Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1915)
- Date
- 1915-05-07
- Page
- Seite 227 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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227 i'in. Besonders, wenn noch eme Gastwirtschaft damit verenden wäre. Ueber die Anlage solcher Anstalten geben einchlägige Bücher Auskunft. Auch die Gründung einer Geflügelzuchtanstalt verspricht eichen Ertrag. Jetzt, wo die Zufuhr von Eiern von auswärts lodet, wo Geflügel sehr hoch im Preise steht, müßte es beonders gewinnbringend sein, eine solche Anstalt zu eröffnen, is gibt so viel Oedland. Unsere Laubenkolonisten sind uns sierin ja schon mit gutem Beispiel vorangegangen. Ein kleines Holzhaus auf Laubengelände; Drahtumäunung; ein Stall mit Auslaus; es gehört wirklich nicht viel mpital dazu. Für alleinstehende Frauen ist solche Geflügeliichtanstalt ebenfalls eine geeignete Betätigung. Frisch gesagt ist halb gewonnen! Der lange Kock. Roman von Anna G o l d s ch in i d t. Wostock, den.1913. fjßt wäre sogar — hübsch. Das heißt, Erna hat einen Lachanfall bekommen, als ich das sagte. Aber immerhin, wenn man sich den scheußlichen öart —wie einer von den frommen Weisen in Papas Haggada nuten im Geldschrank sieht er aus - - und den langen Rock wegdächte?! — Zu ulkig, ich muß ihn mir vorstellen in schicker Lleidung, glatt rasiert, mit einem Schillerkragen — Herr Gott, das müßte Erna lesen, sie erstickte vor Lachen. — Den.1913. „Mein Schulkamerad", sagte Dr. Heymann, wie um Verleihung bittend, als er uns Josua Djaloszinski vorstellte. Gerade im „Monopol", wo sich alles, aber auch alles trifft. Ich glaube, als Mama da die Wohlwollende spielte und sich mit gequältem Lächeln vor dem Langrockigen verbeugte, hat ihr Mutterherz meiner Zukunft das größte Opfer gebracht. Wir verkehren jetzt wieder mit Juden, seit —, nun, seit ich erwachsen bin. Mama ist au sich gar nicht dafür, aber sie hat Angst, daß es uns geht wie Amtsgerichtsrat Kohns mit ihrer Lena. Kohns hatten immer nur christlichen Verkehr, und da hat Lena keine jüdischen Herren kennengelernt, und die jüdischen Familien haben sich nicht für sie interessiert. Nun ist sie sitzengeblieben. So schwenkte Mama schleunigst noch ein. Erna und ich lachen uns tot, unsere stolze Mama macht sogar Herrn Levi, zweitem Kantor und erstem Heiratsvermittler, schöne Augen und lächelt ihm mit huldvoll aufmunterndem Gruß zu. Mutti, Mutti, wenn du denkst, ich lasse mich verhandeln, dann schneidest du dich aber gründlich. Wir haben uns sogar in die Ressource ausnehmen lassen, den jüdischen Verein. Wir amüsieren uns himmlisch da. Nächsten Sonntag ist Tanzkränzchen in der „Harmonie", der christlichen Gesellschaft. Ich habe schreckliche Angst, daß ich sitzenbleibe, und sogar Erna sieht immer leichenblaß ans, wenn es zum Engagieren geht. Ein bißchen später als die andern werden wir halt immer aufgefordert, und die nettesten Herren bekommen wir auch nicht gerade. Und dann fühle ich immer Muttis angstvolle Blicke, die gleichgültig im ganzen Saale herumschweifen, da lächelnd einem Paar, das an uns vorbeischwirrt, folgend, da sich auf ihr Täschchen senkend, an dem sie herumnestelt, und die doch nur uns sehen und das Pech, daß uns noch keiner geholt hat. Wenn ihr rechtes Knie so nervös auf und ab wippt, dann weiß ich schon, wie ihr zumute ist. j mag sie auch Noch so harmlos lächelnd umherscha>>eu. Nie ist sitzt : sie auch so allein dort in derMütterrcihe, wenn nicht gerade Frau! Rat Klopfeisen, die bei uns zur Miete wohnt (Papa würde i sagen: „leider"!), da ist. Papa wollte ihr schon immer! kündigen, weil sie so schlecht bezahlt, aber Mama leidet cs! nicht. Ist sie da, so sind die beiden unzertrennlich, und Mama! henkelt Frau Rat ein, wenn sie einmal aufstehen und durch j den Saal gehen. Wir sind die einzigen Juden in der „Harmonie". Darauf ist Mama riesig stolz. Papa sitzt mit den andern Ballvätern nebenan und spielt Skat. Er hat immer Gesellschaft dort, obgleich doch Mama viel liebenswürdiger ist zu allen Menschen als er. Neulich zum Stiftungsfest, wo viel auswärtige Herren da waren, war es mal wunderhübsch. Da haben Erna und ich sehr flott getanzt, besonders Erna, die bildhübsch ist, ganz hellblond. Kein bißchen jüdisch sieht sie aus. Darum hat es Mama ja auch so sehr eilig, mich unter die Haube zu bringen. Na, das muß ich sagen: das möchte ich auch nicht gerade, daß sich Erna eher verlobte als ich, wo sie zwei Jahre jünger ist. Dr. Heymann habe ich auf einem Resfourceball kennengelernt. Hätte er uns seinen Schulfreund da vorgestellt, es hätte nichts auf sich gehabt. Aber im Cafe, gerade im Cafe! Es ist zum Schreien. All unsere christlichen Bekannten saßen au einem Tisch nebenan und beschauten sich die Szene mit halb spöttischen, halb tadelnden Blicken. Wir hatten mit Dr. Heymann an einem kleinen Tisch allein gesessen, und Mama hatte sehr freundlich, sehr vertraulich zu dem großen Tisch hinübergenickt. Es macht immer einen guten Eindruck auf die Juden, wenn man christlichen Verkehr hat, und Mama will jetzt einen guten Eindruck auf sie machen. Besonders auf Dr. Hehmann. Will ich das auch? — Den.1913. Mama war noch nie so zärtlich, so zufrieden mit mir wie jetzt. Sie schmeichelt sich beinahe ein bißchen bei mir an, damit ich ihr nur zu Willen bin, das anziehe, ivas sie für kleidsam hält und mich recht nett zu Dr. Heymann gebe. Teuerste Mama, dadurch erreichst du bei mir gar nichts. Im Gegenteil —- es mag schlecht von mir sein aber wenn ich merke, Mama will eine Sache durchaus durchsetzen, so rebelliert etwas in mir, und ich will gerade nicht. Deshalb war ich auch neulich ziemlich unausstehlich zu Dr. Hehmann, bloß, weil Mama gar zu süß zu ihn: tat. Bei seinen faulsten Witzen lachte sie hell auf, immer gab sie ihm recht, und wenn er etwas aus der Praxis erzählte — er tut es ein bißchen viel , sah sie ihn au, als bringe er unserer Unwissenheit mit seiner Weisheit das Heil. Da habe ich ein todernstes Gesicht gemacht, wenn er einen Witz machte, und ihm immer widersprochen, auch wenn er recht hatte. Ich hatte einen Heidenspaß daran, wie sich Mama innerlich wand vor Angst und mich dabei doch bewundernd lächelnd anschaute, so wie: „das gute Kind meint es nicht so. Es neckt nur gern ein bißchen und tut es doch eigentlich sehr niedlich." Schließlich tat Erna auch noch liebenswürdig zu ihm. Aber da griff ich ein. Das fehlte noch, daß mir der Fratz den Verehrer wegschnappte. Dabei will sie ihn gar nicht. Erna heiratet bestimmt einen Christen. Sie interessiert sich nur fürchristliche Herren. Aber daß ihr die jüdischen schöne Augen machen, besonders wenn sie gerade keinen christlichen da hat, das hat sie doch gern. Dr. Heymann und ich vertrugen uns den Rest des Abends noch sehr gut. Wenn ich mich mit ihm beschäftige, sieht er Erna gar nicht. Und Mama verkniff sich all den Aerger, den ich ihr gemacht hatte, und gab mir keinen vorwurfsvollen Blick. Und da trat Josua Djaloszinski ein. Und Dr. Hehmann stellte ihn uns vor, und Mama ertrug ihm zuliebe auch das.