Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 9 (27.2.1914)
- Date
- 1914-02-27
- Page
- Seite 107 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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WWW MWMWWWMDNMWWWWMMWWW 107 tätigkeit zu; seine schlichte, aber herzliche und eindringliche Art der Rede und seine Überalls große Milde lind Güte gewannen ihm bald aller Herzen. Er war die Verkörperung des Hillelschen Wortes: „Sei von den Schülern Arons, liebe den Frieden und gehe ihm nach, liebe die Menschen lind führe sie sanft zur Lehre hin". Auch seine religiöse.Parteistellung war so beschaffen; sie kannte keine Schroffheit und kein Extrem. Er war ein aufgeklärter Geist und sich seiner Aufgabe, als liberaler Theologe in einer liberalen Gemeinde und in einem modernen Gotteshause zu wirken, wohl bewußt. Aber jeder Fanatismus nach links und nach rechts war ihm zuwider. In der religiösen Praxis hielt er sich darurq gern von allen Extremen fern und vertrat als eine der sympathischsten und liebenswürdigsten Gestalten die gute alte Zeit der Breslauer- Schule. Eigenartig war das Verhältnis seiner eigenen Schüler zu ihm. Alle liebten und verehrten ihn, selbst diejenigen, die seine Güte und Milde für ihre Schwächen ausnutzten; die Verständigen aber hatten einen seinen Sinn dafür, daß ein Mann von Wissen und Charakter vor ihnen stand, und wurden von früh aus seine treuen und anhänglichen Freunde. Einer dieser treuesten und anhänglichsten war der unvergeßliche Max Loeb in Mainz, der dem teuren Lehrer beim Abschied aus dem Amte noch in seiner gewohnten begeisterten und begeisternden Weise Worte des Dankes und der Verehrung darbrachte. Auch ich rühme mich voll freudigen Stolzes des Wormser Ehrenrabbiners als meines Lehrers und Gönners, dem ich unverlöschliche Dankbarkeit bewahre. Als Dr. Stein vor vier Jahren mit Rücksicht auf seinen Gesundheitszustand sein Amt niederlegte, zeigte es sich, wie fest feine Gemeinde mit ihm verwachsen war; es war ein Abschied wie von einem Vater.- Auch die Behörden, bei denen er höchstes Ansehen genoß, selbst der Großherzog zeichnete ihn in ehrenvollster Weise aus; der letztere verlieh, ihm das Ritterkreuz I. Klasse mit der Krone. In Karlsruhe, der Stadt seiner Jugend, wollte der in Ehren Verabschiedete seinen Lebensabend verbringen und sich der schönen Erinnerung an die einstige Tätigkeit freuen. Seine Familie umgab ihn dort init treuester Fürsorge. Ganz besonders beglückte es ihn, daß zwei seiner Schwiegersöhne, Dr. Grünfeld, Augsburg, und Dr. Levi, Krefeld, angesehene und verehrte deutsche Rabbiner sind. Mit regstem Interesse verfolgte er weiter die lebhaften geistigen Bewegungen, die gerade seit den letzten Jahren die deutsche Judenheit erfüllen; mit freudiger Teilnahme empfing er noch am 1. Oktober v. I. die zahlreichen Glückwünsche seiner Verehrer zu seinem 70. Geburtstage. Nun ist er rasch dahingegangen, und noch einmal wurden an seinem Grabe all die Stimmen der Liebe laut, die von dem reichen Segen sprachen, den er in Familie und Gemeinde ausgestreut hatte. Ein Rabbiner der modernen Zeit war Dr. Alexander Stein und doch an Wissen, Gottesfurcht, Charakter, Wirksamkeit vollauf würdig, mit in der ersten Reihe der trefflichen Männer zu stehen, die den Nabbinatssitz der berühmten Gemeinde Worms je geziert haben. Möge sein Name gleich den ihrigen allezeit zum Segen fortbestehen! Max Freudenthal. lklropstrss Wunlch. Von Tadeusz Kouczinski. Uebersetzt von S. H o r o v i tz. n. er König schnellte empor, erblaßte, ließ den Blick über die Zechenden schweifen, als wollte er sie zum letztenmal sehen, aber im selben Moment bezähmte er mit Willensstärke den Schauer, der vom Scheitel bis zur Sohle seinen Körper durchrieselte, und folgte gleichmäßigen festen Schrittes dem Nubier, mit einem heiteren Lächeln auf den Lippen, bis er hinter dem amarantroten Vorhang verschwand. Kleopatra saß auf dem Throne. Zwei maskierte, wie ans Bronze gemeißelte Sklaven standen zu beiden Seiten der Stufen, mit zweischneidigen Schwertern in den Händen. Weder eine einzige Bewegung der Augen, noch des Leibes wies daraus hin, daß dies lebende Menschen sind. Herodes machte eine Reverenz. Die Königin nickte huldvoll mit dem Haupte und wies auf einen in der Nähe stehenden güldenen Sessel, ihn einladend, daß er Platz nehme. Ein langes Schweigen erfüllte das Gemach. Schließlich sprach Kleopatra mit einem rätselhaften Lächeln auf den Lippen: „Herodes! Antonius und ich wissen, was dich zu uns hergeführt hat." Der König schwieg. Er begriff, daß keine Verteidigung, keine Rechtfertigung feine Lage in nichts verbessern, sondern im Gegenteil seinen Untergang beschleunigen könne. „Du bist klug und scharfsinnig", fuhr Kleopatra fort, „uud damit hast du mich für dich eingenommen . . ." Herodes heftete seine Blicke forschend auf sie. Er ging mit dem Blick seinem Schicksal entgegen, und suchte in den Pupillen der Königin eine Antwort. Er erblickte aber nichts. In Klevpatras beiden Augen lächelten zwei Sphinxe, voll Rätsel und dunkel. „Du bist tapfer," erscholl wiederum ihre Stimme, „und das spricht gleichfalls zu deinem Vorteil." „So denkt Antonius und auch ich," fügte sie nach einer Weile mit Nachdruck hinzu. Herodes erbebte unwillkürl ch. Sie hat von ihm, dachte er rasch in seinem Innern, füralles eine Genehmigung erwirkt. . . Er schloß halb die Augen. Er erstarrte beinahe am ganzen Körper, gleichzeitig aber fühlte er sich stark und für jede Gefahr bereit. „Besten Dank, Königin," sagte er mit ruhiger, gleichmäßiger Stimme, „für diese guten Worte. Ich möchte deinen Wünschen zuvorkommen und, noch ehe sie deinen Lippen entsteigen, erfüllen." Kleopatra beugte sich aus dem Throne, mit dem Blick einen Winkel seiner Augen suchend, in welchem Schrecken sich nisten sollte. Ein raubgieriges Lächeln öffnete ihre beiden roten Lippen. „Du weißt also alles," warf sie hinterlistig eine Frage hin. „Ja", entgegnete der König, „ich weiß alles aus Marjamnes Munde. Kleopatra richtete sich empor. Das Lächeln verschwand aus ihren Augen. Sie erriet, daß Herodes selbst auf eine offene, klare und entscheidende Unterredung drängte. „Wie soll ich das verstehen," fragte sie mit gedämpfter Stimme. „So, Königin", sagte Herodes freimütig, „daß meine Frau uns ihren Fehler, offen gesagt ihre Missetat, eingestand." „Eine Missetat gar?" sing Kleopatra aus. Herodes entgegnete mit Nachdruck: „So ist es! Ist es denn keine Missetat, wenn meine Frau ihr Bildnis Antonius schickt und auf diese Weise dieses Wesen, das das einzige Anrecht an Cäsar und damit also auch auf jede Macht in der Welt hat, beleidigt? Ist es denn nicht ungeziemend, wenn sich in der Welt eine zweite Frau findet, die es wagt, sich mit dem vollendeten Gebilde der Götter, wie du es bist, zu vergleichen, und dadurch ihren Zorn heraufbeschwört?" i!