Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 18 (30.4.1915)
- Date
- 1915-04-30
- Page
- Seite 209 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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209 ou Galizien hat an alle Unterbehärben ein Zirkular gerichtet, in em die russische und rusfophile Beamtenschaft ermahnt wird, mehr och als bisher auf die Bevölkerung einzuwirken, damit diese völlig \x die russische Sache gewonnen werden könne. Besonders müsse ei jeder Einwirkung auf die Bevölkerung der Hinweis auf die eineinsamen Interessen des Slawentums eine Nolle spielen. Ferner ,i mit allen Mitteln darauf hinzuarbeiten, daß die Bevölkerung zur riechisch-katholischen Kirche übertrete. In letzter Zeit sind wieder ahllose griechisch-katholische Geistliche aus Rußland nach Galizien kommen, um das große „Bekehrungswerk" in Angriff zu nehmen, ui ihrer Bekehrungsarbeit wird die russische Geistlichkeit sehr tat- -ästig vom russischen Militär und von der Polizei unterstützt. Auch ohlreiche Juden sind gezwungen worden, den Glauben ihrer Väter bzuschwören und griechisch-katholisch zu werden. Der Heilige Synod -.it den Beschluß gefaßt, mehr denn zwei Millionen Exemplare von religiösen Aufklärungsschriften, in denen auch besonders das Zaren-!ui verherrlicht wird, nach Galizien zu senden und an die Bevölrung kostenlos verteilen zu lassen. Nach einer Verfügung des -eneralgonverneurs sind sämtliche Schüler, die noch nicht das 16. ebensjahr erreicht Haben, gezwungen, die russische Sprache zu lernen. Ganz Furchtbares erzählt ein Korrespondent der „Vosfischen .eitung": „Herr K., der frühere Abgeordnete der Duma, hielt Wort. Er rächte mich mit mehreren Herren in Verbindung, die mir so manches ulteresfante über die Behandlung der Juden in Petersburg und in wßlcmd überhaupt verrieten. Sie erzählten mir unter anderem, aß zwei Wochen früher bei der Reise des Zaren durch Finnland nach aelsingsors etliche vierzig Frauen und Kinder vor der Ankunft des laren aus Rimsky Korsakow, einem seines milden Klimas wegen ern besuchten Winterluftkurort, ausgewiesen wurden. Die an ungenfchwindfucht Leidenden mußten aus einfachen Polizeibeseht in die Heilstätte sofort verlassen. Gleichzeitig gaben mir die Herren hv Abschrift eines vom Großfürsten Nikolai Nikolajewitfch, dem Generalissimus der russischen Armee, erlassenen Befehles, dessen 'ortgetreue Uebersetzung lautet: „Allgemeiner Befehl an sämtliche Kreisobleute und an den olizeichef von Cholm. Inliegend finden Sie Telegramm von der auptkommandantur des Militärdistriktes von Minsk." „Was die bestimmten Lokalitäten anbetrifft, wohin die Juden verannt werden sollen, haben die Autoritäten des Minsker Militäreises sich an das Ministerium des Innern zu wenden, und nach rhalt einer Antwort werden weitere Befehle erlassen werden." Telegramm an den Oberkommandierenden des Minsker Militärouvernements: „Unsere Erfahrung in diesem Krieg hat uns die feindliche Haltung n jüdischen Bevölkerung in Polen, Galizien und der Bukowina argelegt. Sobald eine wesentliche Aenderung in den Stellungen nd Verschiebungen unserer Heere stattfindet, jedesmal, wenn wir nen oder den anderen Distrikt temporär räumen, werden infolge er Einmischung der Juden vom Feinde grausame Maßregeln gegen!e loyale, nichtjüdische Bevölkerung ergriffen. Um diese uns treu gebene Bevölkerung gegen die Bedrückungen des Feindes und unsere eere vor Verrat, den die Juden die ganze Front entlang üben, zu hützen, erachtet es der Höchstkommandierende der russischen Streitäfte für nötig, daß die Juden verbannt werden, sobald nur der eind sich zurückzieht, und daß Geiseln genommen werden. Und war sollen die Reichen oder Vermögenden und eine bevorzugte tellung einnehmenden Juden zuerst und dann namentlich die großen influß besitzenden Rabbiner der betressenden Gemeinden ergriffen rid als Gefangene nach dem Innern des Landes verschickt werden. Vorderhand nach der Provinz von Kiew, wo sie im Konzentrations- Mr gehalten werden müssen.) Die jüdische Bevölkerung sowohl als ne die abgeführten Geiseln sind zu warnen, und es mag ihnen klar emacht werden, daß sie für jede strenge Maßregel, die vom Feind er uns ergebenen loyalen Bevölkerung gegenüber ergriffen wird, erantwortlich gemacht werden. Gleichzeitig ist aber auch der uns .gebenen, nicht-jüdischen Bevölkerung klar zu machen, daß unsere Maßnahmen gegen die Juden zum Schutz der treuergebenen Bevölrung ergriffen werden, nachdem eine sechsmonatige Kriegführung uis überzeugt hat, daß die jüdische Bevölkerung uns gegenüber lloyal und verräterisch aufgetreten ist und für die Mitbevölkerung keinerlei Sympathien hat. Die Regierungsbehörden der verschiedenen Provinzen sind aufgefordert, die Juden nach den links vom Dnjepr liegenden Provinzen einstweilig zu verbannen, und dem Minister des Innern bleibt es Vorbehalten, über die weitere Verschickung der Gesang-enen die nötigen Vorkehrungen zu treffen." Die Drangsalierung der Juden. Dieselben Herren wurden beim Kriegsminister wenige Tage vorher vorstellig, weil von gewisser Seite für die Osterfesttage große Ostereier an die Truppen in Polen versendet worden waren, bei denen als Verzierung auf dem oberen Teil ein Bild angebracht war, das eine junge weibliche Gestalt darstellte, die aus einen Tisch geschraubt ist, und um die herum vier polnische Juden sitzen, die durch Sauginstrumente dein Körper Blut entziehen, das für die Zubereitung von jüdischen Osterkuchen verwendet werden soll. Aus der Reversseite des Eies wird die Soldateska in polnischer Sprache zu Gewaltmaßregeln ausgereizt. Ich habe eine Photographie dieser Eier mitgebracht. Der russische Kriegsminister soll Abhilfe zwar versprochen haben, aber jedenfalls war es viel zu spät, um die daraus entstehenden Gewalttätigkeiten verhindern zu können. In Rußland darf ein Jude als Handwerker nur das verkaufen, was er auch selbst herstellt. Ein Schuhmacher beispielsweise, dein nachgewiesen wird, daß er Schuhe, die er nicht selbst verfertigte, in den Handel gebracht hat, kann dadurch seines Wohnrechts verlustig gehen und setzt sich obendrein noch der Gefahr aus, daß die Ware vom Staat konfisziert wird. So wurde urir auch folgender Fall erzählt. Eine jüdische Frau, Besitzerin eines kleinen Gütchens, lieft durch ihre Schwester, die, -ohne das Wohnrecht an dem Orte zu besitzen, bei ihr lebte, Milch an die Bauern verkaufen. Die Milchverkäuferin wurde verhaftet, die beiden Kühe konfisziert, und die das Wohnrecht nicht besitzende Schwester aus dem Orte verwiesen. Gegen dieses Urteil wurde beim Appellgericht in Petersburg Revision eingelegt, das Urteil erster Instanz jedoch bestätigt. Hunderte von derartigen Fällen sind mir mitgeteilt worden. Ich führe nur den einen an, um darzulegen, mit welch grausamer Konsequenz die armen Verfolgten überall drangsaliert werden. Bit Mttchrikt?um ütbsiglten Geburtstage Jakob Guttmanns. ie Bibel erzählt, daß das Stiftszelt sich aus zahlreichen Einzelgaben zusammengesetzt, daß aber das Heiligtum trotzdem ein in sich geschlossenes einheitliches Ganzes gebildet. An die Gaben zum Stiftszelt erinnert die Spende, welche die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums in einem schmucken Bande vereinigt, um ihren zweiten Vorsitzenden, den Breslauer Rabbiner Professor Dr. Jakob Guttmann, zu ehren und zu erfreuen. Ein jeder seiner Mitarbeiter und Freunde brachte zu dem kleinen Ehrentempel für Jakob Guttmann vom Besten, was er besaß, und, so buntgestaltig die Gabe geworden, ist sie doch ein einheitliches Ganzes, zusammengehalten durch den Namen des Mannes, dem sie geweiht ist, und der auf allen den Gebieten, welche die Beiträge behandeln, sich als ein Meister betätigt hat, zusammengefaßt durch die feinsinnige Würdigung Guttmanns, mit der Professor Martin Philippson die Festschrift einleitet. Das Verzeichnis der Schriften Guttmanns, das der sachkundige Sekretär der Gesellschaft, Dr. N. M. Nathan, überaus sorgfältig zusammengestellt hat, bietet aber auch dem Fernstehenden den Nachweis, in wie hohem Grade die Ehrung berechtigt ist, wie viel die Wissenschaft des Judentums dem unermüdlich schaffenden Breslauer Gelehrten verdankt. Daß die religionsphilosophischen Beiträge in einer Gnttmann-Festschrift den ersten Platz einnehmen müssen, ist selbstverständlich. Sie werden durch einen Aufsatz Hermann Cohens über den „heiligen Geist" oder richtiger den „Geist der Heiligkeit" großzügig eingeleitet. Gott hat den Geist der Heiligkeit, d. h. sich selbst, in den Menschen verpflanzt; je geistiger Gott