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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1912-11-01 · Heft 44 (1.11.1912) · p. Seite 527

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
76 (1912)
Issue
Heft 44 (1.11.1912)
Date
1912-11-01
Page
Seite 527 (sequence 11)
Language
German
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das Haus zu verlassen, da wußte er nur eins, er werde sich niemals diesem Menschen aus einer arideren' unsäglich sremden Welt verbrüdern können, noch jemandem, in dessen Herz eine Welle des gleichen Blutes kreiste. In dem Briese, den er am selben Abend an Dorothea schrieb, suchte er diesem Bewußtsein Ausdruck zu geben. „Er fühle plötzlich, nachdem er ihren Bruder gesehen habe, eine fremde Welt zwischen ihnen emporwachsen. Er könne eine Ehe nicht mehr für möglich halten; sein Instinkt überzeuge ihn, daß alle Liebe'die Fremdheit nicht Überdrücken werde. Und dieser Ueberzeugung müsse er folgen, wie einem Schicksal, dem er mit gebundenen Händen ausgeliefert fei. —" Herr Roth atmete schwer auf, als habe sich eine Last auf ihn gewalzt, dann strich er mit der Hand über die Decke des Tisches, der neben dem Spieltische stand, als wolle er etwas fortsegen, und sagte nach einer kleinen Weile: „Sehen Sie, nachdem ich mir Gutewskis Bild klargemacht habe, verstehe ich seine Handlungsweise. Man darf nicht sagen, er sei Dorotheas unwert gewesen. Als er Mar sah, muß ihn wie ein Blitz die Erkenntnis getroffen haben, wie heimatlos und innerlich enterbt die Geschwister sind. Er erblickte in Max Zügen nicht nur die Ähnlichkeit mit der Geliebten, sondern auch mit den Kindern, die seiner Ebe entsvrießen würden. Und er sah eine Frau an seiner Seite, die im Grunde traditionslos war, trotz aller persönlichen Kultur. Wäre sie reine Jüdin gewesen, es hätte ihn bei seiner starken Liebe nicht angesocbten. und er hätte sich den Mächten einer gleichbedeutsamen Tradition gegenübergesehen. Nun aber schien sie ihm wie etwas Bodenloses, Fremdes, Unklares. Wie ein edles Pferd vor einem unsichtbaren Abgrund scheut, den es unter einer Laubdecke wittert, so drängte ihn sein sicherer Instinkt zurück von dieser Frau. Er empfand sie in ihrer Heimatlosigkeit als die Stärkere, als so stark, daß sie eher ihn sich selber entfremden, ihre Kinder friedlos macken müßte, als daß sie in seiner alten rassigen Kultur Heimat finden würde. Alles, was in ihr bisher rätselhaft und dunkel erschienen war und feine Liebe, aerade. genährt batte, war ihm plötzlich klar und vergrößerte seine triebhafte Furcht vor diesen fremden Gewalten, denen er sich nicht zuaesellen durfte. — Den Grund der Auflösung des Verhältnisses weiß hier kein Mensch. Aber man erzählte sich, Max habe sich mit Gutewski geschlagen. Daran ist natürlich kein wahres Wort. Es sind ja beide Teile zu bedauern, am meisten natürlich die Geschwister Dohms, für die wohl auch Sie mein starkes Mitgefühl teilen werden. Alle Erwägungen können die tiefe Traaik. die in diesem Aufeinanderprallen zweier gegensätzlicher Welten liegt, nicht mindern: die Tatsache behält ihr grausames ehernes Gesicht. Ja, dies seltsame Walten der Gesühlskräfte scheint mir heute gesetzmäßig und — notwendig." So ruhig sprach der alte Herr Roth, so gelassen, als erblickte er all dies seherisch von einer jenseitigen höheren Warte. Nun wandte er sich zu seinem Neffen: „Du erzähltest mir kürzlich von einem Freunde, dem jungen Maler Vesta. Der verdankt, sagst du, sein Talent der Verinnerlichung alles Erlebens, der Konzentration seiner seelischen Gesamtkräfte. In einer herben Kunst strömt er all fein Glühen, feine Enttäuschungen, seine Sinnlichkeit, alle Gewalten des Herzens aus. — Zwei Jahre lang hat sich Dorothea nach diesem Sturz mit Max zurückgezogen. Diese Jahre haben sie in den Schmerzen der Ueberwindunq gehärtet. In ihnen reifte ihre ganze ~ Energie, ihre Geschlossenheit, der rastose Trieb nach vorwärts und die Wehrhaftigkeit ihres Aussehens, und vielleicht haben diese Jahre ihr eine Heimat geschenkt: ihre große Kunst. --" Die -drei Herren erhoben sich. Der,Erzähler klopfte seinem Neffen auf die Schulter: „Das Leben ist mannigfaltig, lieber Junge. Du kennst mich gut genug'um zu wissen, daß ich keine These aufstellen will. Aber es gibt zu denken. —" Nach einer Pause fugte er sich bezwingend hinzu: „Nun hören Sie mal die schöne Gavotte drüben, haben Sie nicht Lust, lieber Noorden?" Der schüttelte aber bloß den Kopf. . -»**• Litersrilche Mitteilungen. — N e l igionsbuchfürdenifraelitischenNeligiousunterricht an den Ob erkl ass en der Gymnasien un d Töchterschulen, herausgegeben von Dr. Max Freudenthal, Rabbiner in Nürnberg. Verlag der Friedr. Kornschen Buchhandlung in Nürnberg, 1912. — Preis 2.20 Mark. ° - Ein neues Buch für den' jüdischen Religionsunterricht ist dankbar zu begrüßen. Noch fehlt es dem jüdischen Neligionslehrer an notwendigen Hilfsmitteln, wie sie dem nichtjüdischen zur Verfügung stehen. Der katholische Seminarist, der nach bestandenem Examen als Lehrer hinauszieht, schafft sich das wissenschaftlich und pädagogisch ausgezeichnete „Handbuch zur biblischen Geschichte" von dem Mainzer Theologieprofessor Dr. Selbst an und hat damit für den Unterricht in biblischer Geschichte alles, was er braucht. Das eine Buch bietet ihm eine gründliche Vorbereitung und gibt ihm noch Anregungen zum Nachdenken und zum Weiterarbeiten. Ebenso sind für den evangeliscken Lebrer hin Präparatiönen uir biblischen Geschickte von Staude und von Rothstein eine vorzügliche Anleitung. Dorn indischen Seminarillen. der nach woblbestandener Vrüfung ins Lebrawt geht, sieb-m fedoch derartig ausreichende Hilfsmitel noch nicht zu Gebote. Er bat?u ieder Unterrichtsstunde selbständige Studien zu macken und werden dadurch nickt geringe Anford"runaen an seinen dauernden Flein und seine Mln e,,e gestellt. Die Benutzmm der anaesübrten Werke nicktiüdiscke.. Autoren ist aber sür den indischen Reliaionslehrer nur mit Vorsicht zu empfehlen, weil sie sämtlich ckristologische Tendenzen verfolgen. Es wäre darum eine dankenswerte Tat der Gesellschaft?nr Förderung der Wissenschaft des Judentums oder des Dentsch-Jsraelitiscken Gemeindebundes, durch Unterstützung vädagoaisck tüchtia-n: Gelehrten die Herausgabe guter Hilfsbücher für den jüdischen Religionsunterricht zu ermöglichen. Ein solches Buch zur Erleichterung des Reliaionsunterrichts ist die Schrift von Freudenthal. Es ist ein Lesebuch, das uns von verschiedenen Autoren Aufsätze über religiöse Themata vorführt, jedoch in der Weise, daß der Herausaeber die Vorlage meist bedeutend aekürzt hat: so nimmt zum Beispiel der Aufsatz „Das Volk der Offenbarung" in Güdemanns indischer Avologetik 18 Seiten ein, während es Freudenthal durch Auslassungen. Umarbeitungen itrth Hinzufügungen auf sieben Seiten zur Darstellung gebracht hat. 24 Themata behandelt das Buch auf 159 Seiten, u. a. das Wesen der Religion nach Abraham Geiger, das Judentum und seine Geschichte. I. Vorlesung, der Wert der Leiden ans Samson Raphael Hirschs Choreb, Kapitel 11 und 88. Manche Artikel sind aus Aussätzen verschiedener Verfasser zusammengeschweißt. so der 10. Artikel: die Unsterblichkeit der Seele, bearbeitet nach H. S. Hirschfelds Lehren von der Unsterblichkeit der Seele bei den verschiedenen Völkern, ferner nach der Arbeit von Jsmar Elbogen. die Religionsanschaunngen der Pharisäer ittih nach Kaufmann Köhler. Grundriß einer svstematisch'en Theologie des Judentums, Kapitel 45. Am meisten sind benutzt: Leo Bäck. Wesen des Judentums, und Ludwig Philippson, israelitische Religionslehre und gesammelte Abhandlungen. Auch Steinthal, Moritz Lazarus, Herrmann Cohen u. a. konnnen zu Worte. Sehr ungern vermisse ich es, daß M. Joöl, dessen religionswissenschaftliche Schriften jedenfalls zu dem Besten gehören, was wir aus dem Gebiete der Religionskunde besitzen, gänzlich übergangen ist. Gerade der mustergültige Stil Joöls macht viele seiner Schriften noch leichter für die Schule verständlich, als manche der angeführten Aufsätze es sind. Es kann wohl keinen passenderen Aufsatz sür reifere Schüler geben als Joels Vortrag über den wissenschaftlichen Einfluß des Judentums auf die nichtjüdische Welt. Auch aus den Schriften von Maybaum, Plilipp Bloch und Guttmann, den anerkanntesten jüdischen Gelehrten unserer Zeit, hätten sich sehr geeignete Auszüge sür das Religionsbuch finden lassen. — Das Buch ist für die reifere Jugend bestimmt und setzt eine gute Vorbildung in biblischer und jüdischer Geschichte, in Bibelkunde und Religionslehre

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