Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 40 (2.10.1914)
- Date
- 1914-10-02
- Page
- Seite 470 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3229123-3229164--70757-3283121- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
470 Tugend hat der Krieg geweckt, die es im Frieden nicht mehr gab: die Kunst, warten zu können, sich in großen und kleinen Dingen zu gedulden. Heute fahren wenige und langsame Bahnzüge. Wir nehmen's mit Vernunft und finden überall noch etwas Gutes dabei. Das sind nun dieselben Menschen, die sich früher in Lebensgefahr brachten, um Minuten zu sparen. Wir lernen auch warten und ertragen trotz der dauernden Ungewißheit über das Schicksal unserer Lieben. Es ist das keine Abgestumpftheit, wenn Eltern, Gattinnen und Geschwister ruhig harren und der spärlich fließenden Arbeit nachgehen, während draußen die Schlachten täglich Tausende bleich machen; das ist Seelenfrieden in unserer Herzenshütte. Nach außen hin offenbart sich unsere bessere Gesinnung und Geartung in einem sonst bekämpften Willen zur Unterordnung, medizinisch aber und ganz kurz gesagt, befreit uns dieser Krieg von der grausamsten Krankheit der Zeit: von der Nervosität. Nun wäre es aber auch gut, würden wir vom Pessimismus frei werden. Denn noch gibt es nicht wenige Leute, die an den Fortbestand dieser hohen, heiligen Zeit nicht glauben, sobald der Krieg vorüber ist, und immer betonen: Es wird alles wieder werden, wie es war! Wir bekommen die alten Gegensätze der Rassen und Klassen, die Feindschaften und Kränkungen, die Zurücksetzungen werden wieder erwachen! Ja, diese Zweifler finden schon in der Gegenwart die Anzeichen für ihre Befürchtung, einen feindlichen Ton in -der schön schwingenden Harmonie. Wir hören ihn auch, wollen ihn aber nicht beachten. Gewiß mögen hie und da untergeordnete Organe sich fairer rrnd widerwillig der allgemeinen Versöhnung anbequemen. Aber eines gelingt ihnen nimmermehr: den Bau der Friedenshütte vermögen sie nicht zu zerstören! Auch der Krieg hat sein Gutes, und dieser Krieg mehr als alle gewesenen. Denn er hat uns inneren Frieden gebracht und verbürgt uns den äußeren. Wenn wir also diesmal am Sukkothfeste in die Hütte gehen, kommen wir mit unseren Gedanken auf gute Bahn. Das Leben in der Gefahr hat uns Israeliten nie dauernd geschadet. „Ich habe euch in Hütten wohnen lassen?) Ihr s ollt in Hütten wohnen""), sagt die Schrift. Der Aufenthalt in der Hütte, das Verweilen in den Niederungen des Glückes ist Israel vortrefflich bekommen, besser als sein Prunken in Palästen. Tie vierzig Wüsten- und Hüttenjahre waren immerhin noch unsere beste Zeit. . So möge mit dem gesamten Deutschland auch Israel das Leben der Einigkeit! und Ehrlichkeit, Bescheidenheit, Schlichtheit und Brüderlichkeit; lieb behalten und die im Kriege gewonnenen hohen Güter für! den Frieden wahren, damit wir immerdar würdigen und von! Herzen beten das alte Festmotto: „Breite über uns aus die; Hütte deines Friedens!" Die Woche. Berlin, den 29. September 1914. | Eine große entscheidende Nachricht von den Kriegsschau- , Plätzen liegt nicht vor. Seit Wochen stehen sich die Heere in Frankreich in furchtbarem Ringen gegenüber. Die Stellungen sind vielfach geändert worden. Manche Positionen wurden aus strategischen Gründen von den Deutschen geräumt, z. B. R e i m s. Diese Stadt ist von den Franzosen wieder besetzt. Sie waren es, die von der ehrwürdigen Kathedrale aus Geschütze auf die Deutschen richteten; wenn bei den Gegenangriffen der Deutschen das wunderbare Bauwerk beschädigt oder gar zerstört wird, so tragen die Feinde, nicht wir, die Schuld. '') Levllicus 23, 43. ") Leviucus 23, 42. Einzelne Kriegsnachrichten mögen hier folgen: G r o ß e s H a u p t q u a r t i e r , 19. September, abends. Die Lage im Westen ist im allgemeinen unvierändert. Auf der ganzen Schlachitfront ist das englisch-französische Heer in die Verteidigung gedrängt. Der Angriff gegen die starken, zum Teil in mehreren Linien hintereinander befestigten Stellungen kann nur langsam vorwärts gehen. — Die Durchführung des Angriffs gegen die Sperrfortslinie südlich Verdun ist vorbereitet. — Im Elsaß stehen unsere Truppen längs der Grenze den französischen Kräften dicht gegenüber. Im Osten ist am 17. September die vierte finnländische Schützenbrigade bei Augustow geschlagen. Beim Vorgehen gegen Ossowiez wurden Grajewo und Szczuczyn nach kurzem Kamps genommen. Großes Hauptquartier, 21. September. Bei den Kämpfen um Reims wurden die sestungsartigen Höhen von Craonelle erobert und im Vorgehen gegen das brennende Reims der Ort Betheny genommen. Der Angriff gegen die Sperrsortslinie südlich Verdun überschritt siegreich den Ostrand der vorgelagerten, vom französischen 3. Armeekorps verteidigten Cote Lorraine. Ein Ausfall aus der Nordostfront von Verdun wurde zurückgewiesen. - Nördlich To ul wurden französische Truppen im Biwak durch Artilleriefeuer überrascht. Im übrigen fanden heute auf deur französischen Kriegsschauplatz kein>e größeren Kämpfe statt. — In Belgien und im Osten ist die Lage unverändert. Großes H a u p t q u a r t i e r , 23. September, abends. Auf deur rechten Flügel des deutschen Westheeres jenseits der Oise steht der Kampf. Umsassungsversuche der Franzosen haben keinerlei Erfolg gehabt. Ostwärts bis an den Argonnenwald fanden heute keine größeren Kämpfe statt. — Oestlich der Argonnen ist V a - r e n n e s im Lause des Tages genommen, der Angriff schreitet weiter fort. Die gegen die Sperrsorts südlich Verdun angreifenden Armeeteile haben heftige, aus Verdun, über die Maas und aus Toul erfolgte Gegenangriffe siegreich abgeschlagen. Gefangene, Maschinengewehre und Geschütze erbeutet. Das Feuer der schweren Artillerie gegen die Sperrforts Troyon, Les Paroches, Camp des Romains und Lionville ist mit sichtbarem Erfolge eröffnet worden. — In Französisch-Lothriugen und an der elsässischen Grenze wurden die französischen Vortruppen an einzelnen Stellen zurückgedrängt. — Eine wirkliche Entscheidung ist noch nirgends gefallen. — Aus Belgien und aus dem Osten ist nichts Neues zu melden. * Zu wirklichen Seeschlachten ist es noch nicht gekommen, deutsche Kriegsschiffe haben überall sich tapfer erwiesen; ein wunderbares Heldenstück hat ein Unterseeboot geleistet. Darüber wird berichtet: B e r l i n , 23. September. „U 9" hat am Morgen des 22. September etwa 20 Seemeilen nordwestlich von Hoek van Holland die drei englischen Panzerkreuzer „Aboukir", „Hogue" und „Crefsy" zum Sinken gebracht. Der stellvertretende Chef des Admiralstabes. B e h n ck e. Das Unterseeboot ist wohlbehalten nach Wilhelmshaven zurückgekehrt. * G roßes Hauptquartier, 25. September, abends. Der Fortgang der Operationen hat auf unserem äußersten rechten Flügel zu neuen Kämpfen geführt, in denen eine Entscheidung bisher nicht gefallen ist. In der Mitte der Schlachtfront ist heute, abgesehen von einzelnen Vorstößen beider Parteien, nichts geschehen. — Als erstes der Sperrsorts südlich Verdun ist heute Camp des Romains bei St. Mihiel gefallen. Das baherische Regiment von der Tann hat auf dem Fort die deutsche Fahne gehißt, und unsere Truppen haben dort die Maas überschritten. - Im übrigen weder im Westen noch im Osten irgendwelche Veränderungen. Großes Hauptquartier, 26. September, abends. Der Feind hat unter Ausnutzung seiner Eisenbahnen einen weit ausholenden Vorstoß gegen die äußerste rechte Flanke des deutschen Heeres eingeleitet. Eine hierbei auf Bapaume vorgehende französische Division ist von schwächeren deutschen Kräften zurückgeworfen worden;