Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 40 (2.10.1914)
- Date
- 1914-10-02
- Page
- Seite 471 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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471 auch sonst ist der Vorstoß zum Stehen gebracht. In der Mitte der Schlachtfront kam unser Angriff an einzelnen Stellen vorwärts. — Die angegriffenen Sperrforts südlich Verdun haben ihr Feuer eingestellt. Unsere Artillerie steht nunmehr im Kampf mit Kräften, die der Feind auf dem westlichen Maasufer in Stellung brachte. — Auf den übrigen Kriegsschauplätzen ist die Lage unverändert. * Als ein großer Sieg ist das wahrhaft glänzende über Erwarten große Endergebnis der deutschen Reichsanleihe zu bezeichnen. Am 26. September wurde berichtet: Durch rechtzeitig abgesandte, aber verspätet eingegangene Zeichnungen^ aus die Kriegsanleihe hat sich das Resultat noch um rund 70 Millionen Mark erhöht. Es sind also gezeichnet worden: Reichsanleihe . 3 121 001 300 M. (darunter mit Schuldbucheintragung und Sperre bis 15. April 1915 1 198 987 700 Mark) und Reichsschahanweisungen.. 1 339 727 600 M. zusammen 4 460 728 900 M. Unter den Zeichnungen auf Schatzanweisimgen befinden sich 582,9 Millionen Mark Wahlzeichnungen, deren Zeichner für beit Fall der Ueberzeichnung der Schatzanweisungen erklärt haben, daß sie bereit seien, sich statt derselben auch Reichsanleihe zuteilen zu lassen. Die Zeichnung ist nunmehr geschlossen, und es sind vorstehende Ziffern daher als endgültig zu betrachten. * Die „Voss. Ztg." schreibt: E i n e G e st e l l u n g Deuts ch er aus P a l ä st i n a. Welche Begeisterung für Deutschland auch bei den Deutschen herrscht, die seit Jahren in völlig veränderten ausländischer: Verhältnissen leben, beweist folgende Mitteilung aus Palästina: Oberlehrer Dachauer, praktischer Arzt Dr. Auerbach und Landwirt Dr. Treitel, sämtlich Beamte der z i o u t stischen Organis ationen in Haifa, haben mit 32 anderen in Haifa wohnenden Deutschen auf folgende Weise dem Rufe zu den Fahnen Folge geleistet: Eine Möglichkeit, zu Schiff nach Konstantinopel zu fahren, bestand nicht, da ein französischer Kreuzer auf der Lauer nach deutschen Wehrpflichtigen lag. Das deutsche Konsulat erklärte, daß unter den obwaltenden Umständen eine Gestellung unmöglich sei. Doch das focht die Deutschen nicht an. Sie bestiegen die Eisenbahn, und in dreiszigstündiger Fahrt ging's nach Aleppo, dann mußten 117 Kilometer zu Fuß gewandert werden, wobei ein 1100 Meter hoher Paß zu überschreiten war. Dann fuhren sie wieder mit der Bahn, und zwar über Adana nach Dorek. Wieder mußten sie zu Fuß gehen. Diesmal über das Taurusgebirge bis Bosanti. Diese Wanderung dauerte zwei Tage. In 44stündiger Fahrt wurde sodann Konstantinopel erreicht. Dort sowie in Bulgarien und in Rumänien empfingen die Reisenden zahlreiche Zeichen der Freundlichkeit, die Fahrt durch Ungarn war aber wie ein Triumphzug. Als in Passau die deutsche Grenze erreicht wurde, waren seit der Abreise von Haifa 21 Tage vergangen. * Von der Jurore" sind uns am 26. September die Nummern vom 7. August bis 18. September zugegangen. Die Zeitung erscheint nur in halbem Umfange. Der Inhalt ist recht dürftig. Die wissenswerten Nachrichten lassen sich in folgendem zusammenfassen. Auch in Konstantinopel scheint große Not zu herrschen; der Oberrabbiner fordert zu Spenden auf, um die Not zu lindern; derselbe hat Einspruch bei der Regierung er-, hoben gegen die Einberufung der Männer von 32 bis 45 Jahren. Das Blatt berechnet die Zahl der in den verschiedenen Heeren kämpfenden Juden auf 200 000 Mann. Der Ausruf des Zaren „an seine lieben Juden" wird mitgeteilt, ohne daß ihm rechter Glaube beigemessen wird. Ein Gebet des Großrabbiners von England für den Frieden wird abgedruckt. Die Nachricht eines Pogroms in Wilna am 23. August wird nach holländischen Mitteilungen in Abrede gestellt. * Von Kriegsliteratur ist uns zugegangen: Gebete zur Kriegszeit für israelitische Frauen und Mädchen von Rabbiner Dr. Max Grunwald, Wien 1914, Jos. Schlesinger. Das Erträgnis dieser schlichten innigen Gebete wird einem patriotischen Zwecke überwiesen. * Das „Berliner Tageblatt" schreibt: Konfessionelle W e i t h e r z i g k e i t. Unser Posener Mitarbeiter schreibt uns: In der kleinen jüdischen Gemeinde des benachbarten Städtchens Murowana-Goslin war kurz vor dem Kriegsausbruch der Kultusbeamte und Kantor gestorben. Da die Mittel zur Anstellung eines Seelsorgers nicht ausreichten und auch der Kantor fehlte, hatte die Gemeinde niemand zur Abhaltung des Kriegsgottesdienstes. Da nahm sich der evangelische Pfarrer der Verlassenen au. Am Sabbat, als die Gemeinde zahlreich versammelt war, betritt er plötzlich die Kanzel ihres Gotteshauses. Mit eindringlichen Worten, entlehnt aus den Propheten des alten Bundes und der Psalmen, kündet er den Zuhörern die ernste Zeit und senkt Trost und Hoffnung ni die Herzen der Gemeinde. Heber russische Verhältnisse liegen folgende Meldungen und Artikel vor: Prag, 21. September. Das „Prager Tageblatt" erfährt: Verläßliche Nachrichten ans Galizien stimmen darin überein, daß d i e R>n s s e n ü be r a l l in G a l i zi eu , wo sie Ortschaften besetzen, mit s y st emati s ch e r B r n t a l i t ä t gegen die jüdischen E i n - wohner Vorgehen, die rnthenische Bauernbevölkerung gegen die Inden anshetzen und jüdisches Eigentum sowie das Eigentum der zumeist geflüchteten polnischen Gutsbesitzer ruthenischeu Bauern überantworten. Die von Russen an jüdischen Einwohnern verübten Gewalttaten nehmen immer größeren Umsang an, wodurch der Ausruf des Zaren „An meine lieben Juden" eine sehr merkwürdige Beleuchtung erhalte. * 14. September 1914. Der Z a r und seine „lieben Juden". Wie großherzig der Zar zu seinen „lieben Juden" ist, beweist folgender neue Utas: Die jüdischen Studenten, die jetzt über Finnland nach ihrem Heimatland kommen, dürfen sich ganze sieben Tage in Petersburg aufhalten. Wie man mit Juden umgeht, beweist auch die Tatsache, daß eine Anzahl jüdischer Aerzte sich in der „Rjetsch" bitter beklagt, nicht im russischen Roten Kreuz ausgenommen zu werden. Die Wohltaten des Zaren gehen so weit, daß er den Frauen der einrückenden jüdischen Reservisten und Soldaten erlaubt hat, bis zur Rückkehr ihres Mannes im Innern Rußlands zu bleiben, wo die Juden kein Wohnrecht haben. Während des russisch-japanischen Krieges wurden (wie die „Frankfurter Zeitung" erinnert) die Frauen der jüdischen Soldaten ans dem Innern Rußlands ausgewiesen, da das Wohnrecht nur für den Mann besteht. Ist das nicht ein großer Akt der Gnade? Aus der Verordnung ist aber ersichtlich, daß die Frau nicht mehr außerhalb des Ansiodlungsrayons wohnen darf, wenn ihr Mann ans dem Schlachtfeld fällt. Das sind die Reformen des gütigen Zaren für seine „lieben Juden". * Viktor H a h n veröffentlicht in der „National-Zeituug" vom 22. September folgenden zeitgemäßen Artikel: „Im Lande der Knechtschüft." In ihren Synagogen und Bethäusern versammeln sich seit gestern auf der ganzen Welt, im Okzident und im Orient, die jüdischen Gemeinden. Sie feiern ihr Neujahrsfest. Da steigen wieder die alten, vielhundertjährigen Gebete, jene wundervollen hebräischen Melodien, die voll unbekannten Dichtern gedichtet sind, die so bescheiden sich verborgen haben hinter ihren: Werk. Nur ihre Gesänge sind unsterblich; sie selbst sind dahingegallgen, „als wären sie nie gewesen"; die einen oder anderen von ihnen haben vielleicht in römischer: Zirkusspielen oder auf den: Scheiterhaufen der spanischen Inquisition geelldigt. Sie aber beteten dennoch: „Allgütiger! Deine Liebe ist ohne Ende! Allerbarmer! Dein Erbarmen höret rächt aus! Immer hoffen wir auf dich!" Sie haben immer auf ihn gehofft, auch wenn sie verhöhnt und bespien, bedrückt und verfolgt wurden. Und hatten recht. Wie einst Moses sie heraussührte aus dem Lande der Knechtschaft in das Land der Verheißung, so haben sie nach mehr als tausendjähriger Bedrängnis endlich auch