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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-04-30 · Heft 18 (30.4.1915) · p. Seite 208

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 18 (30.4.1915)
Date
1915-04-30
Page
Seite 208 (sequence 4)
Language
German
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208 mtf bic ^vctflc, „lucr seine ShumuoSfli'iu'iicn mit sichersten und) Zion znrnckführt": das ist der flrofje Irrtnul einer viuiogisthen Zwangslehre, die die lebendige Erfahrung bei mir und sehr vielen anderen Zuden in Teutschlaud und ivahrscheiulich auch in England verneint. Ein sehr bemerkenswerter Artikel: Dies tt dis che Frage a l s russische (D. Mereschowski), wird uns von Frau Marie Beßmertny in Uebersetzung mitgeteilt. Der geschätzte Schriftsteller und Autor von „Leonardo da Vinci" ergreift in den Moskauer „Rußkija Wjedvmosti" das Wort zu dieser Frage und sagt: Man will jetzt nur an Rußland denken — nur an Rußland und sonst an nichts und niemand. Die Frage des Bestehens aller Stämme und Sprachen, die in Rußland vorhanden sind — und nach Puschkin ist jede Sprache in Rußland anzutreffen —, ist zugleich eine russische Existenzfrage. Man fühlt sich unwillkürlich gedrängt, all diese Stämme und Sprachen zu fragen: habt ihr das Verlangen, mit oder gegen uns zu sein? Falls gegen, warum ertvartet ihr von uns einen Beistand? Und wenn nicht gegen, so vergeht in diesem schreckeinsvollen Augenblick euch selbst, denket nur an Rußland, denn sein Heil — ist euer Heil, sein Untergang — euer Untergang. Man möchte gern sagen, daß lvir gar keine jüdische, polnische, arinenische, grusinische, ruthenische Frage, sondern nur eine russische haben. Aber man darf es nicht. Darin liegt eben die Tragödie des russischen Volkes, daß man nicht das Recht hat, es zu sagen! Der ganze Idealismus der russischen Gesellschaft in den Nationalfragen ist machtlos und daher auch unverantwortlich. Das tritt besonders in der jüdischen Frage deutlich in die Erscheinung. Was wollen die Inden von uns? Quillt die moralische Entriistnng aus der Erkenntnis, daß der Antisemitismus ge? inein ist? Das ist ja längst zugegeben; und die Entrüstung ist so natürlich, so stark, daß man darüber gar nicht mehr ruhig sprechen kann; man kann nur mit den Inden gemeinsam um Hilfe schreien, und so schreien wir! Das Schreien allein ist wenig. Und dieses Bewußtsein, daß mit dem Schreien nichts ausgerichtet wird, hat eine lähmende und niederdrückende Wirkung. Es ist hart, traurig und schmählich . . . Durch den Schmerz und durch das Gefühl der Schande klingt aber ein beschwörender, lauter Schrei an die Ohren der Leute, die das Einmaleins nicht kennen, nicht begreifen, das; 2X2 4 ist, daß die Juden genau solche Menschen sind wie nur — nicht Feinde und Verräter des Vaterlandes, sondern ehrliche, russische Bürger, die Rußland nicht weniger lieben als wir: daß der Antisemitismus ein Schandmal auf der Stirn Rußlands ist. Doch außer dem Schrei muß auch noch ein ruhiger Gedanke zum Ansbruch kommen! „Judenfreundlichkeit" ist mit „Judenfeindlichkeit" verbunden. Die blinde Ablehnung ruft die blinde Anerkennung einer fremden Nationalität hervor. Wenn alles in ihr ein absolutes „Nein" sagt, so muß man ein absolutes „Ja" entgegenhalten. Was bedeutet „judophil", wenigstens augenblicklich in Rußland? Es bedeutet, daß man die Juden mit einer besonderen Liebe umfaßt und in ihnen mehr Wahrheit vermutet als in allen anderen Nationalitäten. Solche „Judophilen" sind die „echt-russischen Leute", wir, Russen, sind nicht „echt"! Warum kümmert ihr euch immer um die Juden? fragen die Nationalisten. Wie sollten wir uns um sie nicht kümmern, und nicht nur um sie, sondern auch um die Polen, Armenier, Ruthenen, Grusinen und all die andern Fremdstämme! Wen jemand mißhandelt wird, so vermag man aus Menschlichkci nicht vorüberzugehen, man muß ihm helfen, oder wenigsten muß man mit dem Gemißhandelten um Hilfe schreien. Da tun wir, und wehe uns, wenn wir aushören, es zu tun, aus hören, Menschen zu sein, um Russen zu werden! Ein ganzer Urwald von Nationalfragen verdunkelt de: russischen Himmel. Die Stimmen aller in Rußland erklingende Sprachen haben die russische Sprache übertönt. Das ist unve, meidlich. Uns geht es schlecht, aber ihnen noch schlechter; wi leiden, aber sie leiden noch weit empfindlicher. Daher habe wir den Nationalisten vorzuhalten! „Höret auf, die fremden Stämme zu verfolgen, damit iui ein Recht haben, Russen zu sein, damit wir unser nationale Gesicht wie ein Gesicht der Menschlichkeit und nicht wie ein der Bestialität der Welt mit Würde zeigen können." Ein Beispiel sei aufs Geratewohl herausgehoben! Die jüdische Frage hat nicht nur eine nationale, sonder auch eine religiöse Seite. Zwischen Judentum und Christei tum besteht wie zwischen zwei Polen eine starke Anzieh,in und eine ebensolche Abstoßung. Das Christentum ist aus den Judentum hervorgegangen, das Neue Testament aus der Alten Testament. Der Apostel Paulus, der mehr als alle mi den; Judentum gekämpft hat, wünschte „von Christus getreu» zu sein, wegen seiner Brüder vom Fleische", d. h. der Jude: Man kann wohl von der Anziehung, aber nicht von der Al stvßling sprechen. Wie sollte man mit demjenigen streiten, de gar keine Stimme hat! Die Rechtlosigkeit der Juden bring: aber die Christen zum Schweigen. Die äußere Vergewaltigun an ihnen — ist eine innere Vergewaltigung an uns. Warum entbrannte die jüdische Frage so heftig währe» des Krieges? Aus demselben Grunde, wie alle andern natu nalen Fragen entbrannten. Wir nannten diesen Krieg de „Befreiungskrieg". Wir habe ihn begonnen, lim die Fernen z befreien. Wir lieben die Fernen. Warum Haffen wir di Nächsten? Alißerhalb Rußlands liegt unsere Liebe lind inner halb — der Haß. Wir bemitleiden alle, aber für die Jude haben wir kein Mitleid. Wenn lvir so fortfahren, wird man aufhören, uns z» glauben, und die Völker werden sagen: „Ihr könnt nur tu» weitem lieben, ihr lügt!" Und wir hofften doch auf die Krai unserer Wahrheit, die uns zum Siege führen soll! Wollen wi das noch, so dürfen wir nicht lügen und durch die Lüge unser Wahrheit schwächen und die Kraft des Siegers. Die Deutschen sagen: „Weltkrieg" und so handeln sie. U» lvir sagen: „Krieg um den Frieden, um die Versöhnung de Welt—" lind so sollten wir genall nach unseren Worte handeln. Im Russischen klingt „Mhr" — Friede — und „Mir" - Welt — gleich, um so mehr müssen wir uns nicht nur durch di Zunge, sondern durch das Herz von unfern Feinden null» scheiden und so handeln, daß die Völker begreifen, wir kämpfe für die Befreiung der Welt. Fangen ivir damit bei den Jude an! Die unterdrückten Völker sollen nicht vergessen, daß du Freiheit ihnen nur vom russischen Volk kommen kann, und di. Juden sollen nicht vergessen, daß die jüdische Frage ein russische Frage ist. * Im Gegensatz zu diesen Ausführungen fährt die russisch Negierung fort, den Juden alles Schlimme anzutnn, sowob in den besetzten Gebieten als im eigenen Lande. Ueber da „Bekehrungswerk" in Galizien schreibt die „National-Zeitung": Seit den letzten Wochen haben die Riissisiziernngsversuchr de: rassischen Behörden in Galizien noch erheblich zngenoinmcn. Oh». Zweifel ist eine gewisse Nervosität in den Bestrebungen der russische» Beamtenschaft zu bemerken. Gras Bobrinski, der Generalgonvernem

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