Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 48 (26.11.1915)
- Date
- 1915-11-26
- Page
- Seite 575 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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575 Zwischen Vater und Sohn. Erzählung von Regina Ne iß er. Mach einem vorhandenen Stoff bearbeitet.) U (Schluß.) nd er, der Vater, der Arzt, der vielleicht noch helfen konnte, saß hier zu grauenvoller Untätigkeit verdammt! Er sprang auf, es peinigte ihn bis zur Unerträglichkeit; er rannte in dem engen Raum auf und ab wie ein gefangenes Tier — er riß den Pelz von dem Nagel, fuhr hinein und stülpte die Mütze auf — und nun hinaus auf den Perron, wo ihm der Wind um die Ohren pfiff — und immer auf und ab, auf und ab. Sein Sohn stirbt, und er hier, hier — armselige vier Meilen entfernt, und kann nicht zu ihm —, in ohnmächtiger Wut ballt er die Fäuste. Er kennt diesen Berger, ein ganz rückständiger Mensch, einer aus der alten Schule, der nichts zugelernt hat. Der kann freilich nicht helfen. Wenn er nur da wäre! Er, der Hunderte, Taufende vom Tode errettet, sie dem grausamen Vernichter noch in elfter Stunde aus den Klauen gerissen hat. Er knirscht mit den Zähnen, wild schaut er um sich, starrt zu dem blaugrauen Himmel empor. O, du da oben — meinen Sohn, meinen einzigen! Den laß mir, hörst du, den! Wenn es wirklich Einen gibt, einen Barmherzigen, einen Allerbarmherzigen, so zeig' deine Macht! Laß ihn leben, bis ich komme, dann will ich ja an dich glauben! Dann will ich dir zeigen, was ich vermag. Dann entreiß' ich ihn dir! Mit diesen meinen Händen, mit meiner Wissenschaft, init meiner heißen, allmächtigen Vaterliebe! So kämpft er, so ringt er mit dem Gewaltigeren über ihm in der Not seiner Seele. Längst hat er den Perron verlassen und ist blindlings weitergestürmt, einen verschneiten Feldweg längs des Bahndammes entlang. Und kämpft diesen jahrtausendealten Riesenkampf des verzweifelnden Menschen, der sich aufbäumt wider den Unsichtbaren droben. Allein, todeinsam im verschneiten Felde — wohin er blickt, nur Himmel und Schnee, in der Ferne sich verlierend, ineinanderfließend. Ein Dröhnen und Schüttern der Schienen — er fährt zusammen, bleibt stehen, sieht sich um wie betäubt. Da besinnt er sich, erschrickt, sieht nach der Uhr. Ueber ihm saust es in den Telegraphendrähten, der Wind spielt seine schaurige Melodie. Sonst kein Laut. Weit hinter ihm liegen winzig klein die roten Stationsgebäude. Fast eine Stunde ist er gewandert. Nun kehrt er um. Halben Weges begegnet ihm der Rabbiner, der ihm in gutmütiger Sorge nachgegangen. Er drückt ihm die Hand, daß der schmächtige Mann ächzend zusammenfährt. „Ich bin ruhig, ganz ruhig, lieber Freund. Fahren Sie jetzt heim und nehmen Sie sich meiner Schwiegertochter an. Halten Sie sie hin, solange es irgend geht. Sagen Sie ihr, ich wäre unterwegs zu einem Patienten geholt worden, käme nachmittags zurück. Um keinen Preis darf sie erfahren, wo ich bin, wo Edwin ist. Sie wäre imstande und käme mir augenblicklich nach. Und das darf sie nicht, das soll sie nicht. So zart, wie sie ist. Wir müssen ihr Leben erhalten um der Kinder willen. Und mein Sohn. . ." er hob den Kopf. „Herr Rabbiner, wenn einer auf der Welt ihn noch retten kann, so bin ich es." Sie gingen langsam den Weg zurück, und der Rabbiner erzählte, was ihm der geschwätzige Stationsvorsteher berichtet: Doktor Selbinger fei gestern mittag schon nicht wohl gewesen, habe im Vvrüberfahren halten und sich zwei Kognaks geben lassen. Darauf ein Dutzend oder mehr Krankenbesuche im Nachbardorfe, wo die Diphtheritis furchtbar grassiere, gemacht. Vorgestern habe er bei einem Knaben den Kehlkopfschnitt machen müssen, wobei dieser plötzlich stark aufhustete und dem über ihn gebeugten Arzt eine Menge Schleim und graue Fetzen ins Gesicht geschleudert wurden")-so daß der Lehrer, der als einziger Helfer assistierte, schon gesagt hätte: „Wenn sich der Herr Doktor bloß nicht selber noch ansteckt!" Und dann fei es wohl schlimmer geworden mit dem Unwohlsein. Er hätte den Kutscher unter einem Vorwände nach Hause geschickt und sei mit dem Siebenuhrzuge nach der Kreisstadt gefahren. Er, der Stationsvorsteher, hätte sich ja gleich gewundert, daß der Herr Doktor kein Retourbillett genommen. Nun könne er sich's ja erklären. Der hatte natürlich ganz genau gewußt, wie's mit ihm stände, und wär' deshalb lieber ins Kreiskrankenhaus gegangen, statt Frau und Kindern womöglich noch die Krankheit ins Haus zu bringen. Er habe sich ja kaum noch aus den Füßen halten können und sei ganz allein in einem Abteil erster Klasse gefahren. Der Alte biß die Zähne zusammen, um nicht laut herauszuschreien. Das Bild des Sohnes stieg vor seinen Augen heraus. Still, ohne Abschied war er gegangen — einsam und tapfer hatte er diese Fahrt, diese Todesfahrt, angetreten, wissend, daß er die Seinen, sein Weib, seine Kinder vielleicht nie im Leben Wiedersehen würde. Heiß quoll es in seinem Herzen auf: Ja, so war er, sein Sohn, sein einziger, ein ganzer Mann, ein ganzer Held! Er fuhr fkfy mit der Hand über die Augen und wischte etwas fort, das ihm den Blick verdunkelte. Doch sein Herz war ruhig geworden. Er fühlte, der da oben würde den Zweikamps mit ihm aufnehmen. Der Zug kam, und eine Stunde später hielt eine Droschke vor der Tür des Kreiskrankenhauses. Der Professor sprang heraus. Er nannte seinen Namen. „Lebt mein Sohn?" „Er lebt, Herr Professor," sagte die Krankenschwester. Sie führte ihn die Treppe hinauf und erzählte unterwegs, daß Herr- Doktor Selbinger in der Nacht nach dem Ortsrabbiner verlangt und mit diesem gebetet habe. Der Professor hörte kaum daraus, was ging ihn das an, das war ja so gleichgültig! Er trat ins Zimmer — endlich! Der Vater, der Arzt, stand am Krankenbett des Sohnes — prüfte den Puls und tauschte kurze Fragen und Antworten mit dem anwesenden Arzt und der Pflegerin. Edwin Selbinger atmete noch, aber er lag im Sterben. Da gab es keine Täuschung, die Augen des Vaters erkannten es auf den ersten Blick. Die Herzschwäche hatte rasende Fortschritte gemacht, trotz Kampfer und Koffein, trotz Champagner und schwerstem Portwein. Der Puls kaum fühlbar, oft aussetzend. Und dennoch — wer tötet die Hoffnung in einem verzweifelnden Vaterherzen? „Haben Sie schon Serum eingespritzt, Kollege? Nein? Nun dann schnell! Holen Sie, Schwester." Drei Worte zur Verständigung rief der Chefarzt der Davoneilenden nach. Dann wieder Stille. Man hörte die Atemzüge der Aerzte. Die Lösung ward gebracht. Der Professor machte selbst die Einspritzung, und seine Hand zitterte nicht. O, nur dieses eine Mal nicht versagen! Dieses einzige Mal! Wo es doch sonst in den verzweifeltsten Fällen lebensrettende Dienste geleistet! Schwer atmend lag der Kranke. Der Vater saß am Bett, fühlte unablässig den Puls mit -dem konzentrierten Blick des