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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1914-01-16 · Heft 3 (16.1.1914) · p. Seite 28

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
78 (1914)
Issue
Heft 3 (16.1.1914)
Date
1914-01-16
Page
Seite 28 (sequence 4)
Language
German
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28 Affäre nachträglich für die Kiewer Advokaten Folgen haben wird. Hat doch die Kiewer Advokatenversammlung gegen die Verfolgung der Petersburger Advokaten eine Protestresolution gefaßt, woraus Boldyrew, der Vorsitzende im Beilisprozeß, schnurstracks die Protokolle einforderte. Wer weiß, was noch kommen wird?! Die Verfolgmlgen richten sich gegen jeden Kritiker nicht nur des (Gerichtsverfahrens, sondern selbst der Gutachten. Die medizinischen Gesellschaften in Charkow und Wologda sind wegen ihrer kritischen Analyse des Sikorskischen Gutachtens, ungeachtet ihrer langjährigen segensreichen Tätigkeit geschlossen worden. Wie weit die Repressalien aber gehen, beweist der Fall Korsch. Korsch ist ein angesehener Professor in Odessa, der seiner politischen Tendenz nach zu den Oktobristen gehört. Dieser seinem ganzen Wesen nach gemäßigte Gelehrte war nun unvorsichtig genug, über das hetzerisch uwvissenschastliche Gutachten des Professors Sikorski ein abfälliges Urteil 31t fällen. Da war der Teufel los. Die gesamte Reaktion schrie Zeter und Mordio unb der Unterrichtsminister Kassa zitierte ihn zu sich. Er ist dann in der betreffenden Besprechung so behandelt worden, daß er voraussichtlich demissionieren dürfte. Daß unter solchen Umständen die Presse endlosen Bestrafungen verfällt, ist selbstverständlich. An die administrativen Geld- und Gefängnisstrafen sollen sich an zahlreichen Orten auch Prozesse anschließen, so daß es noch „Beilisprvzesse" in Hülle und Fülle geben dürfte. Da ist es interessant, zu vernehmen, daß Leibchirurg Prof. Pawlow über die medizinischeil Expertisen ein ganzes Buch heranszngeben beabsichtigt. Trotz aller Repressalien läßt sich doch die Wahrheit nicht vertuschen. * Das „Berl. Tagebt." schreibt: K ö n i g K a r o l über die r u m ä nische o u d e n f r a g e. Bon einer hervorragenden Persönlichkeit der rumänischen Judenschaft erfahre ich, daß einer der Führer der rumänischen Judenbewcqunq eine längere Unterredung mit dem König Karol in Angelegenheit der so brennenden Jndensrage hatte. Der König, so wird mir mitgeteilt, habe die Ansicht ausgesprochen, daß die so oft gerügten Zustände tatsächlich unhaltbar seien. Er sei überzeugt, daß es nötig sei, unbedingten Wandel zu schaffen, insbesondere nachdem eine so große Anzahl jüdischer Soldaten im Sommer im Dienst für König und Vaterland sich gleich den christlichen Rumänen bewährt hat. Als konstitutioneller Monarch sei er jedoch genötigt, llicht anders als im Einklang mit den anderen konstitutionellen Faktoren vorzugehen. Dabei legte er mtd) nahe, daß es sein Wunsch sei, daß das den gesetzgebenden Körperschaften und der Regierung seitens der rumänischen Juden zu überreichende Memorandum, das politische und bürgerliche Gleichberechtigung für die Jllden fordert, noch einige Zeit zurückgehatten werde. * lieber die Lage der Juden in Saloniki wird der „N. I. K." geschrieben: Die griechischen Staatsbeamten und leitenden Behörden machell der hiesigen jüdischen Bevölkerung bei jeder Gelegenheit Komplimente. Diese schmeichelhaften Erklärnulgen können jedoch den Kenller der Verhältnisse liicht darüber hillwegtällschen, daß die griechische Bevölkerung den Juden durchaus feindlich gesinilt ist. Diese Haßgefühle des herrschenden griechischen Elements äußern sich in fortwährenden Zeitnngsangriffen nnd böswilligen Anklagen gegen die Juden. Tie traurige Wirklichkeit steht in seltsamem Kolltrast zu ben Versicherungen der griechischen Regiernngskreise. Einem jüdischen Journalisten alls Saloniki gegenüber hat Herr R e p v i r l i s , der neuernannte Minister des Innern und Generatgouvernellr von Mazedonien, wieder einmal eine „freundliche" Erklärung abgegeben. Der neue Minister sagte: „Saloniki ist eine Stadt voll Bewegung unb regen Lebens. Unter der jetzigen klugen und weitschattenden Leitung wird Saloniki ein blühenderes und bedeutenderes, vielleicht sogar das wichtigste Zentrum des ganzen Orients werden. Da nun die Juden hier das in konlmerzieller Hinsicht am besten organisierte Element bilden, werden sie auch vor alleil auderen Bevölkerungsgruppen an der neuen Gestaltung der Dinge beteiligt sein. Die Juden, denen der Aufschwung Salonikis am Herzen liegt, lverden beträchtlich zur Hebung der Stadt beitragen. Ihre Zusammenarbeit mit den übrigen Nationalitäten wird allmählich einheitliche Interessen und feste Bande schaffen, durch welche die verschiedenen Teile der Bevölkerung einander nähergebracht werden müssen. Außerdem wird die jüdische Bevölkerung dank ihrer intellektuellen und moralischen Gaben sich durch ihre Mitwirkung am öffentlichen Leben eine günstige Stellung schaffen und»sich allmählich zu einer maßgebenden Position aufschwingen. Unter der griechischen Konstitution, die allen Elementen des Landes Gleichberechtigung gewährt, werden sich die Juden bald ihrer Stärke bewußt werdeil. Die griechische Regierung weiß auch sehr gut, daß es durchaus in ihrem eigenen Interesse liegt, wenn sie das jüdische Element zur Mitarbeit heranzieht. Speziell im Hinblick auf Saloniki handelt es sich nicht nur darum, die liberalen Grundsätze der griechischen Konstitution anzuwenden, sondern hier ist es das ureigenste Interesse des Staates, der jüdischen Bevölkerung volle Entwicklungsmöglichkeiten zu geben. Das wären Erklärungen, die ich gern einmal abgeben wollte, und ich bin froh, daß Sie mir durch Ihren Besuch hierzu Gelegenheit gegeben haben." Gegenüber allen diesen schönen Beteuerungen weist man in jüdischen Kreisen Salonikis darauf hin, daß die Juden dieser Stadt unter der griechischen Herrschaft vielfach eine übelwollende Behandlung erfahren, wie sie ihnen zur Zeit des türkischen Regimes niemals zuteil wurde. Aus einem ganz harmlosen Vorgang, der sich am jüngsten jüdischen Neujahrsfeste zutrug, wo jüdische Frauen in der Synagoge sich gegen das grelle Sonnenlicht durch Verhängen der Fenster mit — türkischem Flaggentuch schützten, machte die griechische Gendarmerie Salonikis eine politische Affäre, nahm Verhaftungen in der Synagoge vor, und die gesamte griechische Presse bemächtigte sich des Vorfalls, um gegen die jüdische Bevölkerung in gehässigster Weise herzufallen, ohne von den Behörden, die den ganz unschuldigen Hergang der Sache kannten, in die Schranken gewiesen zu werden. Ein anderes Beispiel: Alls Anlaß des schändlichen Kiewer Ritualmordprozesses wollten die jüdischen Vereine Salonikis eine öffentliche Protestversanlllltnllg einberusen, die Polizeibehörde verbot jedoch die Abhaltung der Versammlung mit der Begründung, es handele sich hierbei um eine politische Denlvnstration gegen eine befreundete auswärtige Macht . . . . Unter solchen Unlständeil ist es nicht zu verlvulldern, wenn die Juden Salonikis aucl) den bestimmtesten offiziellen Erklärungen äußerstes Mißtrauen entgegensetzen lmd ans die künftige Gestaltung ihrer Lage in der Stadt, wo sie seit Jahrhunderten die Majorität der Bevölkerung bitben, mit großer Besorgnis blicken. Sr. Ion Lehmann. vn Lehmann, geboren am 19. September 18(35 in Mainz, \ ist am 4. Dezember 1913 nach kurzer Krankheit in Breslau gestorben. Er war ein eifriger Schriftsteller, Verleger der „Breslauer Zeitung", ein erfolgreicher Dramatiker. Er hatte in Heidelberg studiert, sich als Dichter zunächst unter dem Einfluß Otto Roqnettes entwickelt, einem Einfluß, dem er sich aber bald entzog. Er ging als Dichter seine eigenen Wege nnd konnte manchen schönen Erfolg erringen. Er war der Sohn des jüdischen Gelehrten Meir Marcus Lehmann, in orthodoxem Geiste erzogen nnd gehörte der strenggläubigen Richtung an. Er war in glücklichster Ehe verheiratet! der Ehe sind zwei blühende Kinder entsprossen. Einer Würdigung der „Bossischen Zeitung" entnehmen wir folgendes: „Mitten ans frohem, emsigem Schaffen ist der Achtundvierzigjährige abberufen worden, fern von seinem Berliner Heim hat der Tod ihn hinweggerasft. Dieses gastliche Heim war der Mittelpunkt einer frohen Geselligkeit, von hier gingen aber auch weitverzweigte Fäden künstlerischer und kommerzieller Natur aus. Denn Jon Lehmann wußte in seiner Doppeleigenschaft als Schriftsteller nnd als Verleger den einen wie den anderen Beziehungen gerecht zu werden, und ans diesem wie auf jenem Gebiet war er der vielgesuchte nnd immer bereitgefundene Ratgeber. Und manchen literarischen oder mit dem Zeitungswesen zusammenhängenden kaufmännischen

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