Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 40 (2.10.1914)
- Date
- 1914-10-02
- Page
- Seite 472 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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—- 472 - den Weg in die helleren Tage der Glauberlsfreiheit gefunden. Sie sind gleichberechtigte Bürger in den Staaten geworden, in denen sie wohnen. Und sie fühlen sich auch als echte Bürger ihrer Staaten, als echte Söhne der Völker, deren Sprache sie sprechen, deren Gesetze sie schützen, deren Meister sie lehren und deren Dichter sie erheben, überall: in Deutschland, in Oesterreich und in Ungarn, in Frankreich und in England, in Italien und in der Türkei, in den Vereinigten Staaten und in anderen Kulturgemeinden der Alten uud der Neuen Welt. Hier und dort vielleicht noch eine soziale Zurücksetzung, die schwer genug in Tagen des Friedens einpfmrden worden ist, die aber doch das Band engster Zusammengehörigkeit nicht zu zerreißen, -die echte, heiße und unerschütterliche Liebe zur Scholle der Heimat nicht erkalten zu lassen vermag. Man hat es in diesen Tagen gesehen. Nicht rühmend soll darüber gesprochen werden. Selbstverständliche Pflichterfüllung, nichts weiter. (Schon kann sich mancher jüdische Kämpfer des Eisernen Kreuzes freuen.) Und in allen Tempeln Deutschlands und Frankreichs, Oesterreich-Ungarns und Englands wird heute das inbrünstige Gebet emporsteigen, das Vaterland zu retten aus Not und Gefahr. Denn die Juden Deutschlands sind Deutsche, und die Juden Frankreichs sind Franzosen, die Inden Oesterreichs sind Oesterreicher, und die Juden Englands sind Engländer. Sie haben ein Vaterland, sie lieben es und haben auch Ursache, es zu lieben. Und überall werden sie am Neujahrsfeste zum Himmel flehen: „Segne das Vaterland, daß Gerechtigkeit und Treue, Friede und Wohlfahrt in ihm walten und alle seine Kinder einen und beglücken mögen! Segne unsere Vaterstadt, gib ihr Blüte und Gedeihen! — Und segne vor allem bte Waffen unserer heldenmütigen Streiter im Felde, > die heute mit ihrem Herzblut die Grenzen ihrer angebeteten Heimat verteidigen!" Nur in den Synagogen und Bethäusern der russischen Juden werden heute solche Gebete nicht hinansteigen. Und dort, wo sie, vielleicht aus Angst vor Spähern und Schergen, doch von bebenden Lippen gestammelt werden sollten, werden die Herzen nichts von ihnen wissen. Wohl wohnen auch anderwärts die jüdischen Mitbürger noch nicht im Lande der Verheißung. Sie müssen mitunter zu dem bitteren Gefühle sich bekennen, vorläufig erst im Lande der Versprechung, keineswegs aber schon im Lande der Erfüllung zu leben, wenn diese vielleicht nach der letzten großen und schweren Prüfung, die die ganze Welt heimgesucht hat, näher sein mag als seit langem vorher. Aber, wie gesagt, im Lande der Knechtschaft leben sie längst nicht mehr. Dieses ungeheure Schicksal ist ausschließlich den Juden des russischen Reiches beschieden, den „lieben Juden des Zaren", wie sie der Selbstherrscher aller Reußen in jenem grotesken Manifest genannt hat, das in seiner blutigen und! unfreiwilligen Komik so gräßliche Heiterkeit selbst in dieser todestranrigen Zeit allsgelöst hat. In diesen Tagen der Sorge (denn selbst auf den: deutschen Volk, das so beispielloser Erfolge seiner ruhmreichen Waffen sich erfreuen und fest Ulrd stark an den endlichen Sieg über alle Feinde glauben darf, lastet die Sorge bang lmd tränenschwer genug), in diesen Tagen der Sorge lachte die Menschheit auf. Kein Possenreißer hat je das Zwerchfell fürchterlicher erschüttert als dieser Zar. Momus und die Trüllell. Jll Rußland leben nahezu sechs Millionen entrechteter Geschöpfe, schliilliner, gequälter ulld bedrückter als ihre Vorfahren, die den Aeghptern die Pyramiden ballen mußten; und kein Moses, der sie herausführen würde aus i>cnt Lande der Knechtschaft. Seit hundert Jahren bedeutet ihr Dasein eine Kulturschande für die ganze Welt. Nirgends freilich schien mall über diese Schande sich mehr zu entrüsten lllld Zll erröten als in dem Lande des Kaiserinmachers Benjamin Disraeli. Aber wer spricht in den Tagen Greys noch von Disraeli? Vor vierllndfüilfzig Jahren hat man in Paris die Alliance Jsraelite Universelle gegründet, in Abscheu und aus Mitgefühl vor den entsetzlichen Leiden, denen die Juden Rußlands ausgesetzt sind. In London bildete sich die Anglo-Jewish Association zum gleichen Zweck. Das hat die Pariser Bankwelt nicht davon äbgehalten, Milliarden auf Milliarden in den unersättlichen und abgrundtiefen Schlund des Kolosses zu werfen, der nun das törichte Land der Franzosen verschlingt. Und das Vaterland der beiden Pitt und Gladstones, das Land, dein die gütige Großlnntter unseres neuen Siegerkaisers das goldene viktorianische Zeitalter geschenkt hat, rüstet für Rußlands unantastbare Herrlichkeit seine Jnvincibles aus! Auf daß keine Perle falle aus der Krone des weißen Zaren! Und in der Eity klatscht man Beifall; und in Frankreich sehen sich Institute vom Range der Soziätä Gönorale an den Abgrund des Bankerotts geschleudert für das zarische Barbarentum! Man wird dort einmal die Hände über den Kopf zusammenschlagen bei der Erinnerung an die Verrücktheit, die, wie eine pestilenzartige Epidemie, ganze Länder in ein einziges großes Irrenhaus verwandeln konnte. Sechs Millionen entrechtete, seit Generationen zur Sklaverei verdammte Juden werden heute in ihren Tempeln das Auge zum Gott ihrer Väter mit der einzigen Bitte erheben, er möge sie endlich aus dein Joche unerträglicher Knechtschaft in jenem Lande des Fluches befreien. Sie haben eine Lunge und dürfen nicht atmen; sie haben eine Seele und dürfen nicht denken; sie haben einen Mund und dürfen nicht sprechen; sie haben Hände und dürfen nicht einmal arbeiten. Jedermann darf in Rußland nach eigenem Gutdünken Handel und Gewerbe treiben; der Jude nicht. Er genießt weder Freizügigkeit noch Gewerbefreiheit. Nur ein Religions- Wechsel befreit ihn von den Beschränkungen der Judengesetze. Der Gewerbebetrieb ist ihm nur innerhalb eines bestimmten Teiles des rufstschen Staatsgebietes, des sogenannten „Judengebietes", gestattet. Außerhalb des Gouvernements des „Judengebietes" dürfen Juden „in der Regel" (die Regel wird von der Bestechlichkeit der Schergen bestimmt) Handel und Gewerbe nicht treiben. Jeder Tag bedroht mit neuen Ausnahmebestimmungen die russischen Juden; ein Erbe aus den Tagen Pobjedonoszews, des finsteren Oberprokureurs des Heiligen Synods, der in seinen Mußestunden Thomas a Kempis „Nachfolge Christi" in das Russische übersetzt hat, und der der Bluthund und Torquemada des dritten Alexander war. Kein jüdischer Handwerker darf in das Gouvernement Mosfttu übersiedeln. Selbst diejenigen unter ihnen, die auf Grund eines früheren Rechtes in diesem Gouvernement ansässig waren, wurden zwangsweise in das „Judengebiet" zurückbefördert. Mußten wandern wie Ahasver. So sind die Zaren mit ihren „lieben Juden" umgegangen. Eine Blutspur bezeichnet den Weg, den diese Würger geschritten sind. In den Ghettos von Russisch-Polen schleppen fast anderthalb Millionen Juden ihr armseliges, freudloses und dunkles Dasein hin. Nun naht mit den Armeen Hindenburgs und Ausfenbergs vielleicht doch die Stunde der Befreiung; naht ungeachtet der augenblicklichen Erfolge, die in Galizien vorübergehend russische Uebermacht erzielt hat. Geduld! Die Russen werden aus Galizien ebenso hinausgeworfen werden, wie sie aus Ostpreußen hinausgeworfen worden sind; und dann wird das große Säuberungswerk, die Befreiung Russisch-Polens, dieser Mitgeburt des Wiener Kongresses, von der zarischen Willkürherrschaft durch die Verbündeten Truppen beginnen. Denn dieses Rußland ist noch immer das Rußland des armen Iwan Possoschkow geblieben, der verzweifelt in der Peter- Pauls-Festung starb; das Rußland Tolstois, dessen Schriften auf dem Index des Heiligen Synods stehen; das Rußland Gorkis, der sein Vaterland fliehen mußte, weil er Mitleid fühlt mit den Verfolgten. Briten und Franzosen sind anderer Ansicht; sie lieben das prachtvolle Land. Diese Liebe wird freilich dem Zarismus wenig nützen. Sieben Millionen katholische Polen und anderthalb Millionen jüdische Polen werden nach hundertjähriger Knechtschaft erlöst ansatmen, zum erstenmal freie aufrechte Menschen, wie ihre Brüder auf der ganzen Erde. Und wenn wieder ein Neujahrsmorgen jenen Juden aufdämmern wird, die dann nicht mehr Juden Rußlands sein dürsten, werden auch sie in dem Morgengebet ihres hohen Festtages mit freudigem Herzen sprechen können: „Ja, Beistand bist du gewesen unseren Vätern von jeher. Du bist uns heute noch Schild und Retter .... Du hast unsere Väter aus Aegypten befreit und durch das Schilsmeer sie geführt . . . . Dank und Lob dir, dem Hocherhabenen, der die Hochmütigen stürzet und die Gebeugten aufrichtet, die Gefesselten befreiet und die Bedrängten errettet!" Getrost! Pharao war nicht der letzte gottverlassene Autokrat, der im Schilfmeer untergegangen ist. # In New Uork wurde am 31. August eine Sitzung des American Jewish Committee abgehalten und in betreff „Juden und Krieg" folgendes beraten und beschlossen: Dem jüdischen Waisenhause in Sofia (Bulgarien) werden 2500 Dollar gewährt. Aus Grund eines Berichtes von H. Morgenthau, des amerikanischen Gesandten in Konstantinopel, der mitteilte, daß viele blühende Kolonien in Jerusalem durch das Ausbleiben der europäischen Spenden in Gefahr seien, und daß 50 000 Dollar zur Unterstützung notwendig