Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-02-27 · Heft 9 (27.2.1914) · p. Seite 106

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 9 (27.2.1914)
Date
1914-02-27
Page
Seite 106 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3229123-3229133--70206-3282539
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

106 bringen sollen. Ich erwarte und ich erhoffe zuversichtlich den Herlungsprozeß; und ich wünsche, daß meine Schilderung imstande sein möchte, diesen Heilungsprvzeß zu beschleunigen". Nicht zu verletzen und nicht weh zu tun, sondern wie der Chirurg, der eine Wunde operiert, hat er das Messer zu führen gesucht. Und auf dem Posten, den er einmal gewählt hat, will er auch weiter ausharren, und die Fahne, die er bisher hochgehalten hat, will er auch weiter schwingen. |&tafttrat Immanuel Landsbrrger. [ Aon M. Schweitzer, G l o g a u. auin haben sich die Tage, in denen in dieser Zeitschrift von dem fünfzigjährigen Vorsteherjubiläum des Stadtrats Herrn Immanuel Landsberger berichtet wurde, zu einem Monat gerundet, und die schmerzliche Pflicht tritt an uns heran, von dein Heimgang des hervorragenden Mannes zu künden. Er war in der letzten Zeit schwächer geworden. Man traf ihn nicht mehr auf seinem regelmäßigen Morgenspaziergang, mehrmals blieb die Stätte, in welcher er zu seinem Gotte betete, leer, und nun ist der Mund, der das Wort so meisterlich beherrschen konnte, auf ewig geschlossen, und die Feder, die er so markig zu führen wußte, für immer seiner Hand entsunken. Immanuel Landsberger ist heimgekehrt zu seinen Ahnen — sie bilden eine lange und vornehme Jichuskette, — heimgekehrt zu seiner Gattin, mit der er mehr als vier Jahrzehnte ein glückliches Leben führte. Leer ist nun das hervorragende Haus am Markte, in dessen unterem Raume er als Fürst im Reiche der Finanzen herrschte, minder und Enkel werden die Freitag-, Festtag- und Sederabende, die sie regelmäßig in seinem Hause feierten, nun schmerzlich vermissen. Sagte doch der Sohn vor kurzem: „Jeder dieser Abende, nicht im Hause der Eltern verbracht, galt als verloren." Sein köstlicher Humor würzte das Mahl, und sobald der Verklärte den Alltagsstaub des geschäftlichen Tuns abgeschüttelt hatte, war er ganz Gatte und Vater. Im Talmud wird erzählt: eine Harfe hing über der Lagerstätte Davids, und wenn der Nordwind über ihre Saiten strich, fingen sie von selbst zu tönen an. Die kalte Hand des Todes hat seine Herzensharfe ergriffen, und ihre Saiten klingen fort. Sie erzählen von seiner umsichtigen Leitung des umfangreichen Gemeindewesens, von seinem organisatorischen Talent, das ihm spielend schwierige Probleme lösen half, von seiner lauteren Gesinnung, die nur dem Wahren, Schönen und Guten zugewandt war, von seinem edlen Herzen, das für die Bedürfnisse derer, die nicht auf den Höhen des Lebens wandeln, großes Verständnis hatte, von seinein empfindungsvollen Gemüt, das mit den Fröhlichen sich freuen, mit den Bedrückten weinen konnte, von dem Wohlwollen seinen Untergebenen gegenüber, das selbst dort, wo er zu tadeln gezwungen war, nicht des väterlichen Elementes bar blieb. All diese Saiten erklingen jetzt, und die bange Frage nP'X 'a n#l 13*7 *]iT ’ö „wen sendenwir und wer wird für uns gehen?" hat ihre Berechtigung. So gestaltete sich denn auch die Trauerfeier in der Synagoge zu einer des Verklärten würdigen. Der große Raum vermochte kaum all die Menschen, die aus nah und fern herbeigoeilt waren, zu fassen. Die ganze Gemeinde, die Spitzen der Behörde, die große Zahl derer, die in irgendwelcher Beziehung zu ihm standen, waren hier vertreten. In einer nach Form und Inhalt gleich meisterhaft angelegten Rede entrollte Herr Rabbiner Dr. Luoas ein Zug um Zug getreues Lebensbild des Heimgegangenen. Der Redner führte aus, daß die Kraft, die von dem Verklärten ausging, so groß war, daß alle in der Gemeinde sich stark durch ihre Größe fühlten. Seine große Begabung hat er in den Dienst zahlreicher Vereinigungen gestellt, auch in den der Stadt, die ihm gerade die schwierigsten Aufgaben übertrug. Deshalb und weil er es verstand, Mensch unter Menschen zu sein, nannten ihn Magistrat und Stadtverordnete in ihrem ihm gewidmeten Nachrufe ihren Freund. Was der Verklärte für seine Gemeinde getan hat, vom Bail des stolzen Gotteshauses an bis zu den kleinsten Maßnahmen, tat er aus Liebe zu seiner Religion, denn er war von frommer Art und hing fest an dem Glauben seiner Väter. Aus dieser Gesinnung heraus erwuchs sein Wohltätigkeitssinn, der ihn nach dem Worte handeln ließ: p und mancher in Glogau verdankt ihm seine bürgerliche Existenz. In der Gemeinde wird die Erinnerung an die markante Persönlichkeit des Verewigten und seine Schöpfungen nie erlöschen. Nach Schluß der Feier in der Synagoge bewegte sich der Zug nach dem Friedhofe. In der Halle widmete zunächst Herr Justizrat Friedmann dem Verklärten Worte des Dankes namens der Gemeinde, pantwa pa«*! bv ban ban rief er aus und schilderte das Wirken ihres langjährigen Leiters, der nicht nur seiner Gemeinde, sondern der jüdischen Gesamtheit entrissen wurde, und der eine Gemeinde geschaffen hat, die der besten zur Seite gestellt werden kann. Herr Kommerzienrat Bauch sprach als Vertreter der Handelskammer, der der Verewigte immer zielbewußt seine schätzbare Kraft gewidmet hat. Noch einmal sprach Herr Rabbiner Dr. Lucas ergreifende Abschiedsworte, dankte auch im Namen der großen jüdischen Verbände, die der Verewigte meist mitbegründet und mit reichen Mitteln unterstützt hat. Mit dem üblichen Gebet schloß die Feier, und das, was sterblich an I. Landsberger war, wurde in seiner Familiengruft beigesetzt. I Lhrenrabbimr Dr. ftkLandrr Stein. | 3M Alter von über 70 Jahren starb in vergangener Woche in Karlsruhe der Träger dieser seltenen Auszeichnung, welche ihm seine Gemeinde W o r m s als Dank für eine segensreiche, mehr als vierzigjährige Tätigkeit beim Ausscheiden aus dem Amte vor vier Jahren verliehen hatte. Aussehenerregende Nachrichten werden in dieser langen Amtsperiode wohl kaum über diesen still und ruhig seine Pflicht erfüllenden Mann in die Oefsentlichkeit gelangt sein. Denn wenn irgend jemand, so hat er sein Lebenlang den Spruch der Väter hochgehalten, daß man die Lehre nicht als Krone zum Prunken und nicht als Scheit zum Graben mißbrauchen solle. Seinem bescheidenen Wesen und seinem vornehmen Charakter lag jede Spur von Eitelkeit und Ruhmsucht fern; wo er auf leeres Prunken und eitles Sich großtun stieß, erweckte ihm solche Beobachtung ein herzliches, fröhliches Lachen. An Geist und Wissen sich in berechtigter Weise hervorzutun, fehlte es ihm freilich nicht. In Grombach in Baden geboren, war er schon im Gymnasium, das er zu Karlsruhe absolvierte, ein trefflicher Schüler und erwarb sich die besondere Zuneigung des Oberrats Altmann, bei dem er sich für das theologiche Studium vorbereitete. Im Breslauer Seminar,daser alsdann bezog, genoßer die allgemeine Gunst seiner Lehrer und Kommilitonen. Frankel, zu dessen Schülern er noch zählte, gestattete dem noch nicht Vierundzwanzigjährigen, noch vor seiner offiziellen Entlassung aus dem Seminar das Rabbinat der ältberühmten Wormser Gemeinde anzunehmen. In einer Seminarpreisarbeit über die Fortbildung der hebräischen Sprache in der Mischna hatte er das Zeugnis von seiner wissenschaftlichen Befähigung abgelegt; ein schweres Augenleiden, das sich frühzeitig einstellte und ihm Schonung gebot, ließ ihn freilich später nicht mehr zu wissenschaftlichen Arbeiten gelangen. Um so eifriger wandte er sich der praktischen Amts-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.