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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-04-18 · Heft 16 (18.4.1913) · p. Seite 189

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 16 (18.4.1913)
Date
1913-04-18
Page
Seite 189 (sequence 9)
Language
German
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18Ö? Bewegungen und Bestrebungen der Zeit heraus in ihrer Geltung und in ihrem Werte ausgezeigt werden. Dabei läßt die abstrakte Erörterung sich nicht nur nicht vermeiden, sie ist vielmehr als diesem Lebensalter durchaus angemessen im Unterricht geschickt zu verwerten^). . Die Selbsttätigkeit, das selbständige Denken des Schülers in religiösen Fragen anzuregen und richtig zu leiten, muß die Aufgabe des Lehrers sein. Katechetische und autoritative Darbietung ist verfehlt, sie muß das entgegengesetzte Resultat erzielen. Jeder Religionslehrer wird auf der obersten Stufe in freien Besprechungen grundlegende Fragen zur Erörterung bringen. „Wie leicht aber solche freien Besprechungen zu unreifem Diskutieren und zu nutzloser Zeitverschwendung führen können, ist nicht minder jedem Religionslehrer bekannt. Dem Mangel wird abgeholfen und die Gefahren werden vermieden, wenn der Schüler geschlossene, zusammenhängende Ausführungen vor sich sieht, in denen alles Für und Wider von vornherein seine reife, sachliche und wissenschaftliche Darlegung findet. Damit wird zugleich dem Schüler, im Gegensatz zur freien Diskussion, deren Inhalt völlig wieder verfliegt, eine Ouelle nachhaltiger Anregung und greifbarer Bereicherung seines Wissens gegeben und seine Fähigkeit, sich über religiöse Probleme gedanklich und stofflich in positivem Sinne auszusprechen, wesentlich -gesteigert"-). Dabei gilt, was ganz allgemein als Grundsatz für alle Jugendliteratur anerkannt ist, daß das Beste, was für die Erwachsenen geschrieben ist, für die Jugend gerade gut genug ist. Also nicht Abhandlungen, die für die Jugend geschrieben sind, sondern Erörterungen, die, des spezifisch wissenschaftlichen, philosophischen Charakters em wenig entkleidet, der Fassungskraft und dem allgemeinen Bildungsstand dieser Schüler angepaßt, sind'. (Schluß folgt.) Lur Grlchichtr der Juden m Wien l Von Ludwig'Geiger. mit großer Freude und doch nicht ohne ein Gefühl des Neides zeige ich die beiden starken Hefte über die Geschichte der Inden in Wien an. Ich habe schon früher einmal gezeigt, welch prächtige Leistungen von der historischen Kommission der jüdischen Gemeinde in Wien ins Leben gerufen werden und dabei beklagt,, daß die jüdische Gemeinde Berlin, so sehr sie -auch sonst ihrer Kulturmission sich bewußt ist, .derartige wissenschaftliche Arbeiten nicht hervorbringt. Heute habe ich als Berliner mich über heimische Institutionen zu beschweren und zu bedauern,, daß diese sich von den gleichen der Stadt Wien so weit überflügeln lassem Der Berliner Geschichtsverein ist eine sehr rührige Anstalt, die jährlich oder in längeren Zwischenräumen manche hübsche Veröffentlichung gibt, aber eine großzügige Geschichte der Stadt Berlin in wundervoller Ausstattung. ist von ihr nicht in Angriff genommen worden, und daher auch eine. Geschichte der Juden in Berlin, durch einen solchen städtischen Verein herausgegeben, *)" Eingehend - behandelt Richert in dem allgemeinen Teil seines Handbuchs für den evangelischen Religionsunterricht erwachsener Schüler (Leipzig, Quelle u. Meyer, 1911) in sehr beherzeigenswerten Ausführungen diese Fragen. , -') Freudenthal, Religionsbuch, Vorwort. ' 3) Separatabdruck aus Band V der „Geschichte der. Stadt Wien". Herausgegeben vom Altertumsverein zu Wien. „Geschichte--.der Juden in Wien bis zum Jahre 1625" von Dr. Ignaz.-Schwarz. Mit 9 Textfiguren und 9 Tafeln. Wien 1913. Kommissionsverlag Gilhofer u. Ranschburg.. Separatabdruck aus Band V der „Geschichte der Stadt Wien". Herausgegeben vom Altertumsvereine' zu Wien. „Geschichte der Juden in Wien 1625—1740" von Dr. Max Grunwald. Mit 12 Textillustrationen und 9 Tafeln. Wien 1913. Kommisfionsperlag Gilhofer u. Ranschburg. .. . . . . . . - nicht zu verzeichnen. Man spricht so oft und so gern von der Süperiorttät Berlins über Wien, .es gibt' aber, wie man auch : aus diesem Beispiele sieht, :gar manche Dinge, in denen wir hinter der österreichischen Kaiserstadt zurückstehen. - Die Hefte, -denen die Anzeige gilt, präsentieren sich äußer- , lich geradezu grandios: in Folioformat, -herrlicher Ausstattung,, schönem Drucke, mit ausgezeichneten Bildern. geschmückt. Diese stellen Pläne von Straßen dar, Grabsteine, hebräische Urkunden, die Kopie eines Zinsreverses sowie einige Seiten aus dem Judenbuch der Schesfstraße und des Schottenstiftes.. Ferner . ein Patent aus dem. Jahre 1551, .Aufnahme einiger Ghetto- . Häuser, des alten Judenfriedhoses, Urkunden und Privilegien des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts. Ungemein lehrreich ist eine Tafel „Siegel und Unterschriften der Wiener Juden des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts", auf der Mamen wie Löw Wertheimber, Isaak Arnsteiner und andere erscheinen, lauter deutsche Unterschriften, nur ein einziger hat neben den deutschen auch hebräische Schriftzeichen gemacht, leider sind die Siegel sehr schwer erkennbar. Außer diesen blattgroßen, prächtig ausgeführten Illustrationen ist auch der. Text mit mäncherlei Bildern geschmückt. Diesem herrlichen Aeußern stellt sich das Innere würdig zur Seite/ Schwarz weist nach, daß die Nachrichten über Ansiedlung der Juden in 'Wien während der Römerzeit in das Gebiet der Sage gehören/ daß die ersten beglaubigten Nachrichten etwa dem Jahre 1090 zuzuschreiben sind: Er schildert die Entstehung der Judenstadt und ihre erste Anlage, die Rechtsverhältnisse der Juden bis zum Jahre 1421/ wo von vielen Bedrückungen, manchen' Verfolgungen die Rede ifb Dieses'Jahr ist der Abschluß der ersten Periode. Als Ursachen der Bewegung gegen die Juden wurde ein Einverständnis unserer Glaubensgemeinschaft mit den Hussiten angegeben und ein Blutmärchen erdichtet. Sehr instruktiv sind die folgenden Kapitel, in denen, von dem äußeren und inneren Leben, GeldThandel, Steuern und Abgaben der Juden berichtet wird. Erst 1453 wurde, wie dann weiter erzählt wird, den Juden ein Niederlassungsrecht zügebilligt, aber erst nach dem Tode Maximilians I. kann von einer Geschichte die Rede sein, die freilich bis zum Abschlüsse des ersten Teils der vorliegenden Hefte, 1625, keine besonders bemerkenswerten Ereignisse aufweist. Interessant .sind die Bemerkungen über den- Judeumeister, der wohl hauptsächlich als unterstützendes Organ der Ländesfürsten, besonders des Judenrichters, tätig war. Der in einem Md' (gegen Ende des vierzehnten Jahrhunderts) vorgeführte Jüdenmeister trägt in. Heiden Händen eine Axt, doch 'wohl als Symbol seiner richterlichen Tätigkeit. Nicht minder lehrreich sind die Darlegungen über die Rabbiner und Gelehrten der ersten und folgenden Zeit. Höchst bedeutsam ist der Bericht über den Arzt Moses Luzerna, über den der Verfasser folgendes sägt: „Seine ärztliche Praxis, die ihm.1595 sogar den Titel eines Hofarztes eintrug, brachte ihn in mancherlei Konflikte mit. der Fakultät; wir erfahren auch, daß er zur selben Zeit für die Stelle eines Feldarztes vorgeschlagen war. Er starb in Wien am 20. Februar 1605; . er war, wie sein Grabstein sägt, „der .treue Hirte, mit dessen Tode die Weisheit zu Grabe getragen wurde". Zum Schluffe dieses ersten Abschnittes (.1625) weist, der Verfasser auf die wichtige, erst kürzlich publizierte Sammlung der „Privatbriefe" hin, denen, auch 'in diesen Blättern eine ausführliche Würdigung zuteil geworden ist. Leider führt auch der zweite Abschnitt in eine nicht viel lichtere Zeit. Die einzelnen Kapitel führen den Titel: „Die Judenstadt im unteren Werd 1625—1670; das geistige/Leben im Wiener Ghetto; Steuern und -Abgaben der Wiener Juden: aus der Handelsgeschichte der Wiener Juden im sechzehnten Jahrhundert bis zu ihrer Vertreibung 1670/ nach der Verüretb'ungl die politische Stellung der Wiener Juden und ihre

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