil, gerade während des Krieges habe er seinen schönsten und glänzendsten Erfolg errungen, indem es zum großen Teil seiner unermüdlichen Erziehungsarbeit zu verdanken sei, daß die jungen Juden mit solcher Begeisterung zu den Waffen eilten; an den einzelnen Verbandsvereinen habe geradezu ein Wetteifer in der Stellung von Freiwilligen geherrscht. Aus den zahlreichen Kundgebungen der Mitglieder aus dem Felde spreche das ernste Gelöbnis, im Sinne der Verbandsarbeit auch draußen zu wirken und in jeder Lage durch mustergültiges und unerschrockenes Verhalten Zeugnis für die Vaterlandsliebe und das Pflichtgefühl der jüdischen Bürger abzulegen. Dr. Apfel trägt dann die Gründe vor, die die bisherige Zurückhaltung des Verbandes während des Krieges rechtfertigt, er empfiehlt aber trotz mancherlei Bedenken die sofortige Wiederaüfnahme der Verbandsarbeit, vorläufig jedoch nur in bedingter Form. Er deutet weiter an, daß sich jetzt noch nicht überblicken lasse, ob der Verband nach dem Kriege in der alten Form weiter arbeiten könne; selbst derjenige, der^im Jugendverband nur eine rein neutrale Erziehungsorganisation ' erblicken wolle, müsse damit rechnen, daß alle Pädagogik nach dem Friedeusschluß einen anderen Inhalt erhalte. Ueber die Tätigkeit der einzelnen Jugendvereine während des Krieges liegt der Versammlung ein schriftlicher zusammenfassender Bericht vor. Aus diesem geht hervor, daß die Mehrzahl der Vereine, trotzdem fast die gesamte männliche Mitgliederschaft im Felde steht, gestützt aus die weiblichen und jugendlichen Mitglieder, die Arbeit hat sortführen können und besonders Kriegsaufgaben mit Erfolg in Angriff genommen hat. In der Erörterung wurden die Gründe, die für die bisherige absichtliche Zurückhaltung des Verbandes während der Kriegszeit angeführt worden sind, eingehend besprochen. Diese Gründe und die insbesondere von den westlichen Berbandsmitgliedern vorgebrachten Gegengründe werden den Verbandsmitgliedern in genauer Darstellung mitgeteilt werden. Es wurde mit allen gegen eine Stimme beschlossen, die Verbandsarbeit in einem den Kriegsverhältnissen entsprechenden Umfang wieder aufzunehmen. Das Verbandsbureau wird für die nächsten Monate nach Heidelberg verlegt. Geschäftsführerin im Ehrenamt ist Fräulein Berliner. Alle Zuschriften für den Verband sind zu richten an Fräulein C o r a Berliner, Heidelberg, Handschuh sheimer Landstraße 21. N. C. Berlin, 23. November. Wiederholt war in diesem Blatte von dem Volksverein und seiner segensreichen Wirksamkeit die Rede, doch immer wieder soll man von dieser vortrefflichen Einrichtung und ihrer ganz hervorragenden Leistung sprechen. Was ist beweiskräftiger, als es Zahlen sind? Und so mögen nur einige, aber gewaltige Zahlen sprechen. Seit Kriegsbeginn, also seit 1% $afyxm, wurden in den Herbergen des Volksvereins nicht weniger als 110 000 Personen untergebracht — Männer, Frauen und Kinder —nicht weniger als 8 0 0 0 0 0 Portionen Essen an diese verabreicht. Fürwahr eine recht ansehnliche Leistung, die neben den Geldausgaben die ganze Arbeitskraft umsichtiger Leiter erforderte. Wenn es auch zuweilen schwer erschien, die erforderlichen Mittel herbeizuschaffen, so wurden sie dennoch und trotz der erheblichen Lebensmittelteuerung durch die Opferwilligkeit weiter Kreise aufgebracht. Jetzt naht das Chanukafest, das in der Erinnerung an unsere tapferen Vorfahren begangen wird. Kann es eine bessere Gelegenheit zum Wohltun geben als diese: als des Dolksvereins zu gedenken? Kein einziger von denen, die das Glück haben, am W e i h e f e st e die Lichtlein in ihrem sicheren Heim aufslammen zu sehen, sollte es verabsäumen, dem Feste die rechte Weihe dadurch zu geben, daß er jener heimats- und obdachlosen Männer, Frauen und Kinder gedenkt, die ruhelos von Ort zu Ort flüchten, denen aber der Volksverein eine gastliche Aufnahme und ein Asyl gewährt. Jeder lege nach seinem Können eine Gabe auf diesen Altar echter und rechter jüdischer Nächstenliebe; keiner .versäume es. Gaben für den jüdischen Volksverein, Herberge Auguststraße 20, nimmt jederzeit dessen Schatzmeister, Herr Hermann Aron, Berlin W 50, Rankestraße 9, mit Dank entgegen. $$$ Berlin, 23. November. Wir erhalten mit der Bitte um Veröffentlichung nachstehenden Aufruf: Die Wogen des Krieges haben hierher nach Berlin eine Reihe junger Leute aus dem Osten verschlagen, die, von Haus aus begütert, arm und leer hier anlangten. Nichts anderes brachten sie mit sich als ihr frommes Empfinden und den festen Willen, auch hier in dem Getriebe des Großstadtlebens die frommen Ideale ihres Elternhauses sich zu bewahren. Nun durchziehen sie die Straßen Berlins, klopfen an die Türen aller Bureaus, von denen sie Rat und Hilfe in ihrer Not erhoffen, von denen sie erwarten, daß diese ihneü erwünschte Arbeit zuweisen werden, die ihnen wohl über die Not hinwoghilft, die sie aber nicht zwingt, ihre jüdischen Ideale aufzugeben: ihren Sabbat zu entweihen. Doch umsonst! Sie pochen vergebens an alle die Düren, sie finden weder die erwünschte Teilnahme, weder ein offenes Ohr und offenes Herz, noch die nötige Unterstützung zum Ergreifen einer ihnen möglichen Arbeitstätigkeit. So droht diesen Unglücklichen die Gefahr, auch ihr letztes Gut zu verlieren: den heiligen „Schabbos". Von welch schwerwiegenden Folgen solches für die ganze Ostjudenheit sein kann, die allein

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