Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 77 (1913)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1913)
- Date
- 1913-02-28
- Page
- Seite 99 (sequence 3)
- Language
- German
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allein deuten zu -können,'' das wird die Orthodoxie , bei -aller Selbstsicherheit:sich nicht zutrauen Wollen; hier wird. Deutung gegen Deutung bestehen bleiben. -- Und der echte Phärisäergeist. Dr. Wohlgemut-nimmt die Heroen des Talmuds Mr.; sich und seine Schule in. Anspruch - und behauptet von .ihnen. (S. 43. a. ä. O.), .„daßihr , ganzes Strebest war, einen Zaun ums Gesetz zu machen.", G anz so Ii eft m a n e s in d en L eh r b ücher n sür neute st am e ntli ch e Z e it.g es chicht e. Ist das aber wghr? Die Pharisäer sind für die Entwicklung der Tora, .eingetreten,, haben sich den Ansprüchen Der Zeit angepaßt, waren die, Demokraten PoN'einst' gegen eine hochmütig^ Prjesterkaste^ Würde ein Mann, wie Hillel, heute aufstehen,, ich weiß nicht, wie er in dem Richtlinienstreite entscheiden würde, Hin und wieder blitzt auch in dem Gegner der Gedanke auf, es möchte doch unserer Betrachtungsweise eine Berechtigung innewohnen; und einmal entschlüpft ihm sogar der. verpönte, Ausdruck „Zeit"!. Seite 60 behauptet.er nämlich, die Richtlinien stellten die Dinge auf den Kops, „indem sie das Große .klein und das Kleine wichtig nehmen,. Dinge, die Bräuche aus jüngster Zeit sind, für unerläßliche Forderungen ausgeben, und aneres,. das nach biblischer Auffassung ein todeswüdiges Verbrechen ist, dem freien Belieben anheimstellen." Wir nehmen dankbar davon . Notiz, daß es Bräuche aus'uralter, älterer, alter, jüngerer und jüngster Zeit gibt, und fragen alsdann: Wo w erd e.n d ie Dinge stärker auf den Kopfgest e llt als im o r th o d o xen Iud entum unser e r Tage.? Nur Hier bedeutet z. B. Keuschheit (Z'niüt) das Scheiteltragen /der Ehefrauen, Götzendienst — Verbot des Weines nichtjüdischer Besitzer oder Orgelspiel am Sabbat.; dieser selber, bedeutet ümgebundene Taschentücher und Per-. Pönte Regenschirme. Und angesichts dieses Judentums, das weder mit demjenigen Hillels noch mit demjenigen Moses in der Uehüngsder Bräuche auch Nur die entfernteste Aehnlichkeit hat, willman-andere der Abtrünnigkeit zeihen? Wir glau? ben, das Judentum müsse gegen die Betätigung dieser Orthodoxie in Schutz genommen werden! .Als treffende Beispiele, wie notwendig diese Abwehr orthodoxer Verunstaltungen sei, heben wir im folgenden nur noch S ab b ä t und E h e g e s e tz e heraus; ihnen werden zwei weitere Artikel gelten. Mit einem Schlußaussatz wollen, wir dann an dieser Stelle unseren Vorsatz als erfüllt betrachten: „Den Widersachern des religiösen Liberalismus Paroli geboten zü haben/' Sit Macht. ... B erlin, den 25. Februar 1913. n. betreff der Kö n i g s b er g e r Kai s er h o ch - affäre stellt per Bund jüdischer Korporationen fest, daß die' Darstellung- .der Universitätsbehörde nicht -den Tatsachen entspricht: „Wie wir vyn vornherein vermuteten, hat der Herr Hausmarschäll Seiner Majestät keineswegs angeordnet, daß das Käiserhoch von einem der ursprünglich zur Deputation gehörigen Studenten ausgebracht., werden solle, vielmehr hat er lediglich bestimmt, daß, derjenige' Student,- der das Kaiserhoch auszubringen Habe, ebenfalls vom Kaiser empfangen, werden, sollte, und diesem anheimgegeben, einen, doppelten Empfang zu vermeiden, 'den Käiserdeputierten anzuschließen. Es' kann daher wohl . kauni.gufrecht erhalten werden, daß unter diesen Umständen das vomVererst jüdischer Studenten erlöste Ehrenamt hinfällig wurde/Pielm.ehr scheint festzüstehen, daß ohne'jede sachliche Berechtigung die .Auskunft des-Hausmarschalls . benutzt, wurde, um das'Kaiserhoch de.rn zuerst dazu Ausgelosten zu. nehmen. -Der Zufall, daß dies der Vertreter einer jüdischen Korporation war. War. somit.. Wohl nicht ohne Einfluß auf die Erledigung der Angelegenheit^ -Die-,. Darste.llung. des.U-niversitätSsekretariats ist auch in-so- . weitz^ unrichtig, als aus ihr hervorzugehen scheint, daß der i Chargierte des Vereins jüdischer Studenten durch.sein eigenes; Verschulden nicht rechtzeitig - von den getrösfeneniAenderungen! benachrichtigt worden sei. In der vorletzten. Sitzung des Festausschusses waren diejenigen Funktionäre, die/ sich noch zu jener, letzten Besprechung einfinden sollten^ namentlich aufgezählt worpen; darunter — vielleicht durch ein. Vepsehen^ nicht der -Vertreter des Vereins jüdischer Studenten/' ..Eine schriftliche'Benachrichtigung des. Vereins jüdischcr Studenten, die nach der letzten Sitzung dem Sekretär' vomr Prorektor aufgetragen war, ist eingestandenermaßen durch ein-Versehen des Sekretariats unterblieben.- ••.’//. ' Die Öffentlichkeit kennt jetzt das gesamte tatsächliche Material und wird unsere Annahme teilen, daß bei der Ausschaltung des Vereins jüdischer Studenten Königbergs antisemitische 'Motive maßgebend waren." . O . '/'• \ v * In der vergangenen Woche, hat der Bund d er Lan d - wirte wieder seine Generalversammlung im Zirkus Busch abgehalten. So durchaus antisemitisch der Bund auch ist — diesmal kam es nicht zu großen Ausernandersetzungen.. Nur Herr Dr. Roesicke führte aus, daß das Programm des Bundes . auch ferner sein sollte: „Die Erhaltung vaterländischer, königstreuer Gesinnung, die Bekämpfung der staatsfeindlichen Sozialdemokratie und des ihr verwandten Geistes jüdischer Zersetzung? ' ' '• .. , Die antisemitischen Blätter fahren zwar . in ihrer Verhetzungsarbeitfort—so hatsich die„Staatsbürger-Zeitung''jüntzst das Vergnügen gemacht, die jüdisch klingenden Namen der russischen.Studenten an. der Berliner Universität zusammenzustellen. — aber die Herren haben keine rechte Freude an ihrer Arbeit und keinen Erfolg. So schreibt der „Fränkische!Courier"..unter dem Titel: Der h ilfl.o se Anti semitls -.' mu.s.:. Die Zahl der antisemitischen Gruppen und- Grüppchen in Deutschland/die jede für sich als „So.nderpartei" Anspruch auf Daseinsberech-' tigung erheben, ist nicht leicht zu. ermitteln. So stark ist die; splitterung im Lager der Antisemiten. Im. Reichstag sitzen Vertreter von zwei antisemitischen Gruppen. Aus dem preußischen. Abgeordnetenhaus, sind sie verschwunden. 1903 wurden in das preußische Abgeordnetenhaus zwei Antisemiten gewählt, von denen jeder einer, anderen antisemitischen Gruppe angehörte: Lattmann war deutschsozialer Antisemit, und Werner gehörte wer deutschen Reformpartei, an. Beide sind bei den Landtagswahlen j)ow 1908 nicht wiedergewählt worden. In den ^Reichstag wurden 1907 sechs Mitglieder, der Deutschen Reformpartei und sieben Vertreter der deutschsozialen Partei gewählt, die, um als Fraktion auftreten zu können, sich mit zwölf, anderen Abgeordneten zur Wirtschaftlichen Vereinigung/zusammenschlossen. Heute gehören dem Reichstag, nur. drei Mitglieder der Deutschen Reformpartei an,', und genau ebenso groß ist die Zähl der Abgeordneten, die sich deutschsozial nennen. Die. Reichstagsabgeordneten'.aus der Deutschen Reformpartei sind Br.uhn, Gräfe-Sachsen, und Werner-Hersfeld. Als deutschsoziale Reichstagsabgeordnete wur>. den im vorigen Jahr gewählt: -.Herzog,.'. .Rüpp-Mjrrburg.mtzd-. .Dr;-. Werner-Gießen. Aber diese sechs. Antisenuten treten — so gering ihre. Zahl ist —. noch immer gesondert aus.. -Dabei sind beide Gruppen führerlos, seitdem die Deutsch-sozialen den .Abgeordneten Lie.bermann. v, Sonnenberg' und. die Deutsche Reformpartei' den Abgeordneten Zimmermann verloren haben. Das Bemühen,' den Eindruck der Selb-l' stcinvigkeit' jeder dieser - beiden antisemitischen Gruppen ausrecht zu halten, wirkt um so komischer-, als selbst -die drei Mmm derselben Gruppe nicht einmal nach außen hin den' Anschein, der Einigkeit aufrecht -zu -halten, vermögen. So - stimmte bei -der nainentlichen Abstimmung über den konservativen Anhrag auf Einführung. eines, .gesetzlichen. Verbots des Streikpostenstehens . Brühn , mit /nein, Gräfe- Sachsen mit . ja,, und Werner-Hersfeld, enthielt sich der Stimme/'Acht. Tage, haraus, bei der. namentlichen Abstimmung über. den . Polnisch-