Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-05-07 · Heft 19 (7.5.1915) · p. Seite 228

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 19 (7.5.1915)
Date
1915-05-07
Page
Seite 228 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3229177-3229197--71305-3283637
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

228 Den.1913. Ich weis; ganz genau, daß ich die kleine unwichtige Szene nie im Leben wieder vergessen werde. Mamas ratloses Gesicht, das sich so schwer in die höflich lächelnde Maske Pressen lassen wollte; Dr. Heymanns leichte Verlegenheit, durch die doch die herzliche Freude über das Wiedersehen mit dem Freunde klang; Ernas Lachen, das sich trotz des vorgehaltenen Taschentuches gar nicht so sehr zu verstecken suchte; und der Gegenstand des Schreckes selber, Josua Djalvszinski, wie er hastig, ungeschickt znsainmenknickte, daß die langen Rvckschöße auseinanderschlugen, sein unwilliger, erschreckter Blick, die hinter dem goldenen Kneifer gequält hochzuckenden Brauen. Was denkt sich so ein Mensch von Leuten unseres Schlages? Fühlt so einer, daß er um hundert Jahre zurück ist in der Kultur? Sein kurzes Ausblicken sah wie Tadel aus. Er tadelt uns, »veil er sich vor uns - schämt. Erna würde sagen: „sehr wichtig, was Herr Josua Djalvszinski (so einen Namen spricht sie nie ans, ohne zu mauscheln. Sie macht das großartig) denkt!" Für Erna sind das gar keine Menschen. Den.1913. Eins weiß ich heute: Wenn Dr. Heymann mich will, sage ich „Ja". Ich bringe diesen Entschluß gleich heute nacht zu Papier, damit ich ihn nicht wieder vergesse und mir klar bin und bleibe. Ich schreibe bei verdunkelter Lampe. Erna schläft schon ganz fest. Alles hat sie stehen und liegen lassen, so müde war sie. Da liegt ihr vertanztes Chiffonkleidchen, das mit dem geschlitzten Rock und dem tiefen Ausschnitt, über der Stuhllehne. Ich glaube, Erna gilt als das schickste junge Mädchen in der ganzen Ressouroe. In der „Harmonie" trägt sie ihr Waschkleid, vorjährige Mode, bis zum Hals hinauf geschlossen. Nur nicht auffallen, ist da ihr Grundsatz. Es war kleiner Vereinsabend in der Ressource, und heute ist es mir klar geworden, daß es eine Verrückheit wäre, Tr. Heymann auszuschlagen. Was will ich denn eigentlich noch, wenn ich den nicht will? Und selbst, wenn ich nicht bedächte, daß wir drei sind, daß das Margotle nun auch schon 14 ist, und daß wir nicht allzuviel Moneten haben, — es ist eine Narrheit, wenn ich nicht mit beiden Händen zugreife. Manches gefällt mir nicht so an Dr. Heymann. Er erzählt immerzu Witze (auch eine jüdische Eigenschaft. Die Herren in der „Harmonie" tun das nicht) und lacht jedesmal selber so sehr darüber. Aber das kann ich ihm ja abgewöhnen. (Fortsetzung folgt.) Sir mrllianilchr Leit. William Stratts Bild „Friede". emalte Poesie, gemalter Dichtertraum. So soll der Maler mit dem Dichter gehen. Denn Schönheit und tiefinnerstes Verstehen Sind Schwestern, wie zwei Blüten an dem gleichen Banm. Durch eines Malers meisterhafte Hand entstand Das Friedensbild, wie es Jesaja schaute. Denn Löwe, Lamm und Wolf und Kalb sind traute Gefährten auf dem gleichen blunLgen Weideland. Des zahmen Löwen Tatzen sind wie Samt so weich, Sanftmut ist sein Gesicht, und Wolf und Tiger Seh'n freundlich, und die Palme ist der Sieger, Den eines Kindes Hand trägt durch der Zukunft Reich. Des Kindes Schritte folgen Löwe, Kalb und Bär Und Wolf und Lamm. Zu dem Kind erheben Des Lämmleins Blicke sich; es schreitet neben Dem Leu: Nicht Furcht noch Gier noch Blutdurst gibt es mehr. Wie wunderschön ist diese liebliche Gestalt, Die sich als Engel nicht der Dichter dachte: Ein Mens ch, den uns der Maler nahe brachte, Ein reiner Mensch: ein Kind, von weißem Kleid umwall: Lotte K n o l l e r. Mchereinlsuk. Bepzxechung der Bücher Vorbehalten. Zurücksendung der Bücher findet in keinem Falle statt. Breslauer Weltkriegs-Gedichte mib Lieder 1914/1915. Bon Le Loewy. Gedruckt von Paul Förster, Breslau 19, Matthiasstraße 2; Preis 20 Pfennig. 10 Prozent des Reingewinns werden dem Nationale! Frnuendienst überwiesen. Bismarcks Urteil über Frankreich, Rußland und England. Vor Dr. Adolph Kohut. Hof a. S. Druck und Verlag H. Kleemeier. Frankreich als Erbfeind Deutschlands. Von Dr. Adolph Kohu! Hof a. S. Druck intb Verlag von H. Kleemeier. Lamms Jüdische Feldbücherei. Nr. 2—3: Die Psalmen in deutsche Uebertragung von Dr. Michael Sachs. Preis 1,20 Mark, geb. 1,60 Mart Nr. 4: Makkabaa, Jüdischi-literarische Sammlung von Louis Launn Verlag von Lonis Lamm, Berlin, 1935. Preis 60 Pfennig, geb. 1 Mart Rabbiuischer Humor aus alter und neuer Zeit. Eine Sammlung von Anekdoten mib „guten Wörtchen" von Dr. P. I. Kohn. 1915» Verlag Louls Lamm, Berlin. Ravensteins Deutsche Kriegskarten Nr. 1—13. Preis 60 Pfennu bis 1,50 Mark. Verlag Ludwig Ravenstein, Geographische Anstalt Frankfurt a. M. Auslieferlrng aller Ravensteiuschen Kriegskarten für Groß-Berlin bei Dietrich Reimer, Berlin SW 48, Wilhelmstraße 26. Literarische Mitteilungen. Rabbiuischer H u m o r aus alter und neuer Zeit Eine Sammlung von Anekdoten mib „guten Wörtchen" von Di P. I. Kohn. Verlag Louis Lamm, Berlin. Kohns Sammlung enthält viel Witziges und Treffendes; besondere erfreulich ist, daß von vielen bekannten Persönlichkeiten, zum Beispiet R. I. Landau, Jonathan Eibenschütz, Akiba Eger, I. H. Weiß u. a. mancherlei mitgeteilt wird. Vieles ist recht scharfsinnig, anderes dort sehr überlebt und nur für kleine Kreise bestimmt. Als besonders witzü sind mir die S. 48—50 zusammen gestellten Aussprüche erschienen. Eine Probe aus einer solchen Fülle von Anekdoten und guten Wörtchen zu geben, ist natürlich sehr schwer; ich wähle eine (S. 55), obgleich sie den orthodoxen Standpunkt vertritt, weil sie wirklich sehr geistreich ist. Sie lautet: „In früheren Zeiten — in vielen Gegenden auch heute noch — nannte man den Arzt den Doktor. Von Samson Raphael Hirsch, dem berühmten Frankfurter Rabbiner, soll der treffende Ausdruck herrühren: „Seitdem die deutschen Rabbiner Doktoren wurden, liegt das Judentum krank danieder." L. G. O — Sind wir Juden oder Israeliten? Von Rabbiner Dr. Armin Ab el es. Separatabdruck aus: „Freie Jüdische Lehrer stimme", 3. Jahrgang, Nr. 3. Wien 1914. Im Selbstverläge des Ver fafsers. Es ist eine ebenso interessante wie dankbare Aufgabe, der sich Abeles unterzieht, wenn er die Namen unserer Gemeinschaft untersucht und der Geschichte der drei Bezeichnungen „H e b r ä e r", „Israeli t' und „I u d e" nachgeht. Mit seinem psychologischen Verständnis hat er nicht nur die objektive Herkunft und Bedeutung der drei Bezeich nnngen dargestellt, sondern auch die subjektive Färbung beleuchtet, dir jene Namen in unserem Munde wie in dem unserer Umgebung angenommen haben. Und das Endergebnis ist durchaus richtig und beherzigenswert: Als Israeliten sollen wir uns mit dem Namen, der auf Gott und unsere religiöse Aufgabe hinweist, schmücken, wenn es sich um die inneren erhabenen Angelegenheiten unseres Glaubens und stiner Vergangenheit handelt. Juden aber sollen wir uns in der Welt nennen, wenn man uns angreift und verhöhnt. Das Wort Jude, das unsere Umgebung zu einem Schandmal machen wollte, soll uns ein Ehrenname und ein Kampfruf sein! Es wäre übrigens mit Freuden zu begrüßen, wenn der Herr Verfasser den Bezeichnungen unserer Religion und seiner Bekenner auch in den anderen europäischen Sprachen nachginge, die viele interessante Abweichungen von unserem Sprachgebrauch aufweisen. G o l d m a n n.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.