Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1913)
- Date
- 1913-02-28
- Page
- Seite 98 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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98- --4^, unserer Strenge gegen den eigenen Glauben uns der A n n ä h e run g an das liberale Lhristentum^beschuldigen? Man verstehe ans recht;-es kommt hier.nicht darauf an,' ob die .etwa nachgewiesene Tatsache solcher Annäherungbei diesein oder jenem sogar Beifall fände; Lm Sinne unserer Widersacher ikann es jä eim schwerere Anklage nicht geben! Und welche Schönfärberei wird aufgeboten,. um dir. Anklage zu stützen! Da heißt es in der Schrift des Dr. Wohlgemut (S. 32), „auch das liberale Christentum besitzebereits die Lehre ' vom Monotheismus, vonder Gottesebenb.ildlichkeit, der Frei- ' Mt und' Fähigkeit des' Menschen, aus eigner Kraft' an seiner - sittlichen Vervollkommnung zu arbeiten; solche Kleinigkeiten, wie,Dreieinigkeit,. Erbsünde, Teufel usw., seien zu völliger Bedeutungslosigkeit herabgesunken. Die ganze Dogmatik hätten liberales Christentum und liberales Judentum gemeinsam; wenn es also darauf ankäme, so könnte dieses nur 'abdanken, oder — sich mit jenem verschmelzen!" Man kann sich eines Lächelns nicht erwehren, wenn man die Lobeserhebungen, der'Braut hört, mit der wir verheiratet werden sollen! Leider gefällt dem liberalen Judentum der „Schidduch" nicht, und der „Schadchen" noch weniger; das erstere geht Wohl aus den systematischen und apologetischen Werken der liberalen Schule zur Genüge, hervor. ' Nun müssen wir Herrn Dr. Wohlgemut aber recht verstehend ' Nach ihm gibt es ein liberales Christentum überhaupt noch nicht (wie dürfte ein Orthodoxer die Positive Existenz einer liberalen Geistesströmung zugeben!), weil es noch nicht — mit' Richtlinien hervorgetreten ist! Was bedeuten Ideen und Persönlichkeiten, Predigt und Lehre, Wissenschaft und Kunst; es sind doch keine christlichen Richtlinien da! Was nicht in Richtlinien formuliert ist, folgert dieser juristische Theolöge oder theolögische Jurist, existiert nicht in der Welt. Die ganze neue Epoche seit Mendelssohn, mit ihren Leistungen in.Wissenschaft, Lehre und religiösem Leben, ist null und nichtig; es waren lauter „schmerzlich empfundene, betrübende Einzelerscheinungen"; aber sie ließen die Hoffnung aus Rückkehr dex Äbgefallenen offen. Vortrefflich nachgebildet der Theorie Wer, katholischen Kirche gegenüber der.protestantischen! Nur '.die Richtlinien müssen ins Feuer, und die. Unterzeichner ihnen nach! 7 ' 'r, , 7- . Diese beharren aber dabei, das Kleinod und Palladium des Judentums in seinem reinen, , ungetrübten Monotheismus zu erblicken. Auf das Sch'mäJisroel türmen sie ihren ganzen Glauben, wie ihre ganze Geschichte; — Herr Dr. Wohlgemut, findet es nur beachtenswert wegen — Tesillin und Mesusa. Tas ist die abgrundtiefe Verschiedenheit. Vielleicht empfindet er aber doch, daß wir einen gemeinsamen Besitz zu hüten haben, und. wir ihm nur Helsen wollen, die Last zu erleichtern (Exodus 23,5); vielleicht blickt er uns schließlich etwas freundlicher an. Die großen Geisteskämpfe im Judentum hatten alle den Sinn: die Reinheit der Gottesvorftellnng ftcherznstetten. Darum zertrümmert Mose das goldene Kalb, tötet Elia die Baalspriester, durchbohrt Mättatia einen dem Zeus opfernden Jüngling. Darum erlitt das mittelalterliche Judentum die'Werfolgung des Christentums,, und errichtete es seine Schutzwehren; darum dächten und schrieben unsere Religions- Philosophen, allen voran Maimonides, darum bekämpften die Rabbiner die kabbalistische Mystik und die falschest'Messiasie und erwehren sich heute des Chassidismus. Wir können uns nicht versagen, die Worte des Mose Alaschkar anzuführen, in - denen er die. Verdienste des Maimonides um die,Ausmerzung der Anthropomorphismen in jüdischen. Kreisen rühmt (bei. David Kaufmann, „Geschichte der. Attributenlehre", S. 498). „Hätten nicht feiste glänzenden Schriften die Augen, unserer Gemeinschaft.erleuchtet, wir hätten. Blinden gleich,, umhertappen müssen, und verderbliche Lehren, wie'die Ver'körp e r u n g Gottes, würden weiter in unserer Mitte fortge-- wuchert haben."- Und da will Dr. Wohlgemut das. Zeremönialgesetz zur differentia specifica des Judentums-gegenüberden anderen Religionsformen erheben? Ist es der Orthodoxie unbekannt, welch Unheilvoller Einfluß der Kabbala noch -heute;"in Sitte und Brauch, Pijut und Gebetsformel vielerIGemeinden Machwirkt? Wir fordern ihn-öffentlich auf, dafür, einzutreten, daß das vierte Häkchen des Schin von den Gebetkapseln und die drei Unworte von der Rückseite der Mesusa ' verschwinden! Weigert er, sich dessen,) dann haben wir das Recht, ihm zuzurufen, daß er das Vaterhaus verlassen habe und endlich an wie Rückkehr denken solle. - . 7 Und das gleiche Recht nehmen wir uns heraus, wo es sich um Unser beiderseitiges Verhältnis zum Religionsgesetze handelt!' Unser allgemeiner Standpunkts ist in. Satz) VIII der . Richtlinien hinreichend gekennzeichnet; einen Versuch der praktischen Lösung stellest dann die Sätze IX und XI dar. Vorzüglich begründet ist dieser Standpunkt in dem Referate des Rabbiners Dr. Max Freudenthal (größere Ausgabe der Richtlinien mit Referaten und Ansprachen, S. 32 ff.); wir wiederholen nicht bereits Gesagtes, sondern empfehlen dringend' allen, die in unserem Streite Stellung nehmen wollen, dieses Referat zü lesen. Da zeigt sich deutlichdaß auch wir das Resigionsgesetz zu schätzen wissen, aber nur, in so Weibes Sch utz und Hülle, oder Ausdruck un d Form leb en d ig ergriffen er Gew anken und w ahr h a.ft empfundener Gefühle i st. Es klingt sehr volltönend, wenn Herr Dr. Wohlgemut demgegenüber ausruft (S. 50 der Buchausgabe): „Und es wird den Unterzeichnern nicht gelingen, von auch nur einem der für das gesetzes treue Judentum verbindlichen Verbote und Gebote den Nachweis zu erbringen, daß es nicht geeignet sei, hohe sittliche und religiöse Gedanken, Gefühle und Willensakte zu erwecken. Wir erwidern, daß sie wohl alle durch die gläubige Annahme ihrer unmit.telbaten göttlichen Einsetzun'g7dazu gepreßt werden können, eine Abart religiöser Gefühle zw erzeugen (meist denkt' und fühlt Man allerdings' gar Nichts mehr dabei), daß aber sehr viele für solche Juden, die' jenem Glauben entwachsen siych durch keine Gewalt der Auslegung oder Ueberredung dazu geeignet gemacht werden können. Immer wieder müssen wir betonen, daß das Religionsgesetz uns. keine ununterscheidbare Masse darstellt, sondern die Aufforderung, es sichtend und prüfend in ein klares, faßliches System zu bringen, in sich trägt. Damit' wären unsere Widersacher auch zufrieden, wenn sie nur nicht so schwere Bedenken gegen das Prinzip unserer auslesenden und wählenden Tätigkeit hätten.. Vor allem suchen sie vergeblich nach Verb y t e n, nach En t s a g u n g e n und Op s e r n; nach ihnen genügt eben kein Gottesdienst, s 0 ndern man muß G 0 t t f 0 r twährend Dienste erweisen, je unangenehmere (z. V. Fasten), desto' besser. Nun beachten unsere Gegner aber gar nicht) daß wir bei unserer Tätigkeit zwei Vorarbeiter hatten, gegen die beide' Parteien machtlos sind. Der eine war die Geschichtet der andere der alte, echte Pharisäismus. ' Die Geschichte: wenn katastrophale Ereignisse und göttliche .Schickungen aller Art dazu geführt haben, daß der weitaus größte Teil aller Religionsgesetze in Ermanglung des Landes, des Staates, des Tempels einfach nicht ausgeübt werden kanrr> so ist daran hoffentlich der Liberalismus unschuldig. Wenn trotz des fehlenden Tempels, die Priesterfamilien auch unter völlig veränderten' Umständen religionsgesetzlich behandelt werden sollen, als wäre nichts geschehen, so ist dieser Widersinn stur zu dulden, so lange nicht höhere Interessen konkurrierest. Ein solcher Fall wird uns noch begegnen. Wir verstehen zwar: Die Orthodoxie hält krampfhaft an der Fiktion fest, daß. unser Zustand seit fast 2000 Jahren e i n' ü n - g l ü ck lich.e sPr 0 vis 0 rium sei, und sich häuslich darin einrichten, die Absichten Gottes z e r st ö r e n heiße. Aber' diese