Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 78 (1914)
- Issue
- Heft 3 (16.1.1914)
- Date
- 1914-01-16
- Page
- Seite 27 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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27 verjüngt e r K r n ft i n d e r j n n gen Generativ n ii c ii aufleb e n z u lasse n. Ist das ein Vergehen, eine Lfinde? Wenn es das ist, dann will ich Sünder bleiben Zeit meines Lebens und über das Grab hinaus vor Gott und Menschen! Nur kleine Nationen sperren sich ab vor jedem Luftzüge, t>er zu ihnen von außen hiniiberweht, nur kleine Religionen zittern, wenn ihre Bekenner äußeren Einflüssen da und dort nachgeben. Eine Religion, wie die nnsrige, mit ihren großen Ideen und tiefen Gedanken und schöpferischen Kräften braucht nicht um ihre Existenz zu fürchten, wenn der Jude, der bis seht in irrender Modernität seinem Kinde den Christbaum angezündet hat, h e i m g e k e h r t, am 24. Kislew die Menvra hell leuchten läßt, die Menvra in Form eines Tannenbäumchens mit den acht Armen der Jahrhunderte alten Tradition. Oder sehe ich darin keine Versündigung, »veil mir schon das innere Organ, das Seelenorgan, fehlt zur Einsicht meines Irrtums? Oder vielleicht, weil ich überzeugter bin von der unbesiegbaren Kraft der jüdischen Religionsideen, weil ich religiöser bin als so manche, die zornsprühend über mich herfielen? Fast möchte ich das letztere glauben! Bit Woche. Berlin, den 16. Januar 19.14. er 18. Kartellkonvent des K. E., des auf deutschvaterländischem Boden stehenden jüdischen Stndentenverbandes wurde, wie uns geschrieben wird, vor kurzem in Berlin in den Räumen des „Rheingold" abgehalten. Es war eine reine Arbeitstagung: mit Absicht hatte man es in diesem Jahre vermieden, den K. E.-Tag mit größeren Veranstaltungen zu verbinden. Der glatte und allgemein befriedigende Verlaus bewies, daß man damit den richtigen Weg eingeschlagen hatte; noch nie ist die Tagesordnung so rasch erledigt worden. Die rasche Erledigung ist allerdings auch in erster Linie der äußerst geschickten und sachgemäßen Leitung der Verhandlungen durch den Vertreter der präsidierenden Verbindung Spreevia, Dr. Edmund Werner, Berlin, zu danken, der alle Klippen und jede Ablenkung geschickt ]\\ vermeiden wußte. Der Tätigkeitsbericht des Geschäftsführenden Ausschusses, den dessen Vorsitzender, Dr. Ludwig Holländer, Berlin, erstattete, gab ein erfreuliches Bild von dem raschen Wachstum und der inneren Festigung des Verbandes. Die fortschreitende Entwicklung des Verbandes fand auch dllrch die Aufnahme der Saro-Bavaria in Leipzig und der Fridurgia in Königsberg einen sichtbaren Ausdruck. Beide Verbindungen haben sich in der kurzen Zeit ihres Bestehens vorzüglich entwickelt, so daß die Aufnahme einstimmig erfolgte. Das Expansionsstreben des K. C. kam ferner in Beschlüssen zum Ausdruck, die auf die Gründung einer Verbindung an der neuen Universität in Frankfurt a. M. hinzielten. .Eingehende Verhandlungen betrafen Tendenzfragen. So beschäftigten sich mehrere Anträge mit der Schaffung eines ^Grundrisses für den Fuchsenunterricht, dessen Ausarbeitung einer vom G. A. zu bildenden Kommission übertragen wurde. Lediglich eine Auslegung unserer Tendenz bedeutete der Beschluß, der feststellte, „daß ein K. C.er, der seine minderjährigen Kinder nicht der jüdischen Gemeinschaft erhält, den Grundsätzen des K. E. zuwiderhandelt". Der systematische Ausbau der Organisation des Verbandes war Gegenstand zahlreicher Beschlüsse. Bei allen Beratungen trat in erfreulicher Weise ein großes Vertrauen zu der Verbandsleitung, dem G. A., hervor, dein allsgedehnte Befugnisse bei der Vertretung unserer Tendenz in der Oesfentlichkeit eingerämnt wurden. Auch wurde seiner Entscheidung die endgültige Regelung einer Reihe von Materien anheirngegeben, die zu einer besonderen Beschlußfassung noch nicht reif erschienen. Weitere Anträge betrafen die K. E.-Blätter, deren Leitung allgemeine Anerkennung fand. Auch dem K. E.-Kassenwart, der einen hübschen Aktivbestand aufweisen konnte, wurde der Dank des K. E. allsgesprochen. Anträge über die Sammlung der bisherigen K. E.-Beschlüsse, die Herausgabe des K. E.-Statllts und die Schaffung einer allgemeinen Ehrenratsordnung für den K. C. wurden ohne Debatte angenommen, so daß die anstrengenden Verhandlungen zeitig zu Ende geführt werden konnten. Gesellige Veranstältllngen beschlossen die arbeitsreiche Tagung, die für die Entwicklung des Verbandes sicherlich einen Markstein bilbcu wird. Aus Petersburg wird llns geschrieben: Die russische Regierung ist fieberhaft bemüht, die Blamagen, welche ihr der Veilisprozeß gebracht hat, dilrch immer weitere zu vermehren. Der Prozeß Beilis ist seit Wochen erledigt, aber die Justizverwaltung spinnt den alten Faden weiter, nicht etwa durch eiile aberillalige Aufrollung der Affäre, sondern durch iildirekte Demonstrationen, dllrch Allszeichnnngen all die Ritualmordanhänger und harte Bestrafungen aller Gegner des nur Pogromzwecken bienenden Märchens. Kein Tag ohne eitlen neuen derartigen Akt des Justizministeriums! Zu Dutzenden zählt ula-n bereits alle diejenigeli, die dank der Ritualmordanktage in ihrer Karriere emporgeschnellt sind: selbst die einfachen Richter des Kiewer Gerichtshofs nebst ihrem Ersatzmann werden außer der Reihe zu Wirklichen Staatsräten ernannt. Wie rigoros ist hingegen das Vorgehen gegen jene Privatpersonen, die llach irgendeiner Richtllng die Schuld der Tscheber jak festzustellen vermocht haben. In der gesamten Advokatur Rußlands ist man geradezu entsetzt über die Leichtigkeit, mit der das Kieloer Kreisgericht dem Rechtsallwalt Margolin das Recht auf weitere Ausübung seiner Praxis entzogen hat, lveil er an den Recherchen zur Allfsindmlg der wirklichen Mörder Justschinskis teilgenvmmen und der Wera Tscheberjak die Schuld daran zllgeschrieben hatte, llnd mit gleicher Leichtigkeit wurde dann von der Kiewer Gerichtskammer gegen den journalistischen Hauptenthüller Brasul-Bruschkowski auf ein Jahr Festung erkannt, lveil er allgeblich beim Spiel der Zarenhymne tu ei nein Part sich nicht von seinem Platze erhoben Hütte. Laut der Zeugenaussage wurde zwar festgestellt, daß es sich mir um die dritte Wiederholung der Hymne gehandelt haben konnte und daß diese an der Stelle des Parkes, an der Brasul sich befand, überhaupt nicht vernehmbar war. Allch soll Brasul nicht der einzige gewesen sein, der sitzen geblieben wäre, sondern eine ganze Gruppe hätte ebenso wie er gehandelt. Aber just Brasul lvird aus der ganzen Schar protokolliert und verfällt einer selbst in Rußland ungelnein harten Strafe: denn Festungshaft ist heutzutage in Rußland nur eine mildere Redensart für die strenge Wirklichkeit, da sie geloöhlllich durch Gefängnis ..ersetzt" lvird. Der bei den Kiewer Gerichten seit denl Veilisprozeß so unbeliebte Mann soll aber noch weiterer Strafe gewärtig sein, da noch alldere von ihm angeblich begangene Vergehen ausgegraben werden. Roch unerhörter ist das Vorgehen gegen den Revieraufseher Kirchitschenko, einen lauteren Polizeibeamten, der ohne Rücksicht ans alle ihm erteilten Winke vor Gericht die Angaben Krassowskis bestätigt hatte. Er wird beschuldigt, die Flucht eines ihm überwiesenen Häftings nicht hintertrieben zu haben. Es ist zwar feststehend, daß er an dieser Flucht völlig unschuldig ist, daß er sie gar nicht verschuldet haben konnte, aber aut die Anklagebank kommt er doch. Ja, wer die Einzelheiten dieses Falles betrachtet, der muß an eine Inszenierung glauben. Wenn diese Maßnahmen aber nur Einzelpersonen treffen, so geht schon über diesen Rahmen hinaus die mit aller Macht betriebene Verfolgung der Petersburger Advokatengesellschaft, die bekanntlich in einer Begrüßung der Verteidiger des Beilis gegen die Ritualmord beschuldigung und das ganze Vorgehen im Kiewer Prozeß indirekt Einspruch erhoben hat. Vierzig Petersburger Advokaten, darunter die angesehensten, werden auf der Anklagebank sitzen und ob ihres Eintretens für das Recht sich zu verantworten haben. Das wird ein schöner Monstreprozeß werden! Möglich auch, daß die Petersburger