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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-04-18 · Heft 16 (18.4.1913) · p. Seite 190

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 16 (18.4.1913)
Date
1913-04-18
Page
Seite 190 (sequence 10)
Language
German
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190 Besteuerung zur Zeit Oppenheimers und Wertheimers". Das Buch führt bis zur Vertreibung der Juden im Jahre 1670. Gerade diese Vertreibung ist, wie-man weiß, für Berlin von der höchsten Bedeutung, da manche der Vertriebenen die Begründer der Berliner jüdischen Gemeinde waren. Es ist schade, daß in unserem Werke kein Verzeichnis dieser Vertriebenen aus Wiener Akten sich erhalten hat, es würde für die Anfänge der Berliner Gemeinde, zur Kontrolle der uns bekannten Begründer und ihrer Genossen von besonderer Wichtigkeit sein. Es ist unmöglich, den reichen Inhalt dieses zweiten Heftes, dessen - Bearbeitung dem von uns oft gerühmten Herrn M. Grunwäld anvertraut war, in einer kurzen Besprechung auszuschöpfen. Hier mag nur auf die gediegenen Mitteilungen über Samuel Oppenheimer und Simon Wertheimer, deren wundervolle Porträts, oben absichtlich nicht erwähnt, einen* ganz besonders schönen Schmuck des Bandes bilden, hingewiesen werden. Ein sehr rühmliches Zeugnis für die Glaubenstreue der damaligen Zeit ist eine Aeußerung des den Hofkreisen nahestehenden Mathias Abele, der 1670 bei einem vornehmen Juden zu Gaste war, aber da er ihm und seiner Familie die Annahme des Christentums empfahl, von ihm die Antwort erhielt, „sie wollten sich eher verbrennen lassen, als eine Nadelspitze von ihrem Glauben weichen". Sehr interessant ist die Mitteilung über einen Gelehrten jener Zeit, Sabatei Horowitz, von dem es heißt, daß er „als Talmudist und Kabbalist bedeutend, doch jeder Uebertreibung abhold, mit aller Entschiedenheit die Spitzfindigkeiten des Pillpuls bekämpft und dem rationellen deutschen' und holländischen Talmudstudium den Vorzug gibt!" Gegenüber solchen bedeutenden integren Persönlichkeiten stehen aber auch andere, an denen man keine Freude hat, besonders ist hier der langjährige Vorsteher Hirschel Mayer zu erwähnen, der der Regierung unentbehrlich war, aber seine Macht benutzt zu haben scheint, um die Regierung zu betrügen und die Juden, deren Steuern er einzutreiben hatte, ungerecht zu behandeln, ja geradezu auszusaugen. Ihm wird ein großer Teil des Unheils Schuld gegeben, das im Jahre 1670 die Wiener Gemeinde zum zweiten Male vernichtete. Es ist keine Glanzzeit, welche in diesen Heften vorgetragen wird, sondern eine im ganzen recht düstere und traurige, aber der Historiker der Juden hat häufig genug von solchen Epochen zu berichten; es wäre sehr zu wünschen, wenn dieser Bericht immer in der Weise geschähe, wie er an diesen Heften zu rühmen ist. Denn es ist keineswegs bloß die Gediegenheit der äußeren Ausstattung, die uns erfreut, sondern die Schlichtheit und der Ernst der Darstellung. Niemals öde Deklamationen oder gar gehässige Angriffe gegen Andersgläubige, sondern ernste und sachliche Darlegungen; nicht nur Verweilen Lei den äußeren Schicksalen, sondern eindringendes Eingehen in die Kultur- und Bildungsverhältnisse der damaligen Zeit. Die Wiener Juden können auf diese Schilderung der Anfänge ihrer Geschichte stolz sein. Me kluge Nrps. Novelle von M. I. ' (Schluß.) an Favolla," Bernhardin erhob sich schwankend, „wes- : \ halb baut ihr euch kein Haus in der Sonne, weshalb legt ihr euch nicht Gärten an, in denen eure Tochter lustwandeln kann?" „Ich kenne das Schicksal unserer Leute, die sich Häuser in der Sonne gebaut haben." Auf Jans Gesicht trat der Ausdruck brennenden Leides, „hier unten suchen die Hasser uns nicht, die Nacht vergönnen sie uns. Das Haus in der Sonne würden sie über unserem Scheitel anzünden, die Gärten zerstampfen." , „Euer Kind wird euch hier unten sterben." „Mag es. Besser in des Vaters Arme sterben, als von den Füßen Fremder zertreten werden." „Ihr seid mit Leib und Seele Hebräer. " Favolla zuckte die Schultern. „Unsere Religion ist unsere Heimat. Ohne sie sind wir vaterlandslos." „Ihr wäret doch nicht etwa mit bei denen, die den edlen Rabbiner Spinoza seiner Stellung entsetzt haben?" „Gewiß, dem Geist nach war ich dabei!" Jans Augen funkelten auf. „Was gibt seine hochgeschraubte Philosophie unserem Volk? Anstatt es in seinem Glauben zu stärken, streut sie ihm Gedanken hin, die nur Gelehrte erfassen, den einfachen Mann hingegen verwirren." „Von eurem Standpunkt aus gesehen, habt ihr nicht unrecht." „Ich bin euch dankbar für euer Verständnis. Ihr seid eine Ausnahme unter den Edelleuten." „Das will ich nicht hoffen." Jan verabschiedete sich. „Ich komme wieder. Wann, weiß ich nicht. Gebt indes acht aus eures Töchterleins Finger." Gentillot eilte nach seiner Herberge. Doch die Wände bedrückten ihn. Er ließ sein Pferd satteln und ritt hinaus. Er jagte über Stock und Stein, nahm seine Kopfbedeckung ab und ließ den Wind seine Schläfen kühlen. Nach dem Haag, unter seine Genossen zurückkehren, wollte er nicht. Auch die Mutter wollte er jetzt nicht sehen. Der Sturm seines Innern mußte sich erst legen, bevor er anderen unter die Augen trat. Zum erstenmal in seinem Leben hatte ihn eine seelische Erschütterung gepackt. Zum erstenmal ihm ein Weib gezeigt, was für Geheimnisse die Menschenbrust birgt. Er, der stolze Edelmann, hätte es gestern ungläubig verlacht, was er heilte erlebt hatte-, hätte es für unmöglich gehalten, was heute ein getroffen war. Die Tochter eines Trödlers hatte seinem Stolz das Szepter entwunden und machte ihn vor ihr knien. Berauschte ihn, ließ alle anderen Gedanken, außer dem einen all sie, in nichts vergehen. Er jagte die halbe Nacht umher, von Widersprüchen ltnd Schauern der Seligkeit durchrüttelt. Als er endlich sein Lager aufsuchte, brannte ihm das Hirn vor Erwägungen, vor Ueberraschnng, Glück und Sorge. Aber lauter als alle anderen Stimmen sprach die eine in ihm: Sie ist das schönste Weib, das dir je begegnet ist. Sie muß dein werden, koste es, was es wolle, und wäre es das Leben. Er entschlief, ihren Namen auf den Lippen und meinte den Geschmack von Würzwein zu schmecken. : Am nächsten Morgen erwachte er in derselben Stimmung, in der er sich gestern befand. Nur heiße Sehnsucht, die Geheimnisvolle wiederzusehen, die so lichte Wunder in ihm bewirkt hatte, durchpulste ihn. Ich muß sie Wiedersehen, bald Wiedersehen, sagte er sich. Kann sie mir nicht sterben, wenn ich zögere? Dahinbleichen, wie ihre Mutter und Großmutter? „Die Frauen leben hier unten nicht lange." Erdrückender Gedanke! Er sollte diesen granatroten Mund, diese tiefen Rätselaugen ungeküßt lassen? Diese Königin, die niemand kannte, als die beiden silberweißen Greise und ihr Vater, nicht in seinen Armen halten? Sie nicht befreien vor dem frühen Tod, der ihrer harrte? Den seltensten Edelstein nicht sich küren, er, der immer das Besonderste stlchte? Er eilte hinaus und umkreiste ihr Haus. — Stieg er hinab in das Kellergewölbe, so blieb er nicht Herr seiner selbst. Und er wollte abwarten, ob sein Herz nicht wieder das Gleich-

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