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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1913-02-28 · Heft 9 (28.2.1913) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
77 (1913)
Issue
Heft 9 (28.2.1913)
Date
1913-02-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Berlin, 28. Februar 1913 77. Jahrgang Nr. 9 Gin unparteiisches Organ jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Luch- Handel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 ITT. — Postscheckkonto 324. Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philippfsn Unter Leitung des Geheimen Regierungr-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: iruclolk Mosse» SerUn, Jerusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen Mr Redaktion. and Expedition sind an die Adresse: Verlag der »Allgem. Zeitung ries Judentum»", 'Berlin' Jerusalemer Straße 46/49, zu richte:,., Verlag von ttttfcolf Ztfeffe, Berlin. Tlltft.fllt Zur Würdigung der »Richtlinien". . Von Theologus. — Die Woche. — Die Juden in den neuen italienischen Besitzungen. Von Prof. Dr. Er mann o L o evin s o n, Rom. — Bericht der Delegierten des Hilssvereins der deutschen Juden über die Zeit -vom 19. Januar bis 29. Januar 1913.- (Schluß.) — Zur Borgeschichte, der Judenemanzipation in Mecklenburg. Von Landesrabbiner Dr. Silberstein.— Feuilleton: Der Sohn des Elias. Von Julius Weil. — Literarische Mitteilungen. — Buch^ereinlaUf. — Sprechfaal. Der Gemeindebote (Beilage zur »Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Aus der Provinz Posen, Wronke, Ohlau, Frankfurt a, Pt., Worms, Speyer, Budapest, London. — Von Rah und Ferm . Lur Würdigung der „Mchtiinikn". Von Th eologus. ' ' v. ';; " man hat den Richtlinien Prinzipienlosigkeit vorgeworfen. In Wahrheit, begnügen sie. sich nicht mit einem einzigen/'starren Prinzip, sondern lassen deren zwei gelten, gemäß dem objektiven Charakter der Religion, dem Bekenntnis : und der subjektiven Seite, der Frömmigkeit. Das. eine Prinzip lautet: Treues Bekenntnis zum religiös-sittlichen Wahrheitsgehalt des geschichtlich-offenbarten Judentums; das andere Geltendmachung der religiösen Persönlichkeit des Einzelnen. Jenes ist maßgebend für den lehrgemäß dargebotenen Inhalt an Glaubensvorstellungen, Gefühlen und Ausdrucksformen; das.zweite für die Aufnahme, Durchdringung und lebendige Darstellung. dieses.Stoffes undinsbesondere der geprägten Formen, die nicht, zerstückelt, sondern umgeschmolzen werden sollen. Wie sehr das liberale-Judentum.von der Notwendigkeit der - Ausdrucks so r m e n (wie wir an. Stelle von Erscheinungsformen lieber sagen möchten) üb erzeugt ist, geht aus. den Richtlinien klar hervor; sie gehen dabei von der Annahme eines immanent wirkenden, gesetzmäßigen Verhältnisses, von Inhalt -und Form aus. - Die Richtlinien sind also nicht Prinzipien-/, sondern sie sind d o g m e n l o s. Ihre Prinzipien wollen mit dem Intellekte erfaßt sein,- zu ihnen muß man sich aus freiem .Entschlüsse bekennen. Durch sie sollen eine Erneuerung des Judentums und eine Ueber.windung der Orthodoxie erzielt werden, deren Prinzip gläubige Aufnahme der Tradition und übungsmäßige Wiederholung der Formen ist. . Zwanglos ergeben sich nun aus den Prämissen zunächst die allgemeinen Schlußfolgerungen in den Sätzen VII, VIII und X. Satz VII lautet wörtlich: „G laub ensvorstellungen, welche die Reinheit der jüdischen G.ottesleh.re trüb e n, s i n d ausd e m. L -e h r:i nhalt d e r j ü d i sch e n Reli gi o n auszu scheiden." In Satz VIII wird gusgeführt, .daß' nur solche .Ausdrucksformen zu bewahren seien, die'für den Einzelnen, die Familie und. die Gemeinde, religiössittlich zu wirken vermögen, also z. B. durch die. im Symbol dargestellten Ideen, Gefühle, geschichtlichen Erinnerungen. Wenn von denjenigen Vorschriften, .die diesen Bedingungen nicht entsprechen, gesagt wird, sie haben keine verpflichtende Kraft, so ist das mit nichten eine Aufforderung, an alle Juden, sie auf Grund der Richtlinien fortan abzutun;, es ist nur eine Mahnung zu strengerer Selbstprüfung. Wir sprechen keinem einzigen, die gedankenleer, mechanisch und. gefühllos geübt wird, einen religiösen Wert zu,, und damit fällt für uns ihre innere Verpflichtungskraft von. selbst fort. Satz X sagt es dann ausdrücklich, daß die religiöse Empfindung Schiedsrichterin sein müsse, deren Pflege natürlich dem Hause, der Schule, der Synagoge obliegt. Es sei hier, wohlgemerkt, das religi ö s e V e r h a l t e n d e s Ei n z e l n e n ins Auge gefaßt, der heute nicht mehr in die Zwangsjacke der Schablone zu pressen ist. Ihm haben wir weniger ein Schuldbewußtsein zu nehmen als zum Gefühl seines Rechtes zu verhelfen. Wir wollen keine Bewertung. der Frömmigkeit nach Masse und Umfang der Uebungen, sondern nach objektivem Gehalt und subjektiver Bedeutung. Wir wollen, wie treffend gesagt . worden ist, Qüalititts-, nicht Q.u a n t i t ä t s j u d e n. . Natürlich nahmen die Widersacher sich dennoch heraus, diese Auffassüng als „r e l i g ö s e M i n d e r w e r t i g k e i t" zu . bezeichnen. Wie schnell doch die Herren bei der Hand sind, Gottes Geschäfte, an sich zu reißen und ihren Maßstab mit dem göttlichen zu verwechseln! Mögen sie liberale Juden innerlich noch so gering einschätzen; dürfen.sie. darum sie auch öffentlich, in Wort und Schrift, in Volksversammlungen, bei Bierdunst und ' Zigarrenrauch als religiös Minderwertige brandmarken uyd ihre religiösen Vertreter als unwürdig ihrer Aemter erklären? Wenn das nicht Fanatismus ist, dann hat es nie einen gegeben, und die Menschheit würde unter diesem Fluche niemals, geseufzt haben. Wenn aber dies , einzig, treffende Wort fällt, dann sehen sich die Herren verwundert um und. fragen, ob sie etwa gemeint seien?! . . . ' . Wir müssen nun notgedrungen zu Satz VII zurückkehren, der so grausam verkannt worden ist und doch im Grunde eine schöne. Plattform für die Verständigung der Parteien hätte abgeben können. Er will nur.die Reinheit der jüdischen Glaubens Vorstellungen gewahrt wissen; aber auch dazu , zieht die Orthodoxie, ein böses Gesicht! Ja,, merkt man. denn gar nicht, daß dieser wohl eine leise Mahnung erteilt wird, die Pointe aber auch dem Zentraldogma des Christentums gelten kann? Nein, man hat es nicht gemerkt; sonst hatte man freupig einstimmen müssen. Oder ist es nicht .denkbar, daß auch der Lehrinhalt der jüdischen Religion Vorstellungen mit sich führte, die/ von der Gewohnheit großgezogen, und von. der Denkfaulheit begünstigt, den Strahlenglanz des, jüdischen Monotheismus verdunkelten? Sei dem ' wie immer; wie konnte unser Inquisitor angesichts dieser

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