Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 12 (20.3.1914)
- Date
- 1914-03-20
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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2 Es ist beabsichtigt, bas Netz der Arbeitsnachweise auf ganz Oesterreich-Ungarn und die Balkanländer auszudehnen, wodurch viele ungeeignete und dem Kulturniveau unserer Hauptstadt nicht entsprechende Bewerber vor voreiliger Uebersiedlung und damit vor Not und Elend und Enttäuschung bewahrt werden. Die Geschäfte der Abteilung Schreibstube, die sich als Vermittlerin von Aushilfsarbeiten wiederum auf das glänzendste bewährt hat, waren nicht ungünstig. Eine größere Anzahl beschäftigungsloser Personen wurde zur Ausführung von 631 Aufträgen herangezogen und damit bei sofortiger Auszahlung der Löhne, insgesamt 3800 Mark, einem Verdienste zugeführt, der den einzelnen ost Hilfe in bedrängter Lage brachte. In der Ausführung seiner stetig wachsenden Zwecke haben eine große Anzahl von Gönnern den Verein durch Subventionen und Spenden unterstützt. Tie jüdische Gemeinde stellte eine Summe von 3000 Mark zur Verfügung, wofür als Gegenleistung für die Unterbringung der von der Stiftungs-, Armennnd Fürsorgekonnnisfion zugewiesenen Bewerber Sorge getragen wurde und so an der Entlastung der Etats dieser Gemeindeeinrichtnngen mitgearbeitet wurde. Bedeutsame Beiträge leisteten außer der langjährigen Gönnerin, Frau Franziska Ginsb o r g, welche die Adolf-Ginsberg-Stiftung durch eine Spende von 1000 Mark vergrößerte, auch die vier Berliner Logen u. O. B. B., die Großloge für Deutschland und die Alliance Jsrcwlite Universelle. Hierauf erstattete der Schatzmeister des Vereins, Herr Emil Eohn den Kassenbericht, der mit einem Defizit von 72 7 Mark abschließt. Auf Antrag der Revisoren erfolgte einstimmig die Entlastung und der Dank der Versammlung an den Schatzmeister für seine Mühewaltung. Zum Schluß wurde der bisherige Vorstand durch Zuruf wiedergewählt. Der segensreich wirkende Verein verdient es, daß ihm seitens der Arbeitgeber unter unseren Glaubensgenossen die weitgehendste Förderung zuteil werde. E. S. Berlin, 17. März. Im Verein für jüdische Geschichte und Literatur sprach am 5. d. M. Rabbiner Dr. Werner aus München über: Akiba Eger. Er war geboren 1761 zu Eisenstadt l Ungarn), einer noch heute durch Pflege jüdischer Wissenschaft bekannten Stadt. Generationen hindurch war das Talmudstudium bei den Vorfahren Akiba Egers üblich. Frühzeitig kam dieser in die Jeschiba nach Breslau. Achtzehnjährig ehelichte er die Tochter eines sehr wohlhabenden Mannes aus Lissa. Bei den früher wegen ihrer Geldgier so verschrienen reichen Juden war es Brauch, die Tochter nicht an einen reichen oder vornehmen Mann, sondern an einen mittellosen Talmudgelehrten zu verheiraten, damit er von Sorgen ungedrückt sich dem Studium des Talmud hingebe. Dieses Riesenwerk war jahrhundertelang nicht nur der Niederschlag der religösen Lehre, sondern auch des Rechts, der Heilkunde usw. für die Judenheit, und die hingebende Beschäftigung damit hat sie in trüber Zeit aufgerichtet und lebensfrisch erhalten. Lernen, das heißt dem unerschöpflichen Talmudstudinm obliegen, war die stetige Losung von Akiba Eger. Darum sträubte er sich lange zur Annahme eines Nabbinates. Seine erste Verwendung erhielt er in Märkisch-Friedland, dann kam er nach Posen. An 1500 Schüler, später mitunter andere Wege wandelnd, haben zu seinen Füßen gesessen. Weit wurde sein Rat verlangt. Buchstäblich Tag und Nacht betrieb Akiba Eger das Talmudstudium, selbst bei den vielen Besuchen der Armen unö Kranken studierte er während der Pausen in einer handlichen Ailsgabe eines Talmudtraktates. Nicht nur Gegenstand der Seelenfreude, sondern auch großer Schmerzen war dies für ihn geworden. In seiner Ehe, zahlreiche Familie und auch sollst suchten Akiba Eger die Leiden häufig auf. Aber er blieb aufrecht, unermüdlich als Gesetzesforscher, im Wohltun und als Richter bei Streitigkeiten unter Glaubensgenossen (denn unter sich hatten bic Inden damals ihre eigene, auf dem rabbinischen Schrifttllm beruhende Gerichtsbarkeit). Sein weiser Rat wurde auch oft von Ehristen in Anspruch genommen. Dieser Mann, von seltener sittlicher Reinheit, erfreute sich allch bei den Behörden seltener Hochachtllng. Der wunderbare Rabbiner, von der zeitgenössischen Kultur ganz unberührt, sogar des Hochdeutschen und Polnischen llicht mächtig, übte einen dem heutigen Geschlecht fast unverständlichen Einfluß in der östlichen Judenheit aus. Ehemalige Schüler, selbst wenn ganz anders gerichtet, haben auch als Greise mit leuchtenden Augen des seltenen Lehrers in dankbarer Verehrung gedacht. Noch auf dem Sterbebett beschäftigte den Unermüdlichen ein Talmudtraltat. Akiba Eger wollte nichts als ein Talmudjude sein, und hat in dieser Eigenschaft eine seltene sittliche Höhe erreicht, welche diejenigen, die in Bosheit und Unwissenheit den Talmud schmähen, zu begreifen unfähig sind. Redner verstand es ausgezeichnet, in seiner temperamentvollen anschaulichen Weise das Bild eines Mannes zu geben, der für uns trotz des Abstandes der modernen Kultur doch noch ein leuchtendes Vorbild sittlichen Ringens und sittlicher Größe sein kann. — Alls den auswärtigen Literaturveremen: In Bayreuth sprach Prof. Dr. Goldstein- Darmstadt über den „Anteil der Juden an der deutschen Kultur"; in Oppeln (im Allg. Deutsch. Sprachverein) Rabbiner Dr. Goldmann über die deutsche Mundart der Juden des Ostens"; in Nürnberg .Professor Dr. Ludwig Stein-Berlin: „Monismus und Judentum"; in Stuttgart (Berthold-Auerbach-Verein) Kirchenrat Dr. Krön er „Ein Sieg der Wahrheit"; in Memel Militäroberpsarrer Poertner aus Alleinstein über „Palästina als Heimat 1 des israelitischen Volkes"; derselbe in Danzig über „Die biblische Josephs- und Mosesgeschichte im Lichte der neuzeitlichen äghptologischen Forschung"; in Offenbach a. M. und Wiesbaden Hauptkantvr Magnus D a v i d s o h n-Berlin über „Die Melodien und Gesänge des jüdischen Gottesdienstes"; der selbe in Nordhansen über „Tie Geschichte der Synagogenmusik"; in Köslin Prediger Kahn: „Jüdische Kunst" (mit Lichtbildern); Frau Prediger Kahn: „Poetische Uebertragungen der Bibel" (Rezitationen). 22 Berlin, 17. Mürz. Das Iüdis ch ev M n dchenstist, Lothringer Straße 16, bietet nach seinem eben erschienen 24. Jahresbericht unbemittelten jüdischen Mädchen in einem eigenen Heim vollständig unentgeltlich Unterhalt und hauswirtschaftliche Ausbildung zur Vorbereitung für den Dienstbotenberus. Für die Bewahrung der Mädchen im Dienst — diesen: Beruf sind im letzten Jahre wieder 5, insgesamt 135 Zöglinge zu geführt worden -- spricht die Tatsache, daß die Dienstprämie von 40 Mark für mehrjährige treue Pflichterfüllung bei derselben Herrschaft bereits 26 mal hat verteilt werden können. Selbst bei der Beschränkung ans den gegenwärtigen Bestand von 16 Zöglingen bedarf das Stift dringend größerer Einnahmen, besonders an Jahresbeiträgen. Vorsitzende sind Professor Dr. Strelitz und Frau Julie Neumann. Tie Generalversammlung, zu welcher auch Gäste willkommen sind, findet Sonnabend, den 21. d. M., 6K Uhr, Potsdamer Straße 121E statt. S2 Elbing, 13. März. Am 8. d. M. beging der hiesige Krankenpflege- und Beerdigungsverein, die Chewra Kadischa, sein hundertjähriges Bestehen. Die Feier, zu der Vertreter aus den Gemeinden Königsberg, Danzig, Marienburg, Christburg und der frühere Rabbiner in Elbing, jetziger Landesrabbiner Dr. Silberstein in Schwerin, erschienen, begann mit einem Festgottesdienst. Den Höhepllnft bildete die Festpredigt des hiesigen Rabbiners Tr. An erb ach, die auf die unübersehbare Zuhörerschaft, unter der sich zahlreiche Andersgläubige befanden, einen tiefen Eindruck rnachte. Auf allgemeinen Wunsch wird die nach Form und Inhalt vollendete Predigt dem Truck übergeben. Der Shnagogenchor, der sich nur aus Genreindemitgliedern zusammenseht, wurde von Herrn Seminaroberlehrer Greiser musterhaft geleitet. Dem Festgottesdienst schloß sich abends 7 lA Uhr ein Festessen an, an dem fast die gesamte Gemeinde und Gäste teilnahmen. Der Vorsitzende des Vereins, Herr M e y e r s o h n, begrüßte die Anwesenden, Herr Kommerzienrat Löwen st ein hielt den Kaisertoast, Frau Reim a n n überbrachte die Grüße des hiesigen Israelitischen Frauenvereins, Rabbiner Dr. P e r l e s - Königsberg die von der dortigen Chewra Kadischa unb überreichte dem Brnderverein einen kostbaren silbernen Pokal; Herr Justizrat Dr. Steinhardt sprach im Namen der Danziger Gemeinde und ihrer Chewra Kadischa. Der Vorsitzende unseres Vereins übergab Herrn Kommerzienrat L ö - wen stein, dem ersten hochgeschätzten Vorsteher der hiesigen Gemeinde, das Diplom des Ehrenmitgliedes der Chewra Kadischa, Rabbiner Dr. A n e v b ci ch gab einen Ueberblick über die Geschichte der Gemeinde und des Vereins in den letzten 100 Jahren, Herr Landesrabbiner Dr. Silber stein gab seiner Freude über die außerordentlich günstige Entwicklung der Gemeinde Ausdruck, und Herr Rechtsanwalt Lewinsohn toastete auf den früheren und jetzigen Rabbiner als Erzieher der Jugend. Eine Reihe wohlgelungener Lichtbilder, welche die früheren und den jetzigen Vor-