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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-04-18 · Heft 16 (18.4.1913) · p. Seite 188

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 16 (18.4.1913)
Date
1913-04-18
Page
Seite 188 (sequence 8)
Language
German
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-"'188 aus Hen eigenen Erfahrungen, daß bei allem Lehrreichen, das die Methodik des christlichen Religionsunterrichts für uns bietet, in Dielen wesentlichen Punkten der jüdische Religionsunterricht anders aufgebaut und dargeboten werden muß. Das Frage- und Anwortspiel des Katechismus gehört für den jüdischen Religiönsünterricht der Geschichte an. Mt vollem Recht wirb'immer mehr das schematische Einlernen paragraphierter Religion verworfen. Man kann sich der Erkenntnis nicht verschließen, daß der Schüler mit allen diesen Begriffen und Paragraphen bestenfalls die Teile in der Hand hat, daß aber das geistige Band fehlt. Selbst die minutiöseste Kenntnis religiöser Lehren und ^Vorschriften ist eben noch lange nicht Religion,' ja sie kann in ihrer Trockenheit leicht den unerwünschten Erfolg haben, wirklich religiöses Empfinden zu zerstören. Auf der anderen Seite kann die Kenntnis der biblischen und der jüdischen Geschichte, ja die Kenntnis der Bibel selbst und des Gebetbuchs sowie des Gottesdienstes usw., soweit die Schule eine solche Kenntnis zu vermitteln imstande ist, auch nicht als wirklich ausreichende religiöse 'Unterweisung angesehen werden. Der heranreifenbtz Schüler steht in der Gegenwart inmitten einer Fülle von Problemen, und die religiösen Grundfragen'sind nicht die letzten und geringsten, die den jugendlichen Menschen beschäftigen. Die Frage drängt sich ihm auf: Mastst das Judentum? Und der Religionsunterricht muß, wenn anders er diese Jugend in ihrer Sturm- und Drangperiode erfassen, ihr das Judentum als ein wertvolles Gut zeigen will, diese Frage in den Vordergrund stellen. Das gilt um so mehr, da die Schüler der höheren Schulen das-Material liefern, aus dem sich später die führenden Männer in unseren Gemeinden rekrutieren. Gerade in der Gegenwart empfinden wir ganz besonders den Mangel gründlicher Durchbildung auf jüdischem Gebiete um so lebhafter, je schwieriger die Verhältnisse innerhalb der Gemeinden wie. des Gesamtjudentums sind, je schwieriger die Situation des Judentums nach außen hin ist: Denn in allen diesenKämPfenbe- Darf es in erster Reihe des geistigen Rüstzeugs. . Das kann auch der beste Religionsunterricht selbstverständlich nicht in vollem Umfang geben; denn Religionsunterricht ist Gesinnungsunterricht, der sich nicht mit der Aneignung einer Menge Positiver Kenntnisse'begründen kann.Der Gesinnungsunterricht ist aber nur dann wirksam gewesen, wenn der Schüler diese Gesinnung in seinem späteren Leben bewahrt und bewährt, d. h. zunächst .sie vertieft und verinnerlicht. Aber darum eben bedarf der Religionsunterricht auf den obersten Stufen eines Rückhalts, eines Gerippes, um das er sich fügt. " Die Lehrbücher der jüdischen Geschichte — ganz abgesehen davon, daß bisher noch kein einziges, wirklich befriedigendes geschaffen worden ist — erzählen von dieser und jener Persönlichkeit, zählen wohl auch die NaMen der Werke aus; aber einen Begriff von diesen Werken bekommt der Schüler nicht. Schon während der Schulzeit empfindet er die Leere und Jnhaltlosigkeit dieser Namen; später vertieft sich dies Empfinden, wenn er vielleicht einmal, um sich zu informieren, zu einem alten Schulbuch oder zu einer größeren Geschichte greift. Uns fehlt ein Lesebuch für den Geschichtsunterricht, das neben dem Leitfaden benutzt wird, ihn ergänzt und eine Vertiefung des Unterrichts ermöglicht). Hätten wir ein gutes geschichtliches Lesebuch, so würde die Frage des Lehrbuches für den Geschichtsunterricht leichter zu lösen sein. Umfang und Lehrstoff würden eingeschränkt werden können, und der Unterricht würde an . Wert gewinnen. *)' Es sei hier auf.das kürzlich erschienene erste Heft der „Denkmäler jüdischen Geistes", herausgegeben von May und Levy, Frankfurt 1912, -hingewiesen, das.eine Auswahl aus Moses Mendelssohns Schriften und Briefen enthält. Aber damit ist nur für diesen einen Autor der beklagte Mangel beseitigt... : Für den hebräischen Unterricht habe ich zum Teil aus anderen Erwägungen heraus bereits früher solche Lesebücher gefordert^). Ich freue mich, daß dieser Wunsch inzwischen einigermaßen erfüllt worden ist. Die „ausgewählten Stücke der hebräischen Bibel von Abraham und Rothschild" bieten in ihrem ersten den Pentateuch umfassenden Teile ein 'trotz zahlreicher, zum Teil ernster Mängel brauchbares und mit Nutzen verwendbares Schulbuch, das freilich keineswegs den von mir Damals gestellten Forderungen vollauf gerecht wird, aber doch als ein erster Schritt freudig zu begrüßen ist-). Für den biblischen Unterricht auf der Oberstufe der höheren Schulen haben wir die biblischen Lesebücher von Auerbach und Tachau. Die Mängel beider Bücher sind Unverkennbar: trotzdem sind beide brauchbar. Mit Hilfe der biblischen Lektüre wird der Lehrer die religiösen Ideen des Judentums in ihrer Entstehung, in ihrem ersten Auftreten oder an ihren hervorragenden Trägern und Vertretern aufzeigen können. So wird, die Darstellung der religiösen Grundlehren geschichtlich orientiert, und gleichzeitig wird so die Bibel in den Mittelpunkt des Unterrichts gerückt und die ewige Geltung dieser religiösen Ideen dem Schüler nahe gebracht. Aber ' ein Moment ist noch zu berücksichtigen. In der l Sturm- und Drangperiode des Schülerlebens, wenn der i Knabe zürn Jüngling heranreift, wenn er die Kinderschuhe, aüsgezogen hat und doch noch nicht wieder mit festen Füßen auf sicherem Boden im Leben steht, wenn durch die Fülle der Eindrücke, die ihm Schulbildung, Lektüre — zweifellos oft recht ungeeignete — die Dinge des Lebens, die er miterlebt, nahebringen, alles Frühere, so fest Gefügte in feinem Gedankengebäude und in seinem Gefühlsleben erschüttert wird, dann bedarf es noch einer anderen Orientierung für seine religiöse Bildung als der geschichtlichen. Der Zweifel regt sich in diesem Lebensalter und'macht vor nichts halt, das Denken geht von dem Tatsächlichen aus, abstrahiert aber gern von dem Tatsächlichen; von abstrakten Ideen aus werden die Dinge betrachtet. Von solchen. Ideen aus werden Werturteile gefällt über Menschen und Dinge, daher das Absprechen über so vieles, das Besserwissen, das diesem Alter so leicht zu eigen ist, die innerliche Auflehnung gegen alle Autorität, die als Bevormundung empfunden wird, daher aber auch das Kraftgefühl, das Empfinden, alles selbst sehr viel besser machen zu können, und die Sehnsucht, dies zu bewähren. Das alles txiit naturgemäß in verschiedener Stärke auf und selten wohl so kraß und in solcher Häufung, wie eben angedeutet. Aber es ist nicht, um zu tadeln, angeführt worden, vielmehr weil.für die richtige Orientierung gerade des Religionsunterrichts das Verständnis des psychologischen Zustandes des erwachsenen Schülers notwendig ist. Denn die angedeuteten Fehler sind fast ausnahmslos nur Ueberspannungen und Uebertreibungen von Vorzügen oder doch von Eigenschaften, die, gut geleitet, zu Vorzügen werden können. -Dazu ist noch zu berücksichtigen das egozentrische Denken, das diesem Lebensalter eigen ist. Gehen wir Menschen durchweg von dem eigenen Ich aus und bedarf es erst einer überaus gründlichen Schulung des Denkens, um das Ich ein wenig aus dem Mittelpunkt des Weltalls und des Weltgeschehens zu rücken, so ist diesem Lebensalter das eigene Ich und die Gegenwart unbedingt die Achse, um die alles sich dreht. Darum wird in diesem Alter wohl die geschichtliche Orientierung im Religionsunterricht erforderlich sein, aber als gleichwertig wird ihr zur Seite treten müssen die Gegenwartsorientierung. Die religiösen Fragen müssen nicht nur geschichtlich betrachtet, sondern auch aus den geistigen I „Allg. Ztg. des Judentums" 1910. S. 397 ff. 2) Den 2.. Teil (Propheten und Schriften), von dessen Erscheinen s ich erst ganz kürzlich Kenntnis erhalten habe, habe ich noch nicht ge . sehen; bedenklich ist der hohe Preis (3 Mark). . ’

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